Geschrieben von am 6.11.2014 in Medien, Sozialethik | 3 Kommentare

Gewaltfreiheit ist Prima Ratio

Gewaltfreiheit ist Prima Ratio

Die schreckliche politische und die desolate humanitäre Situation im Irak fordert uns auch als Christinnen und Christen heraus. „Es gibt Situationen, in denen muss man dem Rad in die Speichen greifen“, so hat es Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt. Die Welt darf nicht beobachtend zusehen, wie Menschen im Irak gequält, gejagt, gefoltert und getötet werden. Es muss mit aller Kraft versucht werden, Terror, Mord und Gewalt zu beenden. Dass dazu auch deutsche Waffenlieferungen gehören könnten, konnte ich mir bisher nicht vorstellen, sehe dies aber angesichts der aktuellen Situation als ultima ratio an. Am politischen Grundsatz, Waffen nicht in Spannungsgebiete zu liefern, sollten wir aber auf jeden Fall festhalten. Die wichtigste Aufgabe in Krisen und Konflikten ist eine gewaltfreie Bearbeitung.

Wir stehen in einer friedensethischen Diskussion, wie wir auf den Krieg und Terror im Irak am besten reagieren. In seiner letzten Sitzung hat sich unser Ausschuss für öffentliche Verantwortung intensiv mit diesen theologischen und ethischen Fragen befasst und dazu den Text „Gewaltfreiheit als Prima Ratio. Eine Argumentationshilfe aus der Perspektive christlicher Friedensethik zum IS-Terror im Nordirak und Syrien“ verabschiedet.

Im September hat sich auch der Rat der EKD auch zu dieser Frage geäußert und eine friedensethische Stellungnahme mit dem Titel: „UN-Mandat für Einsatz gegen IS-Terror. Schutz von Flüchtlingen hat höchste Priorität“ verfasst.

In einem Brief habe ich den Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Ämtern, Werken und Einrichtungen sowie den Pfarrerinnen und Pfarrer die Argumentationshilfe und die Stellungnahme zugesendet, damit sie diese bei den Diskussionen vor Ort einbeziehen können.

Wir haben den Brief und die Argumentationshilfe auf der Homepage unserer Landeskirche eingestellt, um einen leichten Zugang zu diesen Dokumenten zu ermöglichen.

Ich würde mich freuen, wenn Sie sich auch an der Diskussion – gerne auch hier im Blog – beteiligen.


3 Kommentare

  1. Nach meiner Überzeugung unterliegen der Rat der EKD und die Synode der EKD noch immer der Selbsttäuschung, wenn sie noch so sehr den Vorrang aller dringenden nichtmilitärischen Maßnahmen und Hilfeleistungen, besonders für die Millionen Flüchtlinge betonen, aber letztlich doch an der ultima ratio festhalten (als letzter Ausweg, um Menschen zu schützen, kann ein militärischer Einsatz im Sinne rechtserhaltender Gewalt legitim sein) .
    Das Festhalten an der ultima ratio bedeutet, dass alle Nationen sich darauf vorbereiten müssen, für diesen äußersten Fall gerüstet zu sein. Und zwar so, dass sie siegen und nicht in einem militärischen Konflikt unterliegen. So wird nicht nur das ganze Militärwesen bleiben wie es ist, es wird auch dem Zwang zur ständigen Modernisierung unterliegen. Wer sich fortwährend auf den Krieg vorbereitet, wird auch immer wieder Krieg führen müssen. Der Krieg kann nur überwunden werden, wenn die Institution des Militärs überwunden wird.
    Ich sehe auch keine Möglichkeit, die Institution des Militärs mit dem Evangelium von Jesus Christus, der befreienden Botschaft für alle Völker, in Einklang zu bringen.

  2. Eine Vernunft (ratio), die (prima) nicht will, was sie (ultima) tut und nicht tut, was sie will, ist uneins mit sich selbst und kann wahrscheinlich nicht bestehen.

    Wieviele Böse müssen noch (ultimativ) getötet werden, damit die Welt gut wird?

    „Wir sind gegenwärtig Zeugen furchtbarer Verbrechen. Verübt von Kämpfern der Terrorgruppe IS…“, schreibt der Rat der EKD.

    Das ist sicher richtig, aber sind wir denn nicht seit langem Zeugen furchtbarer Verbrechen? Verübt von unserem Wirtschaftssystem, durch das täglich zehntausende Menschen verhungern, Ökosysteme vernichtet, Würde zerstört wird?

    Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen (Mt 26,52). Das gilt wohl auch für das Schwert, das aussieht wie ein Geldschein.

    Jesus sagt, er sei nicht gekommen Frieden zu bringen auf die Erde, sondern das Schwert (Mt 10,34). Wer Christi Frieden will, der anders ist als der Frieden, den es auf der Welt gibt (Joh 14,27), der muss wohl oder übel Jesus bis ans Kreuz folgen.

    Der Friede Gottes ist weder prima noch ultima ratio, er ist höher als alle Vernunft.

  3. Sehr geehrter Herr Rekowski,

    ich freue mich als einer der Repräsentanten der deutschen Friedensbewegung sehr über diese zur Diskussion anregende Stellungnahme. Die Problematik des IS ist sehr komplex und wohl nicht mit wenigen Sätzen zu schildern. Ich teile das Bestreben, nach Möglichkeiten zu nichtmilitärischen Alternativen in der Auseinandersetzung mit dem IS zu suchen.

    Ich werde am 10.3. beim „kirchenkreis moers neues evangelisches forum“ zum Thema „Kann man mit islamistischen Rebellengruppen verhandeln?“ referieren.

    In diesem Zusammenhang will ich mit Blick auf den IS und aus der Erfahrung der Gespräche ISAF-Taliban 2010 Möglichkeiten und Probleme ansprechen.

    Ich hatte im September 2009 gemeinsam mit dem afghanischen Stammesführer Naqibullah Shorish einen Gesprächskanal zwischen dem ISAF-Oberkommando und der Talibanführung geöffnet. Dabei kam es im Juli und August 2010 zu zwei Treffen zwischen ISAF-Offizieren aus Deutschland, GB und USA auf der einen und hochrangigen Talibanführern (die Talibankommandeure von Kabul und Jalabad sowie ein Abgesandter von Mullah Omar) in Kabul. Dabei wurde von diesem Teilnehmerkreis in Grundzügen eine tragfähige politische Friedenslösung erarbeitet.

    Leider wurde nach der Pensionierung des ISAF-Oberkommandieren General Egon Ramms zum 31.9.2010 von dessen Nachfolger dieser Gesprächskanal beendet. Versuche, einen solchen Gesprächskanal wieder zu öffnen, scheiterten. Eine Nachricht an die Bundesregierung vom Januar dieses Jahres, dass die Talibanseite zur Wiederaufnahme des Gesprächsformats von 2010 bereit sei, blieb leider unbeantwortet.

    Die Geschichte des Gesprächskanals lesen Sie hier:

    http://aixpaix.de/afghanistan/shorish_interview-20130612.html

    Zur aktuellen Problematik des IS im Hinblick auf Afghanistan, wo derzeit die Taliban über ein Zusammenwirken mit dem IS diskutieren, schrieb der afghanischen Stammesführer Naqibullah Shorish vor wenigen Tagen:

    http://aixpaix.de/autoren/shorish/is-20141104.html

    Ich werde in den nächsten Tagen meine Kolumne in den „Aachener Nachrichten“ der IS-Problematik widmen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Otmar Steinbicker

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