Geschrieben von am 18.07.2014 in EKiR | 3 Kommentare

Bewundernswerte Unbeugsamkeit

Bewundernswerte Unbeugsamkeit

Paul Schneiders Schicksal geht mir nahe. Heute, am 18. Juli, jährt sich der Tag seiner Ermordung zum 75. Mal, der Tag, an dem ihn die Nazi-Schergen auf der Krankenstation des KZ Buchenwald vorsätzlich mit einer Überdosis Strophantin töteten. Pfarrer Paul Schneider ist bekannt geworden als der „Prediger von Buchenwald“, der sich bis zuletzt den Mund nicht verbieten ließ.

Erschütternd und beschämend ist, wie eng die damalige Kirchenleitung, das Konsistorium, mit den Staatsorganen zusammengearbeitet hat. Das Opfer wird geradezu zum Täter gemacht, wenn die vom Konsistorium betriebene Entfernung aus der Pfarrstelle in Dickenschied (Hunsrück) mit seinem Aufenthalt im Konzentrationslager begründet wird. Wenn unsere heutige Kirchenleitung an Paul Schneider gedenkend erinnert, dann tun wir dies auch im Bewusstsein an diese unentschuldbare Kollaboration zwischen Kirchenleitung und den Staatsorganen.

Wenn man sich mit dem Denken und Wirken Paul Schneiders befasst, dann entdeckt man, er war auf seine eigene Weise auch Kind seiner Zeit. Er war nicht für unsere heutigen Begriffe, sondern auch für die damalige Zeit konservativ. Immerhin war Paul Schneider ja sogar anfangs aufgeschlossen gegenüber dem Nationalsozialismus. Gerade seine konservative Theologie trieb den Pfarrersohn dann aber in den Widerstand.

Von seinen Überzeugungen wich er nicht ab: Konsequent und beharrlich ging er seinen Weg der Nachfolge Christi. Heute ist uns manches fremd, was damals noch kirchlicher Alltag war. Beispielsweise die Kirchenzucht, für die Paul Schneider vehement eintrat. Auch manche seiner ethischen und moralischen Positionen sind uns heute fremd.

Die Evangelische Kirche im Rheinland gedenkt Paul Schneider und erinnert – ich tue dies als Prediger im Gedenkgottesdienst am 75. Beerdigungstag in Dickenschied – an einen Mitbruder, der bereit war, für das Evangelium mit dem Leben einzutreten. Er nahm ein grausames Schicksal auf sich, verlor sein Leben in einer Zeit, in der zu viele der Ideologie der Deutschen Christen und dem totalitären Anspruch des Nationalsozialismus folgten.


3 Kommentare

  1. Ich bin über den Satz gestolpert: „Gerade seine konservative Theologie trieb den Pfarrersohn (Paul Schneider) dann aber in den Widerstand.“ Sollte man nicht besser von „bekenntnisorientierter Theologie“ sprechen?
    Die oft so geschmähten bekennenden Christen haben vielfach in der Geschichte der Kirche Widerstand geleistet, weil sie sich in ihrem Gewissen an Gottes Wort und nicht an den Vorgaben der Herrschenden orientieren.
    Ich möchte ketzerisch hinzufügen: Sind es nicht auch heute die bekenntnisorientierten Christen, die – einsam auf weiter Flur – Widerstand gegen die Gleichschaltung unserer Kirche mit der gegenwärtigen Gesellschaft leisten? Eben aus dem gleichen Grund: Weil ihr Gewissen an Gottes Wort und nicht an die vorgeblichen Heilslehren der weithin herrschenden 68er-Ideologie gebunden ist.
    Durch bekennende Christen wird unsere Kirche auch heute zum Salz der Erde und Licht der Welt.

