„Die im Dunkeln sieht man nicht…“

20. April 2013 von Manfred Rekowski

In diesen Tagen fiel mir ein Reisebericht von Superintendent Jens Sannig aus dem Kirchenkreis Jülich in die Hände. Er berichtet von der Situation afrikanischer Flüchtlinge, die vor politischen Konflikten und vor Armut flüchten und versuchen nach Europa zu kommen. Sehr eindrücklich schildert er dabei, wie er während eines Besuches vor einigen Wochen in Marokko die Situation der meist jungen Flüchtlinge erlebt: Unter menschenunwürdigen  Umständen lebend fehlt es an Nahrung, Kleidung, Wohnraum und medizinischer Versorgung. Frei nach Bertolt Brechts Dreigroschenoper kann man sagen, die Flüchtlinge sieht man nicht, denn sie befinden sich Dunkeln der öffentlichen Wahrnehmung. So erleben sie von der Weltöffentlichkeit fast gänzlich unbeachtet staatliche Willkür und Verfolgung.

In der politischen Diskussion reden wir von der Sicherung der EU-Außengrenzen, es geht aber nicht um abstrakte politische Ziele, sondern um Menschen, so wiese diese junge Frau aus Kamerun. Sie ist 23, und sie hat einen Traum: „Man sagt, das Leben in Europa ist besser.“ Ob sie je Europa erreicht, ob sie je ihr Wunschfach Medizin studieren kann, das ist mehr als ungewiss. Denn die junge Frau ist aus Kamerun quer durch Afrika geflohen, aber nun hängt sie in Marokko fest, lebt ohne Papiere in Rabat. Ihr Sohn ist ein Säugling, als sie schwanger war, wurde sie mit Steinen beworfen. Sie, die schwarze Frau, im arabisch geprägten Nordafrika.

Flüchtlinge campieren in Oujda/Marokko
Flüchtlinge campieren in Oujda/Marokko

Die Situationsbeschreibungen sind durchweg bedrückend. Superintendent Jens Sannig  berichtet aber auch von Hoffnungsgeschichten. Diese Berichte über den lebendigen Glauben, über die Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit und die gelebte (Nächsten-)Liebe sind bewegend und ermutigend. Eine kleine evangelische Kirche (EEAM)  nimmt sich mit sehr beschränkten Mittel in dem islamischen Land der afrikanischen Flüchtlinge zwischen Lebenstraum und Todeszaun an. Sie wächst nicht zuletzt durch die vielen Flüchtlinge aus den verschiedensten Ländern Afrikas.

Ich kann dieses biblische Zitat aus dem zweiten Mose-Buch (Exodus 22,20) nicht vergessen:

Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen

Die würdige Behandlung von Flüchtlingen folgt aus der Glaubenserfahrung Israels, dass Gott sein Volk aus der Unterdrückung befreit hat. Unser Glaube hat persönliche Auswirkungen, aber wir müssen auch fragen, was dies für die Flüchtlingspolitik unseres Landes bedeutet. Das wenigste, was wir tun können: das Flüchtlingselend nicht im Dunkeln zu lassen, sondern ins Licht der politischen Diskussion zu bringen, um nach Lösungen zu suchen.

Mich bewegt, mit welch großem Einsatz Christen im Rheinland die Kirche in Marokko unterstützen und nicht müde werden, uns an das Schicksal der Flüchtlinge in Marokko zu erinnern. Ich frage mich aber gleichzeitig: Was kann ich persönlich tun?  Was können wir gemeinsam tun?

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