Lehren aus den Austritten

25. Juli 2015 von Manfred Rekowski

„Sind Sie noch drin?“ fragt ein Gemeindepfarrer der rheinischen Kirche auf seiner Facebookseite: „Sind Sie noch drin in der Kirche?“ Es ist schon länger nicht mehr selbstverständlich, in der Kirche zu sein. Das ist nicht erst klar, seitdem vergangene Woche die Austrittszahlen der christlichen Kirchen für das Jahr 2014 veröffentlicht wurden.

Zeiten ändern sich, und Menschen ändern sich in ihnen. Früher wählten (erwachsene) Kinder eher selbstverständlich dieselbe Krankenkasse wie ihre Eltern. Für die Wahl von Parteien galt ähnliches. Kirchenaustritte waren – auch wegen der Reaktion der Eltern und Großeltern – schier unmöglich. Das ist vorbei. So ticken Menschen nicht mehr. Es gibt nicht mehr die selbstverständliche Krankenkassen-, Kirchen-, Parteien- und Sonst-was-Treue. Das Bindungsverhalten hat sich verändert. Menschen schauen nach dem, was zu ihren aktuellen Bedürfnissen am besten passt. Auch mit Blick auf Kirche. Passt die noch in die Zeit? Hat die mir noch etwas zu sagen? Klimaschutz? Ist auch bei Greenpeace zu haben. Gerechte Löhne? Wollen die Gewerkschaften auch. Engagement für Flüchtlinge? Das bewegt, Gott sei Dank, viele. Braucht man eine Kirche, die nur nachplappert, was auch andere politisch oder zivilgesellschaftlich fordern?

Eine Kirche, die glaubt, dass Gott sich seiner Welt und den Menschen freundlich zugewandt hat, bleibt gefragt. Diese Kirche mischt sich hemmungslos ein, wenn es um gerechtes Zusammenleben und um Bewahrung der Schöpfung geht. Sie ist Lobbyistin der Vergessenen und Vernachlässigten und bleibt Anwältin des bedrohten und geschundenen Lebens. Diese Kirche vertraut darauf, dass Gott keinen Menschen aufgibt: im Leben und im Tod nicht. Deshalb begleitet sie Menschen in den Höhen und Tiefen des Lebens, in den guten und den bösen Tagen. In Gottesdiensten lädt sie zum Glauben an Jesus Christus, den Liebhaber des Lebens, ein. Sie hält die Hoffnung und Botschaft wach, dass Gott es gut meint mit den Menschen und seiner Welt.

„Das Evangelium ist eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft. Bei uns soll niemand auf den rechten Weg gezwungen werden. Aber wenn Sie den Weg des Glaubens gehen wollen, dann nehmen wir Sie gerne mit und helfen Ihnen auch gerne bei den ersten Annäherungsversuchen und bei den ersten Schritten.“ So schreibt der Pfarrerkollege bei Facebook. Ja, wer ahnt, dass es mehr als alles gibt, ist bei Kirche an der richtigen Adresse.

21 Antworten auf „Lehren aus den Austritten“

  1. Sehr geehrter Herr Rekowski,

    Ihre Worte machen uns in Rommerskirchen wieder Mut. Sie verheißen einen konstruktiven Wandel im Prozess, der auch die Belange der gut funktionierenden Kirchengemeinden berücksichtigen wird und nicht versucht, im Interesse einer Struktureinheit Ungleiches gleich zu machen. Durch die Akzeptanz der bunten Vielfalt unserer Kirchengemeinden, die sich an ihren Mitgliedern, den Menschen, orientiert, werden Sie viel Schaden von der Kirche abwenden können. Haben Sie vielen Dank dafür. Ihre Worte in Verbindung mit der klaren Aussage von Herrn Weusmann, dass nichts erzwungen werde, lässt uns ruhiger unseren eigentlichen Aufgaben nachgehen.

  2. Ich halte die Stellungnahme von Bernd Kehren vn heute (23. September) für ausgesprochen wichtig, weil sie auf ein in der Tat zentrales Problem unserer Kirche(nordnung) verweist. Zunächst einmal ist „Vernetzung“ ein Stichwort, dass mit gutem Grund in den Debatten eine zentrale Rolle spielen wird. Auf dem landeskirchlichen Pfarrerinnen- und Pfarrertag am 11. September (nicht zu verwechseln mit dem des Pfarrvereins, der am 2. November stattfindet) wurde – wenn ich das richtig verstanden habe – die These auf gestellt dass wir das „Paradigma der (zentralen) Steuerung“ hinter uns lassen und dem „Paradigma der Vernetzung“ entgegen gehen. Das leuchtet mir ein. Es ist sicher hilfreich, die Kirche als Netzwerk zu betrachten. Aber Vernetzung ist etwas anderes als Zentralisierung. Vernetzung ist polyzentral und Zentralisierung schafft wenige Machtzentren, die das Ganze steuern sollen.

    Dass Presbyterien zu solchen Machtzentrentren werden und damit verheerenden Schaden anrichten können, ist nicht zu bestreiten. Ich habe in meiner langsam sich dem Ende zuneigenden Dienstzeit beides erlebt – ein ausgesprochen kompetentes Presbyterium mit klugen, uneitlen und engagierten Mitgliedern und ein Presbyterium, das, ohne es zu merken, völlig überfordert war – das aber dieselbe Machtfülle besaß.

    Es sind im wesentlichen zwei Probleme, die zu solchen Schieflagen führen. Zum einen sind etliche der Presbyterien ja nicht gewählt, weil auf Grund des Mangels an Kandidaturen keine Wahl zu Stande gekommen war. Die Gemeinde hat in solchen Fällen keine Möglichkeit, Personen, die nach ihrer Ansicht nicht geeignet sind, eben nicht zu wählen. Darüber hinaus müsste – ähnlich wie bei Parteivorstandswahlen – eigentlich gelten, dass nur gewählt ist, wer mindestens 50% der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt.

