Gedenken an Peter Beier: Die Rechtfertigungsbotschaft bleibt aktuell

9. November 2016 von Klaus Eberl

Heute am 20. Todestag Peter Beiers habe ich eine Andacht gehalten und an den früheren rheinischen Präses erinnert. Peter Beier hat mich mit seine theologischen Kreativität und seiner Sprachgewalt sehr geprägt. 1984 wurde ich von ihm ordiniert und schon kurz danach haben wir im Jülicher Kreissynodalvorstand zusammengearbeitet. Als er rheinischer Präses wurde, übernahm ich das Amt des Synodalassessors, später des Superintendenten. Da wir regelmäßig in der gleichen Region Urlaub machten, tauschten wir uns oft bei langen Strandspaziergängen über das doppelte historische Erbe der Reformation aus, die Aktualität der Rechtfertigungsbotschaft und die Impulse der Aufklärung. Peter Beier konnte das in unnachahmlicher, fast poetischer Weise ausdrücken. Statt in der Andacht viel über Peter Beier zu sprechen, ließ ich ihn selbst zu Worte kommen. In seinen Texten wird deutlich, wer Peter Beier war und was ihm wichtig war, nämlich das Evangelium zeitgemäß auszulegen. Diese Andacht möchte ich hier im Blog mit Ihnen teilen.

Lebenslauf

Bruder, Friedensengagement, Aufklärung, Preußen

Peter Beier, geb. am 5.12.1934 in Friedeberg, Niederschlesien; Bauernsohn,

der einzige Bruder fiel 1943 als Lt. z. See auf U 635;

Volksschule 1940;

Hitlerjunge 1944, ein Sack voll Hass;

Nach Fluchtversuchen Einmarsch der Russen am 8. Mai 1945;

zwei Jahre Überlebenstraining unter Russen und Polen; (es gibt keine menschliche Niedertracht, die ich nicht mit jungen Augen ansehen musste);

mittelmäßige Verwilderung; Vertreibung durch die Polen im Juli 1947;

das Glück der Fügung, in roten Viehwaggons an den linken Niederrhein zu gelangen;

immer noch Hunger, Entbehrungen;

allmähliche Rezivilisierung durch Eltern und humanistische Lehrer am Stadtgymnasium Grevenbroich, denen ich alles verdanke;

Konfirmation in einer reformierten Gemeinde — lustlos;

dennoch, Mitarbeit in der Jugend;

später die wachsende Neugier auf Theologie;

liberales Laissez-faire der Eltern;

Liebe zur Predigt des Heimatpastors;

Abitur 1955;

die alten Sprachen erzogen mich;

Arbeit als Bergmann in Duisburg;

das bleibt so während aller Semesterferien;

Studium in Heidelberg bei G. v. Rad und G. Bornkamm, Karl Löwith nicht zu vergessen;

das Misstrauen gegenüber der Systematik hält lange vor;

Wechsel nach Bonn, Einübung der Systematik bei W Kreck, Mitglied der Sozietät;

und Leichtathletik;

1959 erstes Examen;

Vikar in Burscheid, Bensberg, Luxemburg;

Predigerseminar Essen mit vorzüglicher Erinnerung an Dr. Alfred Burgsmüller;

Synodalvikar in Duisburg bei Sup. Uli Henn, dem Unvergessenen.

1961 Ordination in Duisburg, Hilfsdienst in der gleichen Stelle;

1963 mit Freunden als Pfarrer der ersten Pfarrstelle in Düren gewählt.

Heirat. Vier Kinder

1972 Wahl zum Superintendenten des Kirchenkreises Jülich.

Das für die Dauer von fast siebzehn Jahren.

1985 Wahl als nebenamtliches Mitglied der Kirchenleitung;

1989 Wahl zum Präses der EKiR. Seitdem in dieser Funktion.

(1996, am 10.11. gestorben)

 

(aus: Frei werden. Dürener Predigten von Peter Beier, hg.v. Stefan Drubel, Presseverband EKiR 2000, S. 20f.)

