Arbeit gehört zum Mensch-Sein

22. Mai 2013 von Manfred Rekowski

In Trier habe ich mit Bischof Ackermann eine Studie von Professor Stefan Sell vorgestellt, die sich mit den Auswirkungen der Instrumentenreform und der massiven Kürzungen in der Arbeitsmarktpolitik auf die betroffenen Menschen beschäftigt. Der deutsche Arbeitsmarkt hat in den letzten Jahren zweifellos eine erfreuliche Entwicklung genommen: Die Arbeitslosenquote ist im europäischen Vergleich besonders niedrig und die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse besonders hoch.

Das ist aber nur die eine Seite. Das große ungelöste Problem des deutschen Arbeitsmarktes ist die verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit. Noch nie war die Chance, als Langzeitarbeitsloser wieder Arbeit zu finden, so schlecht wie heute.

Arbeit gehört zum Mensch-Sein. Der Mensch braucht Arbeit, um seine Existenz zu sichern und Respekt und Anerkennung in unserer Gesellschaft zu finden. Nicht jeder schafft über Qualifizierung den Sprung in den regulären Arbeitsmarkt. Es ist daher an der Zeit, anstelle immer neuer Kürzungsrunden den Aufbau eines integrierten Arbeitsmarktes voranzutreiben. In diesem integrierten Arbeitsmarkt finden auch Menschen mit eingeschränktem Leistungsvermögen einen Arbeitsplatz und erfahren Respekt und Anerkennung.

Die Studie von Professor Sell finden Sie hier auf der Website unserer Landeskirche.

7 Antworten auf „Arbeit gehört zum Mensch-Sein“

  1. Ob die Arbeitsämter oder die Jobcenter immer so die idealen Vermittler von Stellen bzw. Jobs sind, sei mal dahin gestellt. Grundsätzlich kommt es auch auf die Motivation der Arbeitnehmer (AN) an ob sie vermittelbar sind? Seltene Berufsgruppen müssen bei neu Vermittlung sicherlich zuerst gewisse Lohnabstriche machen, leider, aber das ist leider oft so im Leben. Dann kommt noch die Kategorie AN hinzu die sich mit dem Chef einig sind und bar in die Hand verdienen und erst dann bei der Krankenk. angemeldet werden, wenn der Zoll oder das Arbeitsamt kontrollieren kommt ! Gerade aber die zuletzt genannten schummeln sich so gut durch die Zeit und verdienen ihr sicheres ALG und gut nebenbei und werden bestimmt auch von der kath. Studie nicht statistisch erfasst !

  2. Selbstredend gibt es Arbeitslose, deren Motivationslage am Boden ist. Insbesondere gilt dies für Langzeitarbeitslose. Weshalb dies so ist, ist aber auch weitgehend geklärt. Ich empfehle die Lektüre des Buches „Die Arbeitslosen von Marienthal“, Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit.

    Die Grundfrage ist aber meines Erachtens nicht, ob Arbeitslose die arbeiten wollen, zu welchen Bedingungen auch immer, eine Arbeit finden.

    Die Grundfrage ist, weshalb sich eine der reichsten Volkswirtschaften dieser Erde, diese Anzahl von Arbeitslosen überhaupt leistet und warum Massen von Menschen in prekäre Beschäftigungen getrieben werden, von deren Erlös sie nicht leben können.
    Das Argument, man könne ja über Hartz IV ausgleichen, deutet doch auf den Knackpunkt in unserer gesellschaftlichen Entwicklung hin.
    Der Ertrag der Arbeit fließt zum größten Teil eben nicht in die Hände derjenigen, die den Ertrag erwirtschaften. Und wenn sie dann am Hungertuch nagen, gleicht die Allgemeinheit dies ja aus. Diejenigen die den Ertrag einstreichen, zählen sich nicht zur Allgemeinheit. Das sieht man daran, ob und wo die Erträge „versteuert“ werden, oder wohin sie gesteuert werden, damit sie nicht versteuert werden.
    Soweit hat es die Politik durch ihre gesetzten Rahmenbedingungen für die sogenannte soziale Marktwirtschaft gebracht.
    Über die Kranken, Behinderten und Rentner will ich an dieser Stelle gar nicht reden.

    Die Kirchen sind in der Pflicht, diese Entwicklung deutlich zu benennen und auch deutlich diejenigen beim Namen nennen, die für dise Entwicklung verantwortlich sind.

  3. Ganz sicher müssen wir als Kirche auch selbstkritisch sein. Dazu gehört das Eingeständnis, dass es uns vermutlich trotz aller Bemühungen in der Tat nicht immer gelingt, Menschen in schwierigen beruflichen Situationen so zu begleiten, wie es wünschenswert wäre. Auch wir müssen unser Handeln kritisch überprüfen und ggf. verändern.

  4. Ich streite nicht ab, dass es Fälle gibt, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance (mehr) haben. Diese Menschen bekommen auch durch gezielte Einzelförderungen keinen Fuß mehr auf den Boden. Da müssen Möglichkeiten gefunden werden, ihnen eine Perspektive zu eröffnen – wie auch immer der aussehen mag. Es werden so viele Arbeitgeber von der BA oder dem Jobcenter gefördert, wenn Sie „Kunden“ einstellen, um sie dann wieder zu entlassen, wenn die Förderung ausläuft. Das ist schrecklich…

    Noch ein Wort in eigener Sache: Es ist schön, wie die Kirche sich für die Bedürftigen einsetzt. Ich hätte mir dieses Engagement auch bei mir von Seiten des Landeskirche erhofft, als ich aus dem z. A.-Dienst wegen der angeblich zu wenigen freien Pfarrstellen entlassen wurde. Diese Hilfe ist jedoch ausgeblieben. Leider hat sich die Kirche um ihre eigenen Mitarbeiter wenig gekümmert.

  5. Manchmal ist die Situation der Betroffenen jedoch auch aus vielfältigen Gründen ausgesprochen kompliziert. Es wurde in diesem Zusammenhang auch schon einmal von einem „komplexen Verliererschicksal“ gesprochen. Ein Beispiel finden Sie unter http://www.swr.de/landesschau-aktuell-rp/-/id=233240/sdpgid=794323/did=11465666/pv=video/nid=233240/5rmlhv/index.html
    Wahrscheinlich brauchen wir flexible Lösungen, aber niemand sollte aufgegeben werden. Vom Präsidenten einer Handwerkskammer habe ich gehört, was sich durch intensive und gezielte Einzelfallförderung erreichen lässt.

  6. Aufgrund eigener Erfahrungen kann ich nur sagen, dass zu viel auf den Arbeitsmarkt und die Arbeitsmarktpolitik geschimpft wird, anstatt auch die Verpflichtung der Arbeitslosen in den Blick zu nehmen und dieses Element mehr zu betonen. Ich selbst habe bei meiner Arbeit mit Arbeitslosen gesehen, dass zu viele nicht bereit sind, Abstriche zu machen in Bezug auf Lohn und die auszuführende Tätigkeit. Diejenigen, die arbeiten wollten, wozu auch Akademiker gehörten, sind für 6,30 Euro / Std. arbeiten gegangen. Ich selbst gehörte nach meiner Entlassung aus dem Dienst der EKiR dazu. Diejenigen, die arbeiten wollten, haben auch eine Stelle gefunden – zwar unterbezahlt und harte Bedingungen, aber es hat geklappt. Ich möchte damit nur sagen, dass viel auch an der eigenen Motivation und Bereitschaft liegt.

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