    Das andere Problem ist aber das noch gravierendere: Die Mitglieder von Presbyterien müssen ihre Entscheidungen und für ihr Leitungshandeln nicht wirklich verantworten oder dafür die Haftung übernehmen. Jeder Vereinsvorstand muss einen Rechenschaftsbericht vorlegen und Entlastung beantragen, wenn das nicht geschieht, muss er zurücktreten und die Vorstandsmitglieder müssen für entstandene Schäden haften. Presbyterien müssen das nicht, und unsere jährlichen Gemeindeversammlungen – wenn sie denn überhaupt stattfinden – sind Alibiveranstaltungen. Jedes Presbyteriumsmitglied kann im Konfliktfall – oder weil es einfach keine Lust mehr hat – von einem auf den anderen Tag aus dem Presbyterium austreten und muss nicht befürchten, noch einmal Stellung nehmen zu müssen oder sonst mit den Problemen behelligt zu werden. Als ich 2008 auf Betreiben des Superintendenten nach jahrelangen Konflikten und mehreren Fällen von Mitarbeiter-Mobbing abberufen wurde, geschah dies unmittelbar vor der Presbyteriumswahl, bei der etliche Mitglieder des Presbyteriums nicht mehr antraten – also noch nicht einmal förmlich austreten mussten – und seitdem mit den Problemen der Kirchengemeinde in Frieden gelassen wurden.

    Daraus allerdings den Schluss zu ziehen, die Presbyterien zu entmachten und stattdessen die Zentralen walten zu lassen, weil da angeblich die kompetenteren Köpfe sitzen, halte ich für fatal. Da bin ich nun auch als bekennender Lutheraner ein Rheinländer bis auf die Knochen. Wir erleben ja gerade eine Entmachtung der Presbyterien großen Stils, im Namen der Reigionalisierungs-, Fusionierungs- und Konzentrationsprozesse. Die Presbyterien leiten ja nicht mehr, sie verwalten nur noch. Wirklich geleitet wird viel weiter oben – aber das ist das Gegenteil von Vernetzung! Die Antwort muss dagegen lauten: Setzt die Presbyterien endlich in Stand, dass sie ihre Gemeinden leiten. Die Presbyterien sind die Kirchenleitung! Dazu brauchen Sie den Freiraum und die Machtfülle, die sie nicht haben. Dazu müssen sie wirklich Verantwortung und Haftung übernehmen, anders als bisher. Sie müssen öffentlich Rechenschaft vorlegen und Gemeindeversammlungen müssen das Recht haben, Entlastung zu erteilen oder eben nicht. Letztlich liegen die Probleme in dem Versuch unserer Kirchenordnung, presbyteriale und konsistoriale Strukturen miteinander zu kombinieren, und genau das funktioniert nicht. Jetzt ist die Zeit gekommen, für eine funktionierende, echte presbyteriale und synodale Ordnung unserer Kirche zu streiten.

  3. Einige Kommentare beklagen, dass den Presbyterien Verantwortung weggenommen und „nach oben“ verlagert würde. Gleichzeitig werden kleine Gemeinden inmitten von Hochhäusern in den USA empfohlen.

    Dann muss man bitteschön aber auch ehrlich schauen, dass diese Presbyterien in der Vergangenheit Entscheidungen getroffen haben, deren Auswirkungen viel später eine ganze TheologInnengeneration auszubaden hatte und die noch lange und schmerzhaft auch in den Gemeinden fortwirken werden.

    Wie oft haben die Gemeinden in Bewerbungsverfahren junge Kolleginnen gewählt (für die war es ja ganz schön) und bewährte ältere Kolleginnen blieben ohne Stelle, obwohl die Kirche insgesamt sich durch deren Verbeamtung verpflichtet hatte, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

    Die Kirche ist dieser Verpflichtung lange durch Beschäftigungsaufträge bis zur Pensionsgrenze nachgekommen, und diese in der Spitze über 150 KollegInnen haben haben die Gemeinden und Pfarrstelleninhaberinnen komfortabel entlastet. Die Kosten dafür wurden teilweise der Pensionskasse entnommen und die dadurch entstandenen zusätzlichen Pensionszahlungen werden die Kirche noch lange erheblich belasten.
    Wie oft und bis in die Gegenwart hinein treffen Presbyterien Millionenentscheidungen – und die ganze Kirche kann es dann bitteschön irgendwie richten. Ich könnte eine ganze Reihe Beispiele nennen aus der Vergangenheit und der Gegenwart.

    In der Folge kam dann vor einigen Jahren der Zeitpunkt, als massive (Spar-)Maßnahmen getroffen werden mussten. Über 500 gut ausgebildete aber im Sonderdienst gealterter Kolleginnen und Kollegen im Pfarramt mussten entlassen werden. Die Kirchenleitung hat sich nun dafür (und für den Ton, mit dem diese Maßnahmen umgesetzt wurden) entschuldigt, und das ist in den Herzen vieler Betroffener angekommen.
    Hat sich je eines dieser Presbyterien beschlussmäßig entschuldigt für seine Entscheidungen damals (bzw. seiner Vorgänger), die Jahre/Jahrzehnte später den harten Schnitt nötig machten?
    Das wäre doch mal eine Maßnahme für mündige Presbyterien, die dezentral vor Ort Wert auf eigene Entscheidungen legen: Ins Archiv gehen, die alten Entscheidungen betrachten und welche Folgen sie heute haben. Und dann ggf. einen Beschluss zu fassen, dass man sich für die Folgen bei den Betroffenen entschuldigt.

    Aber im Gegenteil: Statt die Lasten wahrzunehmen, die unsere Kirche durch diese Fehlentscheidungen in der Vergangenheit noch auf Jahre bis an die Belastungsgrenze führen werden, höre ich Plädoyers dafür, solche Entscheidungen weiterhin über die Belastungsgrenzen hinaus treffen zu dürfen.

