Ressentiments habe auch ich erfahren

22. August 2015 von Manfred Rekowski

650.000 oder 800.000? Egal, wie viele Flüchtlinge dieses Jahr bei uns Zuflucht suchen: Die Zahl ist rekordverdächtig – zumindest für die jüngere Vergangenheit. Kann Deutschland diesen Zustrom verkraften? Glaubt man denen, die in Fernsehen und sozialen Netzwerken unter dem Etikett „Besorgte Bürger“ ihre politischen Parolen von „Überfremdung“ und „Schmarotzertum“ verbreiten und dabei ihren Rassismus kaum verbergen können, dann nein.

Aber hunderttausende Menschen, die landauf, landab – oft ehrenamtlich – die Ärmel hochkrempeln und Flüchtlinge mit Kleidung versorgen, Sprachkurse geben, bei Behörden unterstützen und Freizeitaktivitäten für die belasteten und oft traumatisierten Männer, Frauen und Kinder auf die Beine stellen, sprechen eine andere Sprache: Wir schaffen das.

Deutschland hat das schon oft geschafft. Rund zwölf Millionen Vertriebene aus dem Osten haben nach dem Zweiten Weltkrieg hier Zuflucht gefunden. Die alte Bundesrepublik hat mehr als 3,5 Millionen Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR sowie rund vier Millionen Aussiedler aufgenommen. Dazu die vielen DDR-Flüchtlinge im Jahr 1989 und die Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, die Anfang der 1990-er Jahre zu uns kamen. Das war beileibe nicht immer leicht. Ressentiments gab es stets gegen die Neuankömmlinge. Als Kind habe ich das selbst zu spüren bekommen, als ich – in Masuren geboren – 1963 mit meiner Familie hierher kam. Auf dem Schulhof war ich „der Pole“, und zur finanziellen Unterstützung, die wir erhielten, hieß es: „Denen schmeißt man alles nach.“

Deutschland kann anders. Das stellen die vielen helfenden Menschen jeden Tag neu unter Beweis. Sie halten sich nicht an der längst höchstrichterlich geklärten Frage auf, wie viel Taschengeld ein Asylbewerber bekommen soll. Sie packen an – um der Menschen und der Menschlichkeit willen. Danke dafür! Wenn aber gelingen soll, was wir mit großer Anstrengung tun, muss auch die Regierung endlich erkennbar anpacken: Die Situation der Flüchtlinge und die Ursachen ihrer Flucht brauchen eine europäische Lösung. Die Bekämpfung der Fluchtursachen bedarf mindestens eines ebenso großen finanziellen Einsatzes wie die milliardenschwere Bankenrettung. Dann erwiese sich Europa als die soziale Gemeinschaft, die den Friedensnobelpreis zu Recht verliehen bekommen hat. Die Hilfe für Flüchtlinge ist ganz gewiss nicht einfach, aber: Sie ist wirklich alternativlos!

7 Antworten auf „Ressentiments habe auch ich erfahren“

  1. Kann dem Beitrag voll zustimmen.
    Allerdings haben wir auch 100.000 deutsche Obdachlose und hunderttausende Migranten, die sich in Deutschland nicht anpassen möchten und unsere Kultur, unsere Relgion, Werte, etc. komplett ablehnen. Diese Konflikte haben sich in den letzten 20 Jahren enorm verschärft und durch den Zuzug neuer kulturfremder Menschen wird eine Integrationsleistung der autochthonen Bevölkerung immer schwerer bzw. unmöglich.

  2. „Wir schaffen das“ +++ „Deutschland hat das schon oft geschafft“ +++ „Deutschland kann anders“

    Es ist fabelhaft, was wir alles können; oder auf lykaonisch gesagt: Die Götter sind den Menschen gleich geworden und zu uns herabgekommen.

    Ob diesem Bewusstsein dankbares Leben und getröstetes Sterben geschenkt wird? Vielleicht! Eines ist aber gewiss: „Mit unserer Macht ist nichts getan“ (eg 362,2), darum möge der Einzige, der wirklich alternativlos ist, möge der lebendige Gott das segnen, von dem wir meinen, dass es uns flüchtigen (Gen 4,12) Menschen hilft.

    „Ist’s Werk von Dir, so hilf zu Glück, ist’s Menschentun, so treib zurück und ändre meine Sinnen. Was Du nicht wirkst, das pflegt von selbst in kurzem zu zerrinnen“ (eg 497,8)

  3. Ich bitte nur um eine Sache: LAUTER! Möglichst nicht nur am Sonntag von der Kanzel, sondern zu jeder Zeit, und das laut, denn wir sind Christen.

  4. Ein zutrreffender Text, den ich voll unterschreiben kann. Leider kann ich nicht erkennen, wer ihn verfasst hat. Also kann ich nur ganz allgemein meine Zustimmung kundtun. In unseren Städten mag der Wohnraum ja knapp sein, aber auf dem platten Land stehen inzwischen viele Häuser leer, in denen Flüchtlinge gut Aufnahme finden könnten, dezentral und von den Nachbarn gelitten und willkommen geheißen. Wer sich die Lebensgeschichten dieser Menschen anhört, kann doch nur helfen wollen!

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