Psalm

Gott, heiliger Geist.
Namenlos wird unsere Freude sein
über den Tag, den du machst.
Denn geistverlassen und leer
sind die Tage, die wir mit
nichtigen Plänen füllen.
Namenlos wird unsere Freude sein,
wenn du wie ein Blitz
oder sanft
unsere trüben Tage erleuchtest.
Denn geschäftig und geistlos
gehen wir vorbei
an den sichtbaren Zeichen der Hoffnung.
Namenlos wird unsere Freude sein.
Wenn du wieder mit deinem Brausen
das alte Haus der Kirche besuchst
und uns mit neuer Sprache begabst
und unsere kalten Herzen entzündest
wie Fackeln am Abend vor der Revolte.
Komm, Heiliger Geist,
unverhoffter Schöpfer.
Beschere uns Phantasie für den Menschen
und die phantastische Gabe,
deine Schöpfung zu schützen
vor dem Terror und Schmutz unserer Habgier.
Kommst du endlich,
wollen wir ein Fest anrichten,
das selbst aus versteinerten Metropolen
unser Gesang das Leben schlägt
und wiedergeboren wird
die Freude am Fest erneuerter Liebe.

Der Herr ist Geist, der uns erleuchtet.

(EG RWL 781)

 

Der Tod droht mit dem Sterben

Auferstehungshoffnung, von Bultmann zu Barth

Hoffnung und Trug sind Nachbarn, die Vergeblichkeit von Hoffnungen läßt altern. Der Tod ist der Feind der Hoffnung. Er bestätigt unsere Erfahrun-gen, er vernichtet unsere Hoffnungen. Wenn unsere Wünsche und Träume sich die Gestalt der Hoffnung anmaßen, ernten sie das Hohngelächter des Todes. Gelten die Christen überhaupt etwas in den Augen der Leute, die hin und her gerissen sind zwischen Wunsch und Hoffnung, dann gelten sie als Verschwörer gegen den Tod. Vielleicht haftet ihnen deshalb der Geruch der Lächerlichkeit an. Der Tod selbst macht sie lächer-lich, wenn sie von ihrer Hoffnung reden. Hoffnung verdient den Namen überhaupt nur, wenn sie nicht aus unseren Träumen entsteht. Christliche Hoffnung ist nicht Selbst-schöpfung, ist nicht Vertröstung, sondern Trost. Christliche Hoffnung ist Hoffnung gegen den Tod. Denn Jesus Chri-stus, der beides ist, der ganz andere und mein Bruder, vom Tode be-droht und dennoch nicht vom Tode gebeugt, spricht unmißverständ-lich diesen Satz: Ich lebe, und ihr sollt auch leben. Dieser eine Satz bleibt unseren Unsterblichkeitswünschen wie unserer Neugier ent-zogen. Es gibt über ihn hinaus für Christen nichts weiter zu sagen, zu fragen und zu forschen. Unbesorgt also ist die Hoffnung der Christen auf Leben gegen den Tod. Darum singen sie dem Tod und den Rätseln menschlichen Le-bens ins Gesicht, auch wenn ihnen nicht danach zumute ist, erwarten gelassen die Erfahrung des Sterbens. Der Tod droht mit dem Sterben. Aber Tod und Sterben sind nicht mehr dasselbe für die Menschen der Hoffnung. Gestorben ist Jesus. Aber sein Sterben war nicht sein Tod – wie nun unser Sterben nicht unser Tod zu sein braucht. Und unsere Toten sind in guten Händen.

(aus: Peter Beier: Nein zum Tode – Ja zum Sterben, Neukirchen-Vluyn 1991, S. 61)

 

Die Predigt und die Schrift und das Wort

Predigen. Das Leichte schwer gesagt. Poesie. Wagnis. Ordination

1 Schriftgemäßheit und Schriftbezogenheit der Predigt sind zu unterscheiden.

Das wissen schon theologische Milchbärte – und alte Wortknechte erfahren es sonntäglich: Schriftbezug garantiert noch keine Schriftgemäßheit.

2 Schriftgemäß predigt nur Jesus Christus selbst, wie er im prophetischen, evangelischen und apostolischen Wort beweist – Schriftgemäße Predigt wäre seiner Person, seinem Wort und Werk gemäße, also authentische Christuspredigt.

