Geschrieben von am 27.05.2017 in Aktuell | Keine Kommentare

Sieh mich an!

Sieh mich an!

Was tun Menschen nicht alles, um gesehen zu werden: Mit piepsiger Stimme trällern sie vor einem TV-Millionenpublikum krumm und schief einen anspruchsvollen Welthit. Sie posten bei Facebook Bilder selbst aus der Umkleidekabine bei C & A. Sie twittern quasi in Echtzeit die gerade vollzogene Trennung von der – bislang –  Liebsten. Auf allen Kanälen buhlt Promi wie auch Lieschen Müller mal virtuos, mal verzweifelt rund um die Uhr um Aufmerksamkeit. Sie schreien kollektiv: Sieh! Mich! An!

Wenn mich niemand sieht, fühle ich mich so, als existierte ich gar nicht. Dieses Gefühl ist keine Erfindung unserer Zeit. Menschen wollen wahrgenommen, gesehen, beachtet werden. Das war in grauer, prädigitaler Vorzeit schon so. Die Bibel erzählt von vielen Menschen, die auch darum gerungen haben. Von Hagar etwa, einer ägyptischen Sklavin, die von ihrer Herrin mies behandelt, in ihrer Not, aber von niemandem wahrgenommen wurde. Von niemandem … – bis ihr an einem Brunnen in der Wüste der Gott Israels begegnet. Diese Begegnung verändert Hagars Leben, ihr Geschick und ihr Gefühl. Deshalb gibt sie diesem aufmerksamen Gott einen Namen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

In diesen Tagen treffen sich unter dem Leitwort „Du siehst mich“ in Berlin mehr als 100.000 Leute zum Deutschen Evangelischen Kirchentag; Menschen, die sich auf diesen Gott und seinen Sohn Jesus Christus berufen. Sie treffen sich zu Gottesdienst, Gesang, Gebet, Bibelarbeit, theologischer und politischer Auseinandersetzung. Manchen ist diese geballte und bunte Kombination aus Glauben und Weltverantwortung suspekt. Aber wer genauer hinsieht und im Programmheft blättert, findet hinter den  Themen der Veranstaltungen die Menschen, um die es geht: Obdachlose, Alleinerziehende, Behinderte, Arme hier und anderenorts, Arbeitslose, Flüchtlinge und Abgehängte aller Generationen.

Für die machen sich Christenmenschen nicht nur alle zwei Jahre auf Kirchen- oder Katholikentagen stark, sondern in ihrem alltäglichen Handeln in den Gemeinden und in diakonischer Arbeit, aber auch im politischen und gesellschaftlichen Einsatz – im Namen des Gottes, dem die biblische Hagar seinen ersten Namen gegeben hat: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Im Gegensatz zum kollektiven Schrei nach Aufmerksamkeit einer ganzen Selfie-Generation ist dieser Blick auf die, die niemand mehr sieht, das, was in einer Gesellschaft wirklich Not tut.


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