In Würde leben und sterben

22. Mai 2014 von Manfred Rekowski

Sterben ist ein großes Thema. Es treibt viele Menschen um. Deswegen habe ich auch gerne die Einladung zur Podiumsdiskussion zum Thema „In Würde leben und sterben“ in der Evangelisch-reformierten Gemeinde Ronsdorf (Wuppertal) angenommen. Ich war beeindruckt, wie intensiv die Diskussion war. Mein Interesse als Podiumsteilnehmer war es, zum einen wahrzunehmen und aufzugreifen, was auch viele Christinnen und Christen im Zusammenhang mit dem Sterben bewegt. Das Thema taugt nicht für einen Schlagabtausch, indem man jeweils die Richtigkeit der eigenen Position unterstreicht.

Gemeindeglieder stellen keine Fragen zu hypothetischen Situationen, sondern setzen sich in konkreten und oft auch bedrängenden Lebenszusammenhängen intensiv mit dem Sterben auseinander. Und manche denken auch über die Möglichkeit eines Suizides nach. Ich weiß, dass es Extremsituationen geben kann, in denen Menschen verantwortliche Gewissensentscheidungen treffen müssen und dabei das Gefühl haben, zwischen verschiedenen „Übeln“ wählen zu müssen. Wenn wir so Verantwortung übernehmen, können wir auch schuldig werden. Dietrich Bonhoeffer hat in anderen Zusammenhängen von „Schuldübernahme“ gesprochen. Die Gewissensentscheidung des Einzelnen respektieren wir in der Kirche, aber daraus lassen sich eben keine allgemein gültigen Normen ableiten.

Ich bin gewiss, dass weder Angehörige, die einen sterbenden Menschen begleiten, noch Kranke, die die Möglichkeit eines Suizids bedenken, aus der Beziehung zu Gott herausfallen. Deshalb haben wir uns in der Evangelischen Kirche im Rheinland dafür ausgesprochen, dass Menschen, die einen Suizid erwägen, auch seelsorglich begleitet werden.

Zum anderen ging es mir in der Podiumsdiskussion aber auch darum, sehr deutlich zu machen, welche Auswirkungen es für unsere Gesellschaft hat, wenn die aktive Sterbehilfe legalisiert und zu einer akzeptierten Option würde. Als Christen sind wir überzeugt, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes eine Würde hat, die auch in Krankheit und im Sterben nicht verloren geht. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich auch darin, wie sie mit Sterbenden umgeht.

Fragwürdig ist es, wenn die Selbstbestimmung des Menschen absolut gesetzt wird. Dies hieße nämlich im Hinblick auf das Ende des Lebens, dass die Vermeidung von Abhängigkeiten ein oberstes Ziel wäre. Unsere Menschenwürde liegt – theologisch gesprochen – jedoch nicht in der Fähigkeit, unser Lebens selbst zu bestimmen, sondern in unserer Gottesebenbildlichkeit. Das heißt: jeder Mensch behält seine Würde auch im Sterben, ob er als Parkinsonpatient oder als Demenzkranker stirbt. ‚Sterben in Würde‘ beginnt nicht erst dann, wenn ein Mensch selbst die Umstände seines Sterbens in die Hand nimmt.

Als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland stelle ich mich gerne der offenen Diskussion zu Themen, die viele Menschen bewegen und bedrängen. Brennende Fragen werden nicht dadurch gelöst, dass wir sie nur im Kreise Gleichgesinnter diskutieren. Daher freue ich mich auch über Ihre Rückmeldungen hier im Blog.

PS: Wer Details nachlesen möchte, findet hier mein Eingangsstatement zum Download.

3 Antworten auf „In Würde leben und sterben“

  1. Herr Werner Jacken hat Sie am 21.5.2014 mit folgenden Worten wiedergeben:
    Gleichwohl sei das Leben eine Gabe Gottes. Und mit dieser Gabe könne der Mensch nicht beliebig und losgelöst von Gott verfügen. Vielmehr sei „jeder vor die Aufgabe gestellt, mit dieser Gabe achtsam umzugehen und sein Leben in Verantwortung vor Gott zu gestalten.“ Dabei sei für ihn entscheidend, dass auch in fast aussichtsloser Situation immer noch etwas Neues beginnen kann und der Mensch von Gott noch etwas Gutes zu erwarten habe: „Für mich als Christ ist die unaufgebbare und unzerstörbare Würde eines Menschen Ausdruck seiner Gottebenbildlichkeit. Das heißt: jeder Mensch behält seine Würde auch im Sterben, ob er als Parkinsonpatient oder als Demenzkranker stirbt. ‚Sterben in Würde‘ beginnt nicht erst dann, wenn ein Mensch selbst die Umstände seines Sterbens in die Hand nimmt“, sagt der Präses.Große Sorge mache ihm die sozialethische Dimension einer gesetzlichen Freigabe der aktiven Sterbehilfe, gerade auch im Horizont der Ökonomisierung der Gesellschaft. Finanzielle Anreize seien in diesem Kontext ausgesprochen heikel.

    Die sozialethische Dimension bereitet mir auch Sorge und es freut mich, dass Sie das so ausdrücklich gesagt haben sollen. Zur Zeit erleben wir immer mehr, wie der Begriff „Selbstbestimmung“ zur „Bestimmung von Angehörigen“ wird. Insofern lehne ich das aktuelle Urteil des BGH zur positiven Stärkung des „mutmaßlichen Willens“ des Komapatienten ebenso ab wie die Position von Dr. Splitter.
    Meine Begründung ist schlicht: Die Selbstbestimmung ist weggefallen, wenn andere entscheiden. Das mag spitzfindig klingen, ist aber praktisch gemeint. Wenn zum Beispiel der Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider seine Frau aus Liebe umbringen will, ist das seine Entscheidung und Handlung. Er führt ja nicht ihren Willen aus, sondern eine Stimmung, die sich aus dem Kranheitszustand seiner Frau ergibt.
    Leider vermisse ich in der EKD das Argument von Immanuel Kant, der Selbstmord als ein Verbrechen versteht, weil jeder Mensch die Pflicht zur Selbsterhaltung hat. Das ist streng genommen nicht nur philosophisch, sondern auch sozialethische begründet, denn nicht immer macht das Leben in der Gesellschaft Spaß und bedeutet halt auch Anstrengung mit Leid und Pflicht.
    Gerade hier muss man einen kühlen Kopf behalten können, um dieser Pflicht gegen sich und andere nachkommen zu können. Und wenigstens dürfte klar sein, dass der Kopf eines Komapatienten wirklich kühl ist! Sein Körper aber warm und der Fürsorgepflicht anderer anvertraut. Warum lassen wir es nicht dabei? Wegen den schwachen Nerven von Angehörigen?

  2. Im Gegensatz zu Hr. Rekowski möchte ich selbstbestimmt leben und sterben. Ich akzeptiere seine Haltung, und hoffe, dass er auch meine akzeptiert. Und er möge bitte nicht seine Überzeugungen anderen überstülpen.

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