3 Die kann garniemand machen.

5 Wer in dem Wahn lebt, dies zu bewerkstelligen, ist bloß ein Künstler, aber mitnichten ein Prediger.

7 Wenn einer urteilt, diese oder jene Predigt sei nicht schriftgemäß gewesen, so halte man ihn für einen Griesgram, Schafskopf oder herrschsüchtigen Dogmatiker – was allemal dasselbe meint.

11 Würde zu allen Zeiten und an allen Orten schriftgemäß gepredigt, so lebte jeder nach seinen Fähigkeiten, und es geschähe jedem nach seinen Bedürfnissen, und die Welt wäre ein Paradies und das Reich Gottes nicht mehr fern.

12 Nimmt Christus das Wort im Worte irrtumsfähiger Menschen, so reden alle heiligen Engel mit und Gott gibt die Melodie dazu. Das muß die Gemeinde nicht merken. Das muß der Prediger nicht merken. Aber der eine oder andere mag es wohl merken, erschrecken und hinter Christus hergehen.

13 Vielleicht habe ich einmal in meinem Leben eine schriftgemäße Predigt gehört – vielleicht. sagte der Prediger, bevor er seine Kanzel bestieg.

15 Der Prediger bleibt um Schriftgemäßheit seiner Predigt bettelnd bemüht, obgleich er diese nicht herstellen kann. Das macht ihn krank und liefert ihn dem Schicksal aller rechten Prediger aus: einer Art partiellen Irreseins.

18 Ohne biblischen Text gerät der Prediger aus Gottes Garten in Teufels Küche.

19 Der Prediger hat seine Beziehungen zu den Texten der Bibel zu pflegen wie die menschlichen Beziehungen zu Freunden.

20 Die gebrechlichsten Freundschaften sind aller Erfahrung nach die wichtigsten.

22 Es mag einer religiösen Ideen nachjagen, eine Kombination öffentlicher Bedürfnisse und privater Philosophie zustandebringen; es mag einer allerlei fromme Gefühle hegen und auf der Kanzel oder an anderem ungenauen Ort in der Schaustellung religiöser Selbsterfahrung erfolgreich sein; – es mag einer religiöse Reden an die Gebildeten unter den Verächtern halten und dafür Gehör und Applaus finden; – Predigt ist das nicht.

23 Ohne Knochenarbeit in den Stollen und Querschlägen der Heiligen Schrift keine schriftbezogene Predigt. Ohne radikale Anwendung der Methoden und Ergebnisse historisch-kritischer Erforschung der Heiligen Schrift keine schriftbezogene Predigt.

28 Schriftbezogene Predigt faßt den Gekreuzigten ins Auge und in der Koordinate des Kreuzes Mensch und Welt.

29 Darum drängt schriftbezogene Predigt aus dem Tempel auf das Forum.

30 Schriftbezogene Predigt ist antireligiös, antidogmatisch und antiklerikal.

31 Schriftbezogene Predigt dient rational dem christlichen Glauben als Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.

32 Schriftbezogene Predigt legt Feuer an die eigenen Fundamente, indem der Prediger täglich bedenkt. daß alles, was er sagt. auch feine Lügen sein könnten.

34 Je unpolitischer schriftbezogene Predigt konzipiert ist, desto größere politische Wirkung macht sie.

35 In summa: Wer wollte wem raten, ein christlicher Prediger zu werden?

 

(aus: Zeitschrift für Gottesdienst und Predigt (ZGP) 2/1986, S. 28f.)

 

Reformation als Auftrag

Superintendentenbericht. Neue Sprache theologischer Kommunkation. Rechtfertigung und Aufklärung

Sieh dich an, bevor du in deinen Tag gehst.

Das bist du, der nun keine andere Wahl hat,

als zu glauben oder zu verzweifeln.

Laß dir gesagt sein, wogegen sich alles in dir wehrt.

Du bist ohne Verdienst geliebt, so, wie du bist.

Nimm dich endlich an.

Mache dich vor niemandem besser als du bist.

Mache dich vor niemandem schlechter als du bist.

Mißtraue deinen Grundsätzen.

Setze an die Stelle deiner Privatmoral die Liebe Gottes.

Bilde dir keine Sekunde ein, du hättest irgend etwas zustande gebracht,

was vor Gott und der Welt bestehen könnte.