    Dass man die Maßnahmen auch als verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten von Gemeinden, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für die anderen Gemeinden Verantwortung haben, auffassen kann, auf den Gedanken kommt man dabei offensichtlich nicht.

    Dass Presbyterien an vielen Stellen ihre Entscheidungen nur noch gut vernetzt treffen können, und dass diese Vernetzung auch verlässliche Strukturen braucht, gerade bei schmerzhaften Kürzungs- und Optimierungsprozessen, wird konsequent ingnoriert und unter „Entmachtungsverdacht“ gestellt.

    Ob mit NKF alles richtig gemacht wurde, von der Auswahl des Dienstleisters bis zur Umsetzung der Umstellung, mag man mit Recht bezweifeln.

    Die Umstellung an sich hat durchaus Chancen, bessere Entscheidungsmöglichkeiten für die Presbyterien zu ermöglichen, weil die Kosten ihrer Entscheidungen transparenter werden.

    Daran, dass Presbyterien und Gemeinden in Zukunft viel stärker in lokalen Verbünden denken und entscheiden müßssen, führt aber kein Weg vorbei. Die Stärkung der Kirchenkreise wird ihnen dabei helfen.
    Muss jedes Presbyterium seine eigene Verwaltung haben? In manchen Bereichen (Kindergärten etwa) können kleine eigene Verwaltungen die Aufgaben aufgrund öffentlicher Vorgaben gar nicht mehr alleine (oder nur mit großem Mehraufwand) leisten. Liegt da in einer konzentrierten Zusammenarbeit nicht auch eine große Chance, die Kräfte vor Ort freisetzen kann?

    Es kann doch nicht sein, dass für synodale Entscheidungen allein die Kirchenleitung verantwortlich gemacht wird, während dabei konsequent ignoriert wird, dass diese Entscheidungen von Presbyterien vor Ort und ihren gewählten synodalen VertreterInnen in Kreis- und Landessynoden getroffen wurden. Wer darauf besteht, die volle presbyteriale Verantwortung haben zu wollen, muss auch zu den eigenen Fehlern stehen, die dadurch verursacht wurden. Davon allerdings habe ich noch nie etwas gehört und höre ich nichts.

  4. Sehr geehrter Herr Präses,
    lieber Manfred Rekowski,

    es sind ermutigende Worte, die Sie in Ihrem Blog bzgl. der Reformprozesse in unserer Landeskirche geäußert haben. Der Verein „KirchenBunt im Rheinland e.V.“ (http://kirchenbunt.de), der sich für die Stärkung der Basis einsetzt, begrüßt ausdrücklich, dass Sie „zentrale, einheitliche (DIN Normen gleiche) Regelungen“ wie wir kritisch sehen und den Erfordernissen nicht als zuträglich erachten. Schon seit längerer Zeit weisen wir darauf hin, dass die Basis und die Situation vor Ort viel intensiver einbezogen werden muss, wenn es darum geht, unsere Kirche zukunftsfähig zu machen. Da hat es in den letzten Jahren Fehlentwicklungen gegeben, weil Kompetenzen nach oben verschoben wurden und bis heute nicht wenigen Presbyterien das Gefühl gegeben wird, nicht mehr Leitungsorgan ihrer Gemeinde zu sein.

    Daher freut es uns, dass Sie in einen Dialog mit den Kirchenkreisen getreten sind, um den Stand der Umstrukturierungen zu evaluieren. Dass Sie diese Gespräche führen, um „auch auf Entwicklungen zu reagieren, Korrektur- und Handlungsbedarf zu erfassen und entsprechend in geeigneter Weise initiativ zu werden“, ist unabdingbar. Was wir uns darüber hinaus wünschen und auch als notwendig erachten, ist jedoch eine stärkere direkte Kommunikation der Kirchenleitung/Landessynode mit den Gemeinden und den Diensten und Werken vor Ort. Denn Auswirkungen von NKF, Verwaltungsstrukturreform etc. werden auf unterschiedlichen Ebenen sehr divergierend wahrgenommen und leider auch nicht immer in aller Offenheit kommuniziert. Bei aller Professionalität, die wir als Institution Kirche unseren Mitgliedern schulden, muss die Frage erlaubt sein, ob man an verschiedenen Stellen nicht über das Ziel hinausgeschossen ist bzw. an den Bedürfnissen der Gemeinden, die immer noch die größte Mitgliederbindung aufzuweisen haben, vorbeireformiert hat.

    Als „KirchenBunt im Rheinland e.V.“ setzen wir uns für Lösungen vor Ort ein und würden uns gerne in einem konstruktiven Dialog mit Ihnen über „kluge Korrekturen“ einbringen. Wir mögen nicht repräsentativ sein, vertreten aber eine wichtige Gruppe von Menschen und Gemeinden, denen die Evangelische Kirche im Rheinland in ihrer bunten Vielfalt am Herzen liegen und deshalb unter manchen kontraproduktiven Reformprozessen leiden. Der Unmut ist an manchen Stellen größer, als es vielleicht in Düsseldorf wahrgenommen wird.

    In diesem Sinne grüße ich Sie im Namen des Vereins,
    Andreas Reinhold (1. Vorsitzender)

  5. Lieber Präses Rekowski,
    das Präsesamt besteht nicht allein aus der Leitung der Kirchenleitung, des Landeskirchenamtes und der Landessynode, sondern auch darin, das Ganze der Kirche zu repäsentieren, mit allem was sich darin regt und bewegt. Dazu gehört ein intensives Zuhören und Hinschauen. Das macht es möglich, zum rechten Zeitpunkt Impulse zu setzen und die Richtung anzugeben. Das ist meine Erwartung an den Präses.