  2. Sehr geehrter Herr Präses,
    in Ihrer Predigt schreiben Sie: „Nicht: Am Anfang war das Wort, und seither ist es dabei geblieben. Aus dem Wort wird die Tat, werden Taten.“
    Ist die Tat mehr (wert) als das Wort? Was bedeutet, dass es seither nicht „dabei geblieben“ ist, angesichts der Fortsetzung in Joh 1,1: „und Gott war das Wort?“ In welchem Verhältnis steht die „Tatwerdung“ zur Fleischwerdung (Joh 1,14) des Wortes?
    Für eine Antwort wäre ich dankbar. Liebe Grüße.

  3. Hans-Eberhard Dietrich, Stuttgart

    Wer an Paul Schneider gedenkt, sollte darüber nicht vergessen, dass er das erste Opfer des frisch eingeführten Wartestandes, verbunden mit der sog. Ungedeihlichkeit, in der DEK 1939 war. Die Umstände der Einführung dieses Pfarrergesetzes in der Altpreußischen Union und bald auch in anderen Landeskirchen dokumentiert die geistige und organisatorische Nähe zu den Deutschen Christen, die bekanntlich aktiv die Nazi-Ideologie unterstützten.
    Der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats der altpreußischen Union in Berlin Dr. Friedrich Werner erließ am 18. März 1939 die „Verordnung über die Versetzung von Geistlichen aus dienstlichen Gründen“. Der Wartestand konnte nur von der jeweiligen Provinzialkirche ausgesprochen werden. Kennzeichen dieser Verordnung ist: Sie nimmt Bezug auf die 17. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 10. Dezember 1937, die sich wiederum auf das „Gesetz zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 24. September 1935“ gründet. Dieses von Adolf Hitler unterzeichnete Gesetz war ein Reichsgesetz, mit dem der Staat unmittelbar in die Kirche hineinregieren konnte.

    Maßgeblich an dieser Entscheidung hat sicherlich mitgewirkt das Drängen der Rheinischen Provinzialkirche. Im Jahre 1937 trat Dr. Walter Koch, ein strammes Mitglied der NSDAP, an ihre Spitze. Wiederholt wandte er sich an den Präsidenten der altpreußischen Union in Berlin und verlangte, eine neue
    gesetzliche Grundlage zu schaffen, um Pfarrer ohne ein förmliches Disziplinarverfahren aus ihrem Amt zu entfernen. Im Hintergrund standen Auseinandersetzungen um bekenntnistreue Pfarrer. Die NSDAP erklärte sie zu Staatsfeinden und verlangte von der Kirchenleitung in Düsseldorf ihre Ablösung, so auch Paul Schneider. Das geltende Disziplinarrecht ermöglichte es dem Konsistorialpräsidenten Koch jedoch nicht, gegen die von der Partei zu Staatsfeinden erklärten Persönlichkeiten vorzugehen, weil darin keine Amtsverfehlung lag. Koch beklagte sich z. B. im Hinblick auf Pfarrer Fritze in Köln am 10. Oktober 1938:
    „Es zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit wieder wie bedauerlich das Fehlen einer Möglichkeit der Versetzung in den Wartestand ist in Fällen dieser Art.“ So gesehen war die 1939 erlassene Verordnung der Zentrale eine von der Rheinischen Provinzialkirche heiß ersehnte Maßnahme. Sie wandte das Gesetz sogleich an. Bekanntestes Opfer war der Pfarrer der Bekennenden Kirche Paul Schneider. Er wurde am 15. Juli 1939 in den Wartestand versetzt. Doch bereits eine Woche zuvor war er an einer Misshandlung im KZ Buchenwald gestorben.
    Übrigens: Trotz kritischer Stimmen im Vorfeld wurden „Ungedeihlichkeit“ und „Wartestand“ ins neue seit 2010 EKD-weit Geltende Pfarrdienstrecht übernommen.

    (Wer sich für die Quellen interessiert, hier zwei Beiträge: Hans-Eberhard Dietrich, Die bessere Gerechtigkeit, 2010 und ders. „Die Versetzung von Pfarrern in der protestantischen Tradition und die Einführung des Wartestandes“. Zeitschrift evangelisches Kirchenrecht Juni 2008)

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