Rechtfertige dich nicht durch Lächerlichkeiten.

Bilde dir keine Sekunde ein, du könntest dich aus eigener Kraft und Vernunft ändern.

Bilde dir keine Sekunde ein, du könntest die Menschen ändern.

Sie sind, wie sie sind.

Sie sind, wie du bist.

Tue dennoch alles, was zu tun nach Gottes Gebot in deiner Kraft steht.

Schließe den Irrtum nicht aus sondern ein.

Urteile trefflich, verurteile niemanden.

Hüte dich vor der schlimmsten Spielart der Moralisten, den Frömmlern.

Bleibe unberechenbar, wenn es gilt, die Partei der Schwachen, Armen und Geschundenen zu ergreifen.

Treibe keine Possen im gerade gastierenden Weltanschauungszirkus.

Halte deine Ehre nicht fest, sie fährt dahin wie ein Stück Holz auf dem Strom.

Stecke deinen Kopf nicht in den Nebel der Welträtsel. Du löst sie nicht.

Wirst du in die schreckliche Wahl zwischen Schuld und Schuld getrieben, dann wähle und sündige tapfer.

Geht dir das Todeswasser über die Seele, dann flieh in die Psalmen.

Lebe deine Tage.

Es sind lauter letzte Tage.

Du kannst von Menschen nicht enttäuscht werden, weil du weißt, wer du bist.

Gott täuscht dich nie.

Klammere dich nicht an deine Würde, sondern klammere dich ans Kreuz dessen,

der dir verheißt: wahrlich, noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.

(aus: Peter Beier, Superintendentenbericht 7.11.1987, Boscheln, auch: Peter Beier: Kirche ist anders, Neukirchen-Vluyn, 1990, 38f.)

 

 

Wozu ist die Kirche da?

Ekklesiologie Kirchenbild Visionär

Wir tun nichts,

und indem wir nichts tun

von selber,

tun wir alles,

das Menschenmögliche nämlich.

Wer gehört hat,

wer durch das Wort belehrt ist,

dem fallen die Früchte

des Glaubens zu,

ins Herz, in die Hand,

ob er will oder nicht,

der vernimmt, staunt und gehorcht.

Er wendet sich hierhin und dahin,

stellt Gottes Wort auf das Forum,

kalkuliert politische Wirkung nicht,

aber macht sich gefaßt

auf allerlei Kreuz,

widerspricht Interessen

und Interessenten,

geht meist zu weit,

schützt die Verstoßenen,

gewährt Feinden Obdach,

Geschlagenen zumal,

ist Mund der Stummen

und Hand der Gelähmten

und bekennt zum Beschluß,

wenn das Lärmen endet:

so bin ich

gewesen

ein schlechter Knecht.

(aus: Peter Beier: Kirche 2000? Der Beitrag der protestantischen Kirche zur Erneuerung Europas., in: Peter Beier: Übergänge, Düsseldorf 1999, S. 30f.)

 

 

Der Beitrag der protestantischen Kirche zur Erneuerung Europas

Europa aktuell, Friedenskonzil, Demo Jülich, Das Christentum oder Europa, Ehrendoktor Bonn; dreifache Wirkung des Wortes: Wort-Sakrament-Diakonie

Es gab einen europäischen Traum, überladen mit Bildern einer Vergangenheit, die nie so war, wie der Traum sie vorstellte. Die erträumte Einheit von Kaiser und Reich, Gesellschaft und Kultus hielt kaum — wie die Historie beweist — irgendwo der Wirklichkeit stand. …

 

Europa — Abendland. Beide Begriffe wurden — insbesondere in Zeiten restaurativer Bemühungen — nahezu synonym gedacht und gebraucht. Die Gleichsetzung ergab eine Art zwingender Logik, verführte zu liederlichen Folgerungen. Das Abendland firmierte christlich. Damit schien auch Europa — mindestens, was seine Herkunft, Traditionen und Werte betrifft —eindeutig definiert. …

 

Der Traum ist ausgeträumt. Er besaß nie Anhalt in der Realität der durchaus blutigen Geschichte Europas. Ein Teil der Ratlosigkeit der Kirchen heute läßt sich auf die ideologische Täuschung, die Hybris einer triumphalistischen Kirche zurückführen.

