Indonesien zwischen Tradition und Moderne

13. Februar 2015 von Barbara Rudolph

Auch wenn ich die Sprache nicht verstehe, die Fernsehbilder, die das indonesische Fernsehen in mein Hotelzimmer schwappt, sind eindeutig: die Reportage eines Polizeieinsatzes in Medan, Sumatra, in dem ein Drogennest ausgehoben wird. Drogen sind zunehmend ein Problem in einer Gesellschaft, in der ansonsten sehr viel reglementiert wird. Der Drogenkonsum hat außerdem zu einem rasanten Anstieg von Aids geführt.

Viele Kirchen haben ein HIV/Aids-Programm aufgelegt, die HKBP hat gerade eine neue Stelle dafür eingerichtet, in den kirchlichen Krankenhäusern gibt es gesonderte Behandlungszimmer – schon eine Besonderheit – Patienten und Patientinnen mit HIV/Aids werden meist gemieden.

Angel heißt das 6-jährige Mädchen in Balige, deren Mutter und Vater HIV-positiv waren und inzwischen verstorben sind. Auch sie selbst ist HIV-positiv. Die Mitarbeitenden des Aids-Programms im Krankenhaus kümmern sich um sie. Sie hat es in ihrer Klasse nicht leicht, weil sie von den anderen Kindern gemieden wird. Aids ist eine schwere Stigmatisierung, das Tabu zu durchbrechen ist nicht leicht, auch wenn es inzwischen staatliche Programme gibt.

Das Motto der Kirche: „Null Ansteckung – Null Diskriminierung – Null Tod“ steckt die Ziele ab, die das Hilfsprogramm umfasst. Die Kirche setzt sich in dem Aids-Programm mit den aktuellen Fragen der modernen Gesellschaft auseinander. Leicht fällt es ihr nicht: „Wir sind eine konservative Kirche“, sagt Ephorus Simamarta. Und für Pfarrerin Paini aus Salatiga, Java, sind westliche Filme in ihrer Freizügigkeit fremd. Im Flugzeug stelle ich bei einem Inlandflug fest, dass zu eindeutige Szenen schwarz eingefärbt werden.

In der indonesischen Gesellschaft – zwischen Tradition und Moderne – führt die Globalisierung zu einer tiefen Verunsicherung und Entwurzelung. Die GKJTU in Zentral-Java, eine kleine reformierte Kirche, stellt sich den Problemen. Schon vor einigen Jahren haben sie das alte reformierte Bekenntnis, den Heidelberger Katechismus, ergänzt mit einigen neuen Fragen aus ihrem Kontext: Kultur, Verhältnis Staat und Kirche, Wirtschaft, Interreligiöser Dialog, Technologie.

Jetzt unterhalten sie ein Tagungszentrum, in dem sie Kurse anbieten, in dem sie christliche und traditionelle javanische Werte vermitteln wollen: Verantwortung, gegenseitige Fürsorge, Selbstständigkeit, ökologische Behutsamkeit, Rücksichtnahme und anderes. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bieten sie das Programm an.

In einem Land, in dem Korruption, behördliche Willkür und persönliche Bereicherung zur Tagesordnung gehören, ist das ein besonderer Akzent. Und für unsere jungen Menschen, die durch die Globalisierung entwurzelt sind, bieten diese Werte Offenheit für die neuen Entwicklungen und zugleich Halt in traditionellen Werten, die der Gesellschaft nutzen können.

Ich hebe in dem Gespräch mit der GKJTU hervor: Es wäre falsch, nur rückwärtsgewandt alte Werte hochzuhalten. Darum ist das Programm, den heutigen Kontext wahrzunehmen und Orientierung zu geben, ein hilfreicher Ansatz. Und Präses Manfred Rekowski stellt nach der Vorstellung des Programms der GKJTU fest: „Das Konzept überzeugt mich. Es gibt eine klare Analyse der Gesellschaft, klare christliche Perspektiven und nahe an den Menschen, unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit, entwickelte Programme.“

Direkt neben dem Kirchenbüro gibt es darum die Diakonie, die Stipendien vermittelt, Landentwicklung mit Biogasanlagen, Viehzucht und ökologischen Anbau fördert, besondere Frauenprogramme zur Einkommensverbesserung anbietet und Kleinkreditprojekte betreut.

In den Kirchen wächst das ökologische Bewusstsein, ökologischer Landanbau, Biogas-Anlagen und Aufforstung sind in fast allen christlichen Kirchen Indonesiens ein Thema. Indonesien ist ein Herzstück des Klimawandels, täglich wird hier unwiederbringlich Regenwald zugunsten von Palmöl- und Kautschukplantagen zerstört. Schon jetzt spüren die Indonesier, dass die Temperaturen steigen.

Zurzeit steht Jakarta nach starken Monsunregenfällen teilweise unter Wasser, der Meeresspiegel steigt. Die Vereinte Evangelische Mission (VEM) legt darum einen besonderen Akzent auf den Umweltschutz in Indonesien einerseits und das Konsumverhalten in Deutschland andererseits, weiß ich als Vizemoderatorin der VEM. Mit Willem Simamarta, dem Ephorus der HKBP, wurde vereinbart, dass das Jahr des Reformationsjubiläums auch zum Anpflanzen neuer Bäume genutzt werden soll, frei nach dem berühmten Satz Martin Luthers: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

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