Flüchtlingslager in Beirut: „Wie die Menschen hier überleben, bleibt mir ein Rätsel“

15. Mai 2015 von Johann Weusmann

Ich muss darauf achten, dass ich mit meinem Kopf nicht in die zahllosen Strom- und Telefonkabel gerate. Sie sind zwischen den Häuserblocks notdürftig aufgespannt. Ich bin in Schatila, dem palästinensischen Flüchtlingslager in West-Beirut. Alles ist hier notdürftig.

Ich besuche Schatila mit einem Team des lokalen Fernsehsenders SAT 7, der in der Region über das Fernsehen Bildungsprogramme für Flüchtlinge ausstrahlt. Wir melden uns zunächst bei der lokalen Vertretung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Gemeinsam mit Abu Ahmad, dem lokalen PLO-Vertreter, gehen wir durch die engen Gassen. Das Lager ist nur etwa einen Quadratkilometer groß.

Überall werden wir mit Platzmangel konfrontiert. Auf den Gebäuden werden provisorisch immer neue Wohnkomplexe errichtet. Nicht selten fallen sie unter ihrer eigenen Last wieder in sich zusammen. In den Wohnungen, die wir sehen, sind die Wände feucht.

Es gibt kaum Einrichtungsgegenstände. Alle Behausungen sind überfüllt. Vieles erinnert mich an die Situation, die mir aus den Townships in Südafrika vertraut ist. Wie die Menschen ihren Lebensunterhalt sichern und hier überleben, bleibt mir ein Rätsel.

Das Flüchtlingslager Schatila

Ich bin in Beirut zur Tagung des Exekutivausschusses der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK), diese Gelegenheit nutze ich, um Schatila zu besuchen. Der Ort hat 1982 traurige Berühmtheit erlangt, als hier und im Lager Sabra vor den Augen des israelischen Militärs bis zu 3.000 Zivilisten einschließlich Frauen, Kinder und Alte von libanesischen Milizionären verstümmelt, gefoltert, vergewaltigt und getötet wurden.

Einst vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes für 5.000 Flüchtlinge errichtet, leben heute in Schatila mehr als 22.000 palästinensische Flüchtlinge. In den zwölf großen Flüchtlingslagern des Landes sind es insgesamt etwa 400.000 Palästinenser.

Sie sind de facto staatenlos und leben weitgehend isoliert von der libanesischen Bevölkerung. Viele kommen aus Lagern in Syrien, in die sie 1948 aufgrund des Palästinakrieges geflohen waren.

Der Bürgerkrieg in Syrien und der IS-Terror bringen heute wieder Flüchtlinge in die Lager. So wiederholt sich das Flüchtlingsschicksal. Im Libanon sind die Flüchtlinge nicht willkommen. Bei nur 4 Millionen Einwohnern führen die 1,5 Millionen größtenteils aus Syrien stammenden Flüchtlinge zur höchsten Flüchtlingsdichte weltweit. Das ist für dieses mit internen Schwierigkeiten belastete Land kaum noch zu verkraften.

Schulunterricht für Flüchtlingskinder

Ich werde begleitet von Sylvia Haddad vom „Gemeinsamen Christlichen Komitee für Soziale Dienste im Libanon (JCC)“. Mit ihrer Organisation kümmert sie sich vor allem um die Flüchtlingskinder. In den von ihr betriebenen provisorisch eingerichteten Schulen am Rande der Flüchtlingslager werden rund 850 palästinensische Jungen und Mädchen unterrichtet.

Der Unterricht findet in arabischer Sprache statt. Zu den Prüfungen – vergleichbar mit Realschulabschluss und Abitur – werden Einreisegenehmigungen nach Syrien beschafft und die Kinder dorthin begleitet. Der syrische Schulabschluss soll ihnen eine Rückkehr nach Kriegsende erleichtern.

Ich bin beeindruckt, wie wissbegierig und diszipliniert die in den viel zu kleinen Klassenräumen zusammengepferchten Kinder dem Unterricht folgen. 87 Prozent schaffen den Schulabschluss im ersten Anlauf. Sie sind sehr dankbar für alles, was hier mit maßgeblicher Unterstützung von „Brot für die Welt“ geleistet wird.

Wir kommen ins Gespräch. Die Kinder erzählen mir von ihrer Flucht. Es sind erschütternde Berichte. Viele haben Angehörige und Freunde verloren. Fast alle Familien sind auseinander gerissen. Furchtbare Gewalterfahrungen haben sie in viel zu jungen Jahren geprägt.

Auch im Lager geraten sie zwischen die Fronten rivalisierender Extremisten. Je intensiver wir uns austauschen, desto mehr Tränen fließen. Mir wird immer deutlicher, wie traumatisiert diese Kinder sind. Für sie bleibt Frieden eine unerreichbare Utopie. Sie sind Teil einer „verlorenen Generation“. Und doch sind sie privilegiert, weil sie zu den wenigen Kindern gehören, die überhaupt eine Schulbildung genießen. Ihr Fleiß ist gepaart mit einer großen Sehnsucht nach Rückkehr. Sie wollen wieder nach Syrien.

Zeichen der Hoffnung

Ob dieses Ziel jemals erreicht werden kann, wissen sie nicht. Niemand weiß es. Zu komplex sind die Probleme und deren Ursachen. „Wer hier verallgemeinert, liegt schon daneben“, sagt Prof. Paul Haidostian in seinem eindrucksvollen Grußwort vor dem Exekutivausschuss der WGRK.

Der religiöse Extremismus verhindert den Frieden. Er wird gespeist von der Perspektivlosigkeit, die die Menschen quält. Letztlich kann nur über Teilhabe und Wohlstand ein nachhaltiger Friede erreicht werden. Davon ist die Region allerdings weit entfernt.

Und doch gelingt es gerade den kirchlichen Gruppen über ihre Projekte – so klein sie angesichts des Ausmaßes von Flucht und Vertreibung auch sein mögen – Zeichen der Hoffnung zu setzen. Menschen wie Sylvia Haddad und ihre Initiativen verdienen unsere ganze Solidarität.

Eine Antwort auf „Flüchtlingslager in Beirut: „Wie die Menschen hier überleben, bleibt mir ein Rätsel““

  1. Lieber Bruder Weusmann, herzlichen Dank für diesen Bericht – wo wird schon über die Situation in den palästnensischen Flüchtlingslagern berichtet? Wenn ich dieses Elend – auch an vielen anderen Orten – in den Blick nehme, muss ich daran denken, wofür in unserer geliebten EKiR Gelder ausgegeben werden, die an solchen Orten „Wunder“ wirken würden.

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