    Aus diesem Grund ist mir Ihr ermutigender Blogeintrag vom 28. August sehr wichtig, herzlichen Dank dafür. Ich freue mich auf und über intensive, konstruktive und kontroverse Gespräch über den weiteren Weg unserer Kirche und hoffe, selbst daran immer wieder teilnehmen zu können.

  6. Lieber Bruder Präses,

    Ihre Frage „Wie wollen wir in unserem Kontext Kirche Jesu Christi für die Menschen sein“ halte ich für falsch.

    1.) Wie groß denken Sie sich denn die Bandbreite möglicher Antworten auf diese Frage? Wie stehen „wir“ denn vor Jesus da, wenn wir Ihm sagen müssen: Wir woll(t)en so und so Deine Kirche sein! Was wird der Herr dazu sagen? Ich befürchte, er wird sagen: Ich kenne euch nicht!

    2.) Was heißt „für die Menschen“? Das klingt nach einer Hierarchie derjenigen, die (angeblich) helfen können über die, die hilfebedürftig sind. In diesem Sinne ist Kirche nicht „für“ die Menschen, sondern: die Kirche, das sind die Menschen, für die Jesus gestorben, auferstanden und gegenwärtig ist und deren Füreinander darum immer mehr ein Miteinander wird.

    3.) Warum stehen Sie nicht zu der Antwort, die Sie selber geben? Der Kirchenleitung geht es um „Stabilisierung des Systems“ und „Steigerung seiner Funktionsfähigkeit“. Das heißt: „Wir“ wollen so Kirche Jesu Christi sein, dass es in ihr weiterhin für einige (staatsanaloge, kirchensteuerfinanzierte) Beamtengehälter und -pensionen gibt. Das ist doch sehr ehrenwert, dass Sie Versorgungsverpflichtungen erfüllen wollen. Sie haben tatsächlich diese Pflicht, aber niemand hat die Pflicht, auf seinem Recht zu bestehen.

    Ihr Text macht auf mich den Eindruck, als versuchten Sie etwas Unmögliches. Möge Gott Ihre Bemühungen segnen, denn bei Ihm sind alle Dinge möglich.

  7. Herzlichen Dank für die vielfältigen Reaktionen auf meine Blogbeiträge zu „Gute Nachricht ist nicht in Euro und Cent zählbar“ und „Lehren aus den Austritten“. Auch wenn die einzelnen Kommentare im Blog nicht unbedingt repräsentativ sind, drücken sich darin jedoch in der Regel kirchenpolitische Standpunkte, Kritik, Anfragen und Widerspruch zur Entwicklung unserer Kirche und auch zu von mir vertretenen Positionen aus.

    Mit vielen der angesprochenen Punkte setze ich mich regelmäßig intensiv auseinander. Die Kirchenleitung tut dies ebenfalls. Auch mein Verständnis von Kirche habe ich dabei wiederholt ausführlich entfaltet (vergleiche Präsesbericht 2014, Seiten 3 – 15 – http://www.ekir.de/www/downloads/20140117_PT_Praesesbericht.pdf).

    Ich möchte deshalb keine Einzelpositionen kommentieren, sondern meine „kirchenpolitische Linie“ erläutern. Dabei knüpfe ich an ausführliche Gespräche an, die ich in den letzten Wochen bewusst mit Vertreterinnen und Vertretern aus inzwischen fast allen Kirchenkreisen unserer Kirche geführt habe. Ich habe mir in diesen Gesprächen unter anderem berichten lassen, wie sich landessynodale Beschlüsse wie z.B. die Einführung eines neuen Finanzsystems (NKF), die Verwaltungsstrukturreform, die Personalplanungsbeschlüsse und die Pfarrstellenplanung in den Kirchenkreisen auswirken. Ich führe diese Gespräche u.a. deshalb, weil die kirchenleitende Aufgabe nach meinem Verständnis nicht nur darin besteht, Beschlüsse der Landessynode umzusetzen (das ist immer auch Aufgabe der Kirchenleitung), sondern auch auf Entwicklungen zu reagieren, Korrektur- und Handlungsbedarf zu erfassen und entsprechend in geeigneter Weise initiativ zu werden.

    Mein Zwischenfazit ist dabei sehr klar: Zentrale, einheitliche (DIN Normen gleiche) Regelungen werden den unterschiedlichen Situationen unserer Kirche häufig kaum oder nur unzureichend gerecht. So wird nun etwa bei der Umsetzung der Verwaltungsstrukturreform derzeit an verschiedenen Stellen im Kontakt mit dem Landeskirchenamt nach tragfähigen Einzelfall-Lösungen gesucht. Bei NKF geht es derzeit um die Stabilisierung des Systems und die Steigerung seiner Funktionsfähigkeit und ganz sicher auch um kluge Korrekturen. Die Personalplanung bzw. die damit verbundenen Ziele, gemeindeübergreifende Kooperation stärken und unterschiedliche Berufsgruppen fördern, findet breite Akzeptanz in unserer Kirche. Allerdings werden die Instrumente und die Verfahren vielfach als zu aufwendig kritisiert. Hier muss sicher bilanziert werden, wie Aufwand und Ertrag in ein gutes Verhältnis zu bringen sind. Bei der Pfarrstellenplanung wissen alle, dass es nicht mit der schematischen Anwendung von Tabellen zu Pfarrstellenplanung getan ist. Die jeweilige Region muss in den Blick genommen werden, bevorstehende Pensionierung müssen berücksichtigt werden und vor allem personelle, strukturelle und inhaltliche Aspekte – Wie wollen wir in unserem Kontext Kirche Jesu Christi für die Menschen sein? – müssen bedacht werden. Das Expertenwissen für situationsgerechtes Handeln liegt auch bei der Pfarrstellenplanung fraglos in der Region vor Ort.

