„Ach, Johannes, Du fehlst uns“ – Geistliche Gedanken zum Johannistag

23.6.2022

Thorsten Latzel

Ach, Johannes, Du fehlst mir. Du fehlst uns. Von Dir ist oft nicht mehr übriggeblieben als Dein Finger, Dein ewig langer Zeigefinger. Und ein Satz: ...

Ach, Johannes, Du fehlst mir. Du fehlst uns. Von Dir ist oft nicht mehr übriggeblieben als Dein Finger, Dein ewig langer Zeigefinger. Und ein Satz: „Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen.“ Hast Du das wirklich so gesagt? Das klingt wie ein verzweifeltes „Nicht-Du-selbst-sein-wollen“. Dabei wirkst Du auf mich wenig depressiv. Du warst mehr eine „Type“ im eigentlichen Wortsinn: eine starke, prägende Persönlichkeit!

Wie wäre die Geschichte unserer Kirchen eigentlich verlaufen, wenn sich mehr von den Brückenbauern, die sich selbst Pontifex nannten, ein Beispiel an Dir als Wegbereiter genommen hätten?

Fast alle Geschichten von Dir sind ja Geschichten nach dem Motto „Er war nicht Christus.“ Natürlich nicht. Geschenkt. Doch schon auffällig, wie oft das immer wieder betont werden muss. Darüber geht allzu oft verloren, wer Du wirklich warst.

Du fehlst mir. Mit Deinem Mut, an die Grenzen zu gehen – und auch darüber hinaus. Dein wüster Wüsten-Geist, Deine geistliche Leidenschaft. Mir fehlt Dein muskulöser, sehniger Arm. Deine Spannkraft. Deine Haltung unbedingter Erwartung.

Was hättest Du eigentlich gesagt, wenn Du unsere Form des Fastens kennengelernt hättest? „Sieben Wochen ohne Geiz, ohne Scheu, ohne Schaudern, ohne Ausreden, ohne falschen Ehrgeiz, ohne Enge, ohne Sofort, ohne Kneifen, ohne Stillstand“? Wow! Ich glaub, Du wärst echt geflasht gewesen.

Oder unsere Vorliebe für klerikale Gewänder: Talar mit Samtkragen, Albe, Kollarhemden. Mehr Kaschmir als Kamelhaar. Wirf uns Deinen Prophetenmantel um, so wie Elia es bei Elisa tat! Zumindest einen Zipfel.

Kamelhaar, Ledergürtel, Heuschrecken und wilder Honig. Allzu schnell rutscht Dein Bild mir ab in das des ökologischen Freaks, Archetyp des Aussteigers. Du warst mehr als das. Doch was warst Du genau? Ein heiliger Wilder, ein engelsgleicher Asket, ein Prophet der Umkehr, weisheitlicher Tugendlehrer, Rufer in der Wüste, Zeuge des Lichts und des Lammes, Wegbereiter, Vorläufer, Konkurrent Christi? Vielleicht ein Nasiräer auf Lebenszeit. Geheiligt für Gott. Mit Christus verwoben schon vor der Geburt. Bis hin zum gewaltsamen Tod. Fromm wie Deine alten Eltern, aus guter Priesterfamilie. „Jochanan“ so haben Sie Dich genannt – „der HERR hat sich erbarmt“. Auch, wenn sie Deinen Weg wohl nie verstanden haben.

Wüste und Wasser. Das waren Deine Wirkungsstätten. Du bist rausgegangen in die Einsamkeit. In die Wüste. Dorthin, wo von jeher die Geschichte Israels beginnt. Und an den Jordan, den es immer wieder neu zu überschreiten gilt, wenn man ins verheißene Land will. Dort hast Du getauft. Die Massen, die zu Dir kamen. Das Taufen hat Dich ausgezeichnet: Es ist Dein zweiter Name geworden. Johannes Baptistes. Du warst der Täufer schlechthin. Das war etwas Neues. Die Reinigung, das Untertauchen im fließenden, kalten Wasser. Und Deine Predigt des Gerichts und zur Umkehr. Prophet und Priester in einem. Noch ohne die Gabe des Heiligen Geistes, so heißt es. Außer das eine Mal, bei dem einen. Als der Himmel sich öffnete.

Anfänger, das warst Du, radikaler, heiliger Anfänger. Immer wieder neu mit dem Anfang anfangen. Das lerne ich bei Dir. Du warst die personifizierte Transformation. Keine bloße Ethik des Verzichts. Sondern eine Existenz der radikalen Einkehr bei Gott. Und eine Haltung sehnsüchtigen Wartens: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Und das, nachdem Du ihn berührt, getauft hattest. Du hast Advent gelebt, bist selbst Advent gewesen, ewiger Advent. „O Heiland, reiß die Himmel auf!“

Du warst nie fertig. Und genau das war Deine Stärke. Du warst kein Rohr, das der Wind hin und her weht.

Du warst niemand in weichen Kleidern. Du hast mit Deiner Predigt wahrhaft Kopf und Kragen riskiert. Wobei: einen Kragen hattest Du ja nie. Warum war Dein Kopf der Herodias eigentlich so viel wert, mehr als das halbe Königreich? Warst Du als Kritiker der Mächtigen wirklich so gefährlich? Waren es Deine Mahnungen für Reiche, Zöllner, Soldaten?

Was mir auffiel: Anders als von Elia, Petrus, Paulus sind von Dir gar keine Wunder berichtet. Keine Heilungen, keine Speisungen, nicht mal ein kleines Naturereignis. Außer dem einen Wunder, dem vielleicht größten: Dass Du Dich selbst verwandelt hast, radikal.

Und Du hast etwas von Christi Leiden vorerlebt. Vielleicht warst Du, der Du ihm vorausgingst, der einzige, der Christus in den Evangelien wirklich nachgefolgt ist. Du warst das Bindeglied in eine neue Zeit. „Grenzwächter der Äonen.“ Größter unter den Menschen und Kleinster im Reich Gottes.

Wir erleben jetzt wieder Wüstenzeiten. Ökologisch sowieso, aber auch gesellschaftlich, kirchlich. Die Hitze nimmt zu. Doch wir sind das nicht mehr gewöhnt. Wir spüren, wie die Axt an die Wurzel gelegt ist. Den Ruf zur Umkehr. Die Folgen unserer eigenen Lebensweisen. Dein „sense of urgency“ ist aktueller denn je. Es ist gut, mitten in der Hitze des Sommers an Dich zu denken. Um gemeinsam mit Dir Christus nachzufolgen. Wüstenkompetent – an den Wassern der Umkehr – und ganz in Erwartung des Anwesenden.

Theologische Impulse 116, von Dr. Thorsten Latzel

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Beiträge zu “„Ach, Johannes, Du fehlst uns“ – Geistliche Gedanken zum Johannistag

  1. Leben wir in Wüsten-Zeiten, in prophetischen Zeiten? Die klassischen Propheten traten in Scheinblüten-Zeiten auf, warnten vor der kommenden Katastrophe, riefen zur Umkehr auf, verzweifelten an Gottes Gericht und hielten doch an seinem Erbarmen fest. Bei Johannes war das zugespitzt. Und Jesus reihte sich da ein: Kein Stein wird auf dem Andern bleiben, er weint, wo die Jünger noch stolz auf die Pracht sind. Ist das unsere Aufgabe als Kirche: Gericht Gottes ankündigen? Dass unsere Wohlstandsgesellschaft zertrümmert werden wird? Umkehr predigen? An Gott irre werden und trotzdem seiner Gnade vertrauen? Eine Hoffnung verbreiten, die durch den Untergang hindurch