Kriegsgeschichte(n): Versöhnung braucht Erinnerung

21. Juni 2016 von Manfred Rekowski

Anfang der 1990-er Jahre hatte ich auf Einladung der Initiative Pskow einen Mann aus der russischen Stadt zu Gast. Fjodor hieß er. Seine Hände zitterten beim Begrüßungskaffee. Fjodor saß zum ersten Mal im Kreise einer deutschen Familie. Ich ahnte, welche Bilder ihm dabei durch den Kopf gehen, an welche Kriegsgeschichten aus seiner Heimatstadt er sich erinnern mochte. Pskow hatte vor dem Krieg fast 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Nach dem Krieg lebten dort weniger als 100 Menschen. So sah der Vernichtungskrieg der Nazis aus: Keine Familie wurde verschont.

Fjodor sprach kein Wort Deutsch, ich kein Wort Russisch, aber mit Händen und Füßen und einem deutsch-russischen Wörterbuch verständigten wir uns und kamen uns näher.

Am 22. Juni jährt sich zum 75. Mal der Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. Dass trotz einer furchtbaren Kriegsgeschichte Schritte zur Versöhnung möglich sind, zeigt die Initiative Pskow, die rheinische Christinnen und Christen vor 25 Jahren initiiert haben.

Meine ersten Kriegsgeschichten hörte ich von meinen Eltern – lange bevor ich Geschichtsunterricht in der Schule erhielt und von der Shoa, dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden, und den Zusammenhängen und den Ursachen des Zweiten Weltkrieges hörte. Sie erzählten, wie es war, als Soldaten der Roten Armee 1945 auf den Bauernhöfen meiner Großeltern in Masuren erschienen. Manches wurde detailliert berichtet, anderes nur angedeutet. Als Kind vermittelte sich mir, dass „die Russen“, wie meine Eltern sowjetische Soldaten nannten, Angst und Schrecken verbreiteten.

Später begriff ich, dass meine Eltern, die am Kriegsende 11 bzw. 15 Jahre alt waren, wenig wussten über das, was deutsche Soldaten in Russland getan hatten. Für sie begann der Krieg erst 1945 mit dem Vormarsch der Roten Armee.

Wenn ich als Kind beim Kaffeetrinken meinen Großvater – er war Soldat im Russlandfeldzug – vom Krieg erzählen hörte, hatte das so gar nichts mit Gewalt und Tod zu tun. Es war eher eine Geschichte der Bewahrung. Als ich Jahre später von den rund eine Million Hungertoten der Blockade Leningrads erfuhr, wurde mir klar, dass mein Großvater als Soldat an einem verbrecherischen Krieg mitgewirkt hatte, auch wenn er hoffentlich nie an einem Kriegsverbrechen beteiligt gewesen war.

Dass der Vernichtungswille der Nazis nicht auf den Schlachtfeldern tobte, sondern gnadenlos und konsequent auch mitten in einer westdeutschen Großstadt umgesetzt wurde, gilt es ebenfalls aus Anlass des Jahrestages des Angriffs auf die Sowjetunion zu erinnern. Vor einiger Zeit erfuhr ich, dass auf dem evangelischen Friedhof, der unmittelbar an den Garten meines Wohnhauses grenzt, Kinder ehemaliger Zwangsarbeiterinnen beerdigt sind. Sie kamen in den Jahren 1942 bis 1944 in Wuppertal zu Tode. Die Kinder und Säuglinge sind gestorben, weil sie nicht oder nur unzureichend von ihren Müttern versorgt werden konnten oder in einem Kinderhort vernachlässigt wurden. Das wurde lange verdrängt und erst 2013 entdeckt. Nun wird auf dem Friedhof ein Gedenkort geplant, Schülerinnen und Schüler eines Wuppertaler Gymnasiums erinnern in diesen Tagen daran.

Kriegsgeschichten verjähren nicht, aber sie lehren uns, wenn wir sie recht hören. Denn Versöhnung braucht Erinnerung.

 

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