    Die Leitlinie, für die ich bei zukünftigen Veränderungsprozessen eintrete, ist die: Es muss bei Beschlüssen und gesetzlichen Regelungen ausreichen, dass es eine Grundverständigung über die Ziele gibt und dann lokale Gestaltungsmöglichkeiten geschaffen werden.

    Die Kirchenleitung nimmt die Umbruchsituation, in der sich unsere Kirche befindet, sehr ernst. Deshalb hat sie der Landessynode vorgeschlagen (http://www.ekir.de/www/downloads/DS_6_-_Gemeindeformen.pdf http://www.ekir.de/www/downloads/LS2015-B42.pdf) über Gemeindeformen nachzudenken. D.h., bei allem Respekt vor dem, was in den bestehenden Gemeinden und übergemeindlichen Arbeitsfeldern geleistet wird, brauchen wir auch den Mut, neue Wege zu gehen. Sicher nicht mit Masterplänen, sondern eher mit der Bereitschaft, Modelle zuzulassen und zu fördern. Das wäre nach meinem Verständnis ein guter landeskirchlicher Beitrag zum Reformationsjubiläum 2017.

  8. Vor über einer Woche fragte ich nach Antworten vom Präses- ja, war die Antwort, warte eine Weile. Nix.
    Unterdessen ist der Präese weiter aktiv – auch in seinem Blog.
    Toller Dialog der Kirchenfürsten. Und dann wundern sich alle über die Abkehr von der Kirche und Austritten.

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    Antwort der Redaktion:
    Lieber Heiner Hochstedt, hier finden Sie Präses Manfred Rekowskis Antwort auf die Kommentare: http://praesesblog.ekir.de/2015/07/25/lehren-aus-den-austritten/#comment-31876 – manchmal benötigt es etwas Zeit, eine längere Antwort zu geben.

  9. Sehr geehrter Herr Präses Rekowski,
    seit 5 Jahren stehe ich am Rand der Kirche, und sehe als Pfarrerin in Freistellung mit einem professionellen Blick auf die von Ihnen richtig beschriebene Tendenz.
    Aber ich erlebe auch eine Hermeneutik des Ständesicherns.
    Und befürchte, solange die Frage nicht ausgeweitet wird in „passt das aktuelle Format von Kirche“ noch in unsere Zeit (statt „passt die Kirche noch in die Zeit“) wird sich nichts bewegen.
    Das Evangelium ist da leider nur ein Feigenblatt. Denn das Evangelium braucht, hart gesagt, die Kirchenstruktur überhaupt nicht.
    Ich bin mir fast sicher, dass die Kirche auch dann nicht mehr gefragt bleibt, wenn sie glaubt. Sondern Einzelne Starke werden gefragt bleiben.Weil die Struktur dem Selbsterhalt dient und weniger der Frohbotschaft.
    Übrigens meine ich, dass wir, wenn wir unter diesem Aspekt einmal Kirchengeschichte betreiben, die These bestätigt sehen. Es ist eine Geschichte Einzelner, die trotz der Struktur glaubhaft erzählten. Und alles andere ist, hart gesagt, schmückendes Beiwerk, selbst die schönsten Gebäude, die wir haben. Das Evangelium kann auch in der kommunalen Turnhalle verkündet werden.
    Kann es eine Katharsis mit der gesamten Institution geben, oder braucht es den Mut, zu verlieren, auch die Volkskirche zu gefährden.
    Ich selbst bin Nutznießerin dieses Systems, und schwanke selbst. Beobachte aber gerade in dem Schwanken (der Verlust der eigenen Sicherheit) dass dieses Nutznießen die Aufgabe von uns allen, die Frohe Botschaft zu bezeugen und von der Gnade Gottes zu erzählen, hintenanstellt.
    Um Ihnen Zeit zu ersparen, freue ich mich, wenn Sie es lesen, Sie müssen aber nicht explizit antworten,
    mit freundlichen Grüßen
    Susanne Gillmann
    z.Zt. Erlangen

  10. Lieber Herr Hochstedt,
    der Präses hat die Kommentare wahrgenommen, aber die Schnelligkeit von Social Media passt nicht immer mit dem Terminkalender/Arbeitspensum überein. Etwas Geduld bitte.

  11. Ich wundere mich über den sog. „Präses-Blog“. Da wirft der Präses einige Gedanken in den virtuellen Raum, einige Leute beteiligen sich mit z.T. sehr intensiven Beiträgen – und der Präses schweigt. Keine Reaktion.
    Im Urlaub ist er nicht. Vielleicht gar kein Interesse auf einen Austausch?
    So erleben viele Gemeindemitglieder „ihre“ Repräsentanten.

