Mini-Marathon für Christen, Muslime und Juden

18. April 2013 von Redaktion

Seit 50 Jahren gibt es Nes Ammim, eine christliche Siedlung in Israel, die Versöhnungsarbeit zwischen Christen und Juden leistet. Die rheinische Kirche unterstützt Nes Ammim engagiert, als zuständige Oberkirchenrätin bin ich zum Jubiläum eingeladen. Dazu gehörte auch der Nes Ammim-Jubiläumslauf, auch Mini-Marathon genannt.

Ein bisschen zögere ich daran teilzunehmen, aber dann höre ich, dass es eine überschaubare Strecke von 3,5 km ist, rund um das kleine christliche Dorf Nes Ammim im Norden Israels – und ziehe meine Jogging-Schuhe an. Das Wetter ist genau richtig, nicht zu warm und nicht zu kalt: mit mir laufen ca. fünfzehn Freiwillige aus Deutschland und den Niederlanden, die für ein paar Monate oder auch für ein Jahr in Nes Ammim arbeiten.

Beim Start sind Gäste des Jubiläums versammelt: vor allem aus dem arabischen muslimischen Nachbardorf Masra und dem jüdischen Kibbuz Rigba sind sie gekommen, um mit ihren christlichen Nachbarn das 50-jährige Jubiläum zu feiern.

 

1. Station: Rosen

Zur 1. Station läuft die „Marathon“-Gruppe aus dem kleinen Dorf, das inmitten eines botanischen Gartens liegt, hinaus zur Station „Blumen“. Hier waren vor 50 Jahren Gewächshäuser für die Rosenzucht gebaut worden. Europäische Freiwillige aus der Schweiz und den Niederlanden hatten 1963 nach dem Holocaust eine Versöhnungsarbeit begonnen und den jungen Staat bei der Aufbauarbeit unterstützt. Voraussetzung: Akzeptanz der Juden – also keine christliche Überlegenheit, keine Mission, Lernen vom Judentum stand im Vordergrund. Von Anfang an war die Evangelische Kirche im Rheinland dabei mit Ideen und Spenden, aber erst 1971 durften die ersten deutschen Freiwilligen ins Dorf!

2. Station: Avocado

Am Dorfrand von Nes Ammim entlang geht es auf einem Feldweg zur 2. Station in die für den Norden Israels typischen Avocadoplantagen. Anfang der 1980er Jahre hatte sich der Blumenhandel verlagert Richtung Ostafrika, finanziell sieht es zu diesem Zeitpunkt in Nes Ammim nicht gut aus. Das Land, einstmals von einem Drusen gekauft, wird zum Teil an das jüdische Nachbardorf verpachtet. Aber das Engagement für die Versöhnung geht weiter: zunehmend kommen die arabischen palästinensischen Dörfer, ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, in den Blick, aber auch die jüdischen Nachbarn. Direkt neben Nes Ammim liegt ein Kibbuz, das von Widerstandskämpfern des Warschauer Ghettos gegründet worden ist.

 

3. Station: Dialog

Auf dem langgezogenen Feldweg geht der Lauf wieder zurück nach Nes Ammim zur 3. Station.. Wir müssen einen Umweg laufen, an Baggern und Planierraupen vorbei. Nes Ammim wächst: Hier entsteht ein Dorf rund um das Dorf, in dem jüdische und arabische Israelis zusammen leben wollen, eine absolute Seltenheit in Israel.

Arabisches Dorf bei Nes Ammim: Barbara Rudolph und Studienleiter Rainer Stuhlmann
Arabisches Dorf bei Nes Ammim: Barbara Rudolph und Studienleiter Rainer Stuhlmann

Nes Ammim bleibt sich selbst treu: auch heute 50 Jahre nach der Gründung setzt es sich für Versöhnung und Dialog ein. Über zehn Dialoggruppen sind beim Jubiläum in Nes Ammim zu Gast: „We don’t need desperate people – wie brauchen keine hoffnungslosen Menschen“, sagt ein palästinensischer Baptist aus Nazareth.

Ich bin angekommen – der Mini-Marathon, der Jubiläumslauf, ist zu Ende. Ich mische mich unter die Gäste des Nes- Ammim-Jubiläums, Christen, Muslime, Juden, Menschen aus dem Nahen Osten und aus Europa – ich ahne, der Marathon um Frieden und Versöhnung hat gerade erst begonnen, aber hier, in Nes Ammim, ist ein Anfang gemacht. Das 50-jährige Jubiläum ist eher ein Start- als ein Zielpunkt.

Nun aber erst einmal ein Schluck Wasser – und die Urkunde!

Ihre Barbara Rudolph

 

PS: In unserer Landeskirche ist Landespfarrer Volker Haarmann (der mich nach Nes Ammim begleitete) Ihr Ansprechpartner für christlich-jüdischen Dialog: www.ekir.de/christen-juden, mehr über Nes Ammim auf  der Nes-Ammim-Website, aktuell bloggt Rainer Stuhlmann aus Nes Ammim: stuhlmannzwischendenstuehlen.wordpress.com

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