 

Wir haben Anlaß, die alle bisher geltenden Normen sprengende Veränderung genau wahrzunehmen und bescheiden zu kommentieren. Nicht erst durch den politischen und ökonomischen Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums sehen wir Christen uns in ungewohnter Situation. Was sich heute ereignet, war lange vorbereitet.

 

Die Autorität der europäischen Staatengemeinschaft reichte nicht aus, dem mittelalterlichen Totentanz ein schnelles Ende zu setzen.

Die Europa-Parlamentarier in Straßburg sind ohnmächtig.

Folglich zentralisiert die Brüsseler Administration Macht. Bürokratischer Zentralismus aber könnte eines Tages den Aufbau eines prinzipiell föderalen politischen Systems stark behindern. …

— Das vielbeschworene kulturelle und geistesgeschichtliche Erbe, das Existenz und Selbstbewußtsein der europäischen Völker begründete, droht entweder in ethnischen und nationalen Querelen unterzugehen oder vom Unterstrom des säkularen Nihilismus der Gleichgültigkeit fortgespült zu werden.

 

Angesichts der Lage ist es höchste Zeit, daß sich Protestanten in ihren Kirchen ihrer Herkunft und Verantwortung erinnern und den neuen Aufgaben stellen. Warum?

 

Innerhalb der großen europäischen Konfessionsfamilien, gibt es zweifelsfrei eine unverwechselbare protestantische Tradition, die in allen reformatorischen Kirchen beheimatet ist. Reformatorisches Bekenntnis und Aufklärung, Glaube und Vernunft haben sie bleibend geprägt. Sie unterscheidet sich deutlich von anderen Gestalten christlicher Überlieferung. Von klerikaler Bindung ist sie durch kritische Kirchlichkeit, von nihilistischer Gleichgültigkeit durch Engagement unterschieden, das persönlichen Glauben mit sozialer und politischer Verantwortung verbindet. …

 

Die Kirche Jesu Christi schuldet den Menschen in Europa das Wort, das selber wirkt, was es zur Sprache bringt: Gott versöhnte in Christus die Welt mit ihm selber. Sie schuldet also das Evangelium in seinen drei unverlierbaren Wirkungsweisen, in Wort, Sakrament und Diakonie….

 

Konkret wird es in den Kirchen Europas aber darum gehen, die Aufmerksamkeit der Europäer für wenige Grundfragen zurückzugewinnen — um Gottes willen, seiner Menschen und seiner Schöpfung wegen.

 

  1. Welche politischen und ökonomischen Maßnahmen müssen wir gemeinsam einklagen, damit jetzt und hierzulande die Fundamente für eine neue, gerechtere Weltwirtschaftsordnung gelegt werden, wenn anders das Armuts- und Hungergefälle sich nicht explosiv in einer Völker-Elends-Wanderung entlädt, die alle anderen sozialen Bemühungen illusorisch macht?
  2. Welche Konturen muß eine von der europäischen Haftungsgemeinschaft entworfene und praktizierte Flüchtlings- und Einwanderungspolitik haben?
  3. In welche Koordinate und welchen Kontext gehört eine christliche Sozialcharta für Europa, die verhindern hilft, daß Europa sich zur schwimmenden Festung erklärt?
  4. Was hat künftig Vorrang in Europa? Der Primat der Politik über die Ökonomie oder der Primat der Ökonomie über Politik und Kultur?
  5. Welche Verzichtsleistungen sind von den Europäern zu verlangen, wenn die noch vorhandenen ökologischen Bestände geschützt und gewährt werden sollen?

 

Werden diese Fragen ernst genommen und dem Zentrum christlichen Glaubens zugeordnet, so ergeben sich die nötigen Veränderungen der kirchlichen Konfessionsgestalten von selbst. Und die Träume erübrigen sich.

 

(aus: Peter Beier: Kirche 2000? Der Beitrag der protestantischen Kirche zur Erneuerung Europas., in: Peter Beier: Übergänge, Düsseldorf 1999, S. 116)

 

 

Quellennachweis: Superintendenberichte, „Nein zum Tode – Ja zum Sterben: Ein Lesebuch“, Zeitschrift für Gottesdienst und Predigt

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