  12. Lieber Präses Rekowski,
    In Ihrem Blog zitieren Sie zustimmend einen Kollegen: „…Wenn Sie den Weg des Glaubens gehen wollen, dann nehmen wir Sie gerne mit und helfen Ihnen auch gerne bei den ersten Annäherungsversuchen und bei den ersten Schritten.“
    Erste Schritte verbinden wir vor allem mit Kindern. Und tatsächlich sind die ersten Begegnungen, die im Kindesalter mit der Kirche gemacht werden, wesentlich für das Wachsen einer Verbindung, die selbst dann wieder geknüpft werden kann, wenn dazwischen viele Jahre der Distanz gelegen haben. Die neue Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU5) zeigt das sehr deutlich. Annäherungsversuche Erwachsener sind seltener tatsächliche „erste Schritte“, sondern geschehen viel eher auf dem Boden früher gemachter guter Erfahrungen, die verschüttet, verborgen, weit hinten in der Erinnerung waren.
    Ihnen und der Kirchenleitung ist das Helfen bei solchen Schritten von Annäherung und Erstbegegnungen sehr wichtig. Das haben wir gemeinsam. Allerdings verstehe ich nicht, wie dann Planungen entstehen können, die für die Arbeitsstelle „Kirche mit Kindern“ starke Personalkürzungen vorsehen. Direkt ist das durch Reduzierung der Landespfarrstelle für Kirche mit Kindern vorgesehen und indirekt, indem der Gemeindepädagoge für das Südliche Rheinland andere Aufgaben übernehmen soll, also für Kirche mit Kindern nur noch mit reduzierter Zeit und Kraft arbeiten kann. Indirekt auch, weil die Assistenzkräfte reduziert und als Pool organisiert werden sollen, aus dem mehrere Einrichtungen schöpfen. Das würde bedeuten, dass das Fachwissen, das eine Assistenzkraft in einem Bereich erwirbt und mit dem sie kleine Beratungen in Bezug auf Material und Fortbildungen telefonisch geben kann, in diesem Modell weitgehend verloren geht. Somit kommen auf ein reduziertes Landespfarramt auch noch diese Dinge verstärkt zu.
    Und dabei soll das neue Konstrukt in Wuppertal doch „Haus gemeindeunterstützender Dienste“ sein.
    Die Unterstützung, die von der Arbeitsstelle Kirche mit Kindern bislang erfolgen konnte, erreichte nicht nur die Pfarrerschaft, sondern vor allem auch die vielen Ehrenamtlichen (immer noch mehr als 5000 in der EKiR), die sich in der Kirche mit Kindern in den Gemeinden engagieren. Das war unmittelbare und äußerst effektive Gemeinde-Unterstützung an einem Kernpunkt, nämlich dem gottesdienstlichen Leben.
    Das Landespfarramt für Kirche mit Kindern ist seit eineinhalb Jahren verwaist. Auch vor dieser Zeit konnte dort nicht mit voller Kraft gearbeitet werden. Nur durch hohes Engagement vieler konnten die Basics weitgehend aufrecht erhalten werden.
    Das Landespfarramt für Kirche mit Kindern stand immer für gute Fortbildungen, Beratungen, Kontakt zu den Synodalbeauftragten für Kindergottesdienst, Förderung von Teams, auch als Multiplikatoren, Beteiligung an der Vikariatsausbildung und vieles mehr. Das Landespfarramt beobachtete Entwicklungen in der Gottesdienstlandschaft, in Theologie, Liturgik und Religionspädagogik, analysierte diese machte die Erkenntnisse unmittelbar nutzbar für die Basis. Die Vernetzung mit benachbarten Feldern, die ebenfalls mit Kindern und Familien in der Kirche arbeiten wurde permanent und zielorientiert weiterentwickelt. Wie all das nach dieser extrem langen Zeit des Brachliegens unter den Kürzungs- und Umstrukturierungsbedingungen wieder in Gang kommen soll, ist mir ein Rätsel.
    Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Sie und die Landessynode dieses im Sinn hatten, als Sie die Sparziele bezifferten.
    Es geht bei dieser Planung übrigens um eine gewollte Einsparung von 30 000 Euro! Wenn ich das mit 5000 Ehrenamtlichen in der Kirche mit Kindern zusammenbringe, sind es 6 € pro Kopf. Das sollte meiner Kirche die Förderung dieses Engagements wert sein.

  13. Lieber Herr Rekowski

    Der beste Schutz gegen den Kirchenaustritt ist die Bindung an die Kirche. Am nachhaltigsten gelingt sie bei den Kindern. Wer als Kind keine Bindung an die Kirche erfahren hat, dem fällt es schwer, sich als Erwachsener an die Kirche zu binden, der/die ist eher bereit, aus der Kirche auszutreten.
    Die prägenden Grunderfahrungen mit Kirche machen Kinder meist in der „Kirche mit Kindern“ , der in der Regel von Ehrenamtlichen geleitet wird. Sie sind oft die treuesten MitarbeiterInnen in den Gemeinden. Sie bedürfen der Pflege, der Anerkennung und der Fortbildung.
    Für diese Aufgaben sind die Synodalbeauftragten, der Landespfarrer und die südrheinische Geschäftsstelle KiGo zuständig. Deshalb ist es mir unverständlich, dass die Leitung des „Hauses für gemeindeunterstützende Dienste“ das Landespfarramt für den Kindergottesdienst um 30% kürzen, die Geschäftsstelle Süd um 20% verlagern und die Sekretärinstelle im „Assistenz-Pool“ aufgehen lassen will.
    Abgesehen davon, dass sich der treue Gott über motivierte und gut ausgebildete Gottesdienst-Mitarbeitende freut, ist jeder Euro, der in die Kirche mit Kindern investiert wird, eine Investition in die Zukunft, denn jede(r) der/die sich der Kirche verbunden fühlt und deshalb auch nicht aus der Kirche austritt, ist ein potentieller Kirchsteuerzahler, der/die dazu beiträgt, dass es auch in der Zukunft ein Landespfarramt für den Kindergottesdienst gibt, das dann die KiGo- Mitarbeitenden fortbildet, die wiederum seine /ihre Kinder mit Gott und Kirche vertraut machen.

    Norbert Deutsch (Synodalbeauftragter für den KiGo/Simmern-Trarbach)

  14. Es liest sich und sieht auch bereits aus wie eine Todesanzeige:

    http://www1.ekir.de/essen/PDF_GEM_DELLW_1508.pdf

    „Nur noch ein Gemeindeamt für alle Essener Gemeinden

    Voraussichtlich ab dem 1.8.2015 wird im Zuge der Verwaltungsstrukturreform unser Gemeindeamt nicht
    mehr unter der bisherigen Adresse Pfarrstraße 10, 45357 Essen oder unter der bisher bekannten
    Telefonnummer 02 01 – 17 84 10 zu erreichen sein.
    Es wird dann für alle Essener Kirchengemeinden nur noch ein gemeinsames Verwaltungsamt in der Essener Stadtmitte geben.
    Die neue Adresse für das gemeinsame Verwaltungsamt lautet ab dem 1.8. voraussichtlich:
    Evangelisches Verwaltungsamt Essen, III. Hagen 39, 45127 Essen Telefon: 02 01 – 22 05-0,
    E-Mail-Adresse: gemeinden@evkirche-essen.de

    Da kann man ja gespannt sein, wie viele treue Seelen und neu Interessierte denn in Zukunft noch den Weg zu dieser „Zentrale“ finden werden oder in der Lage sind, dahin zu kommen.
    Soll das gewollt sein? Ganz sicher nicht! Wer die Kirche vor Ort durch „Gesundschrumpfung“ und „Neustrukturierung“ (schauen Sie einmal nach, was damit regelmäßig gemeint ist!) von den Menschen entfernt, darf sich nicht wundern, wenn eine so gesehene Negativtendenz sich verstärkt und u. U. zu nicht wieder rückgängig zu machenden Effekten führt.
    Glaube will gelebt und vorgelebt werden. Das geht nur im engen Kontakt mit den Menschen und nicht aus einer Kirchen-Konzernzentrale heraus. Machen Sie die Gemeinden vor Ort, die leben und stark sind, nicht schwach! Löschen Sie die hellen Lichter der Kirche bei den Menschen nicht.

  15. Ich bin über die Aussagen des Präses befremdet. Wen meint er immer mit „Kirche“?
    Einzelne Pfarrer und viele Mitglieder sind wirklich toll engagiert und bei den Menschen.
    Kirche als Institution (mit den „Vorständen“) ist nicht „Lobbyistin für die Vergessenen und Vernachlässigten“ sondern Lobbyistin für die Privilegien der Kirche (Finanzierung durch alle Bürger, eigenes undemokratisches Arbeitsrecht, welches die Beschäftigten schlechter stellt, protzige Bauten und Autos, einfach: fern der Wirklichkeit. Schade.

  16. Quousque tandem…?
    Sehr geehrter Herr Präses,
    alle Ihre Sätze, in denen die ‚Kirche‘ (wen meinen Sie eigentlich damit?) als Subjekt erscheint, klingen für mich so, als stünde diese ‚Kirche‘ im Dienst „eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne“ (Barmen 6, Verwerfungssatz). Bitte erklären Sie doch einmal, inwiefern das, was Sie über die ‚Kirche‘ sagen mit den Bekenntnisgrundlagen der EKiR übereinstimmt! Das würde mir sehr helfen.

  17. Lieber Präses Rekowski,

    gerne ich mich den Voten der Kollegen Volk, Dreessen und Alberti anschließen und in die gleiche Kerbe einschlagen.

    Soeben bin ich von einer Reise u. a. nach Seattle zurückgekehrt und habe dort ein kirchliches Leben vorgefunden, das sich durchaus von dem bei uns unterscheidet. Man sieht „downtown“ keine Kirchen mehr, und wenn, dann verschwinden sie meist hinter den Wolkenkratzern. Aber wenn man sich in den Quartieren und Nachbarschaften umschaut, den findet man bei genauerem Hinsehen zahlreiche kleine Kirchen mit kleinen, aber sehr engagierten Gemeinden und gut besuchten Gottesdiensten – Gemeinden, die vollständig für sich selbst Verantwortung übernehmen können und müssen. Genau das ist der Punkt („that’s crucial“ würden die Amis sagen). Bei uns wird den Gemeinden immer mehr Verantwortung für sich selbst entzogen und sie werden zudem immer größer und unübersichtlicher und sie eignen sich kaum noch dazu, sich mit ihnen zu identifizieren und ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Sie werden immer mehr zu Unter-Einheiten regionaler, für den einzelnen kaum übersehbaren und schon gar nicht mehr beeinflussbaren Körperschaften

    Ihr Votum aber – bzw. das des von Ihnen im Blog zitierten Kollegen – signalisiert ein „Weiter so!“. Sie möchten gerne verhindern, dass die Gemeinden durch die neuen, alarmierenden Zahlen bzgl. der Kirchenaustritte verunsichert werden. Das ist nachvollziehbar und verständlich. Es stellt sich aber die Frage, ob nicht genau das nötig wäre und ob es nicht heilsam wäre, sich die Verunsicherung, Ratlosigkeit, Trauer, Irritation einzugestehen und offen zuzugeben: Ja, das tut weh!

    Es gibt eine Fähigkeit zu trauern, ohne die sich die Zukunft verschließt, ohne die sich Selbstzufriedenheit und Behäbigkeit wie Mehltau lähmend über die Gemeinden legt und ohne die Neuanfang, Aufbruchstimmung und Begeisterung nachhaltig verhindert werden.

    Was notwendig wäre ist ein Gespür für den tiefgreifenden Wandel, den unsere Kirche – ob sie das will oder nicht – durchmacht, von einer Mehrheitskirche zu einer Minderheitskirche (auch in den USA ist die Kirche Minderheit!), von einer Mitgliederkirche zu einer Kirche mündiger und verantwortungsbereiter Christen, von einer Regionalkirche zu einer Kirche vor Ort, von einer auf Flächendeckung bedachten Kirche zu einer Kirche, die auf Überschaubarkeit achtet, von einer Kirche, die auf Mitgliedschaft beruht zu einer Kirche, die auf Beziehungen gründet, von einer Kirche, die Dienstleistungsansprüche erfüllt zu einer Kirche, die zur Übernahme von Verantwortung ermutigt.

    Es liegt also noch ein weiter Weg vor uns

  18. Lieber Herr Rekowski,

    Kirchenaustritte tun weh, gerade auch vor Ort, wo man sich kennt. Mit Ihren Zeilen möchten Sie wohl ermutigen, trotz allen Widrigkeiten dem schönen Auftrag nachzukommen, dass Evangelium in den Alltag der Menschen zu tragen. Dies ist zu würdigen. Alleine, mir fehlt auch nur der Hauch eines selbstkritischen Blicks auf die Entwicklung unserer Kirche, die seit 2006 verstärkt Transformationsprozessen ausgesetzt ist.

    Erfreulicher Weise steigen seit einiger Zeit die Einkommen. Dies bedeutet aber auch, dass unsere Mitglieder tendenziell Jahr für Jahr mehr Kirchensteuern zahlen. Gleichzeitig müssen viele erleben, dass die Kirche in ihrem Umfeld Pfarrstellen reduziert, Gemeindezentren aufgibt oder Stellen in der Jugendarbeit streicht. Das sorgt für Unmut.

    In vielen Regionen der rheinischen Kirche steigen dagegen die Kosten für Organisation und Verwaltung zum Teil deutlich über die Grenzen der finanziellen Leistungsfähigkeit betroffenen kirchlichen Körperschaften hinaus – als Folge eines hoch komplexen, neuen kirchlichen Finanzwesens sowie der missglückten Verwaltungsstrukturreform. Wenn Sie die Dinge wie bisher treiben lassen, provozieren Sie in etlichen Kirchenkreisen Situationen, in denen es in etwa 10 Jahren doppelt so viele Vollzeitstellen in der zentralen Verwaltung wie im Pfarrdienst gibt.

    Sie beschreiben in Ihren einleitenden Sätzen mit Recht die geringer gewordene Bindungskraft von Großorganisationen. Wie können Sie angesichts dieser Analyse eine Situation hinnehmen, die Gründe für Kirchenaustritte frei Haus liefert? Höhere Beiträge bei immer weniger Leistung, dies ist das subjektive Empfinden zahlreicher Gemeindeglieder.

    Wie Korrekturen aussehen könnten zeigt die neue Studie vom sozialwissenschaftlichen Institut der EKD unter Leitung von Prof. Gerhard Wegner, der dafür plädiert, die Selbstorganisationskräfte der Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen vor Ort zu stärken (Vgl.: http://www.idea.de/thema-des-tages/artikel/wie-geht-es-den-kirchengemeinden-83365.html) In eine ähnliche Richtung weist die Studie von Detlef Pollack und Gergely Rosta. (Vgl. die Zusammenfassung und Kommentierung von Matthias Kamann http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article141390750/Kirchen-koennen-Glaubensschwund-nicht-stoppen.html). In der jüngsten Ausgabe von http://wort-meldungen.de/ finden sich weitere hilfreiche Analysen zum Thema „Kirchenaustritte“.

    Gewiss, Kirchenaustritte haben vielfältige Ursachen. Dem Problem der Indifferenz sollte man allerdings nicht dadurch begegnen, indem man fahrlässig Unmut und Frustration erzeugt. Trauen Sie den Menschen vor Ort wieder mehr zu! Investieren Sie dort, wo unsere Kirche in direkter Weise den Menschen begegnet!

  19. Lieber Manfred,
    Ich frage Dich: Ist diese Welt wahrhaft `Seine, Gottes Welt´?
    Wenn es `Seine Welt´wäre, dann gibt es für die Vergessenen und Vernachlässigten keinen Grund zur Hoffnung auf Gott. Dann wäre die Geschichte wirklich zuende, wie Fukuyama behauptet hat und unsere Götter wohnen in Silicon Valley. Die Bibel erzählt dagegen von Gottes Reich, das in der Welt anbricht, aber nicht von der Welt ist, von ihr nicht erkannt wird.
    Was bedeutet das für die Kirche? Die Kirche muß eine hörende Kirche werden, die nach den Nöten des Geschöpfes Mensch und aller Geschöpfe fragt, nicht nach Dogmen und Kirchenregiment. Dazu hat uns Erzbischof Nathan Söderblom nach dem 1.Weltkrieg die Geschichte von einem alten Bauern erzählt, der ihn besucht hatte:
    „Der Bauer hatte gesagt: ‚Erzbischof, das Christentum kommt in eine neue Phase. Die Kirche der Priester ist gewesen und vorbei – Rom. Die Kirche des Leviten ist an ihre Stelle getreten – Wittenberg und Genf. Jetzt ist auch die vorbei und die Kirche des Barmherzigen Samariters fängt an.‘“ (zitiert nach: Eugen Rosenstock-Huessy: Des Christen Zukunft oder: Wir überholen die Moderne, neu 2015)

    Mit Recht dankst Du für das Engagement vieler Menschen für die Flüchtlinge. Die neue Missionserklärung – aus der Wurzel von Söderbloms Samariter-Vision – deutet uns dieses Engagement als Zeichen des Anbruchs des Reiches Gottes: Together towards life….

  20. Eine Landeskirche, die den Presbyterien in den Gemeinden weitgehend die Verantwortung für ihr Personal, ihre Finanzen, ihre Gebäude und ihre eigene Verwaltung entzieht und teure, riesige und gemeindegliederferne Verwaltungen aufbaut, darf ihre eigene Verantwortung nicht leugnen, wenn gerade die Kerngemeinde mit vielen ehrenamtlich stark engagierten Gemeindegliedern sehr enttäuscht und resigniert ist. Wer Personalausgaben in der Gemeindearbeit kürzt und stattdessen Verwaltungen aufbläht, darf sich über Kirchenmitglieder nicht wundern, die sich empört über diese Zweckentfremdung von Kirchensteuern abwenden. Solange nicht Kirchensteuereinnahmen weitgehend konsequent für eine gute Gemeindearbeit und optimale pfarramtliche Nähe eingesetzt werden, entfernt sich die rheinische Kirche von Ihrem eigenen (Marken-)Kern. Vor einigen Jahren haben Spendenorganisationen bitter lernen müssen, dass man Spenden (wie Kirchensteuern) nur im absolut notwendigen Umfang für Verwaltung ausgeben darf: Sonst wird man abgestraft durch Verweigerung der Spenden (oder Kirchensteuern). Hier muss die Landeskirche, vor allem die Synode und die Verwaltung, dringend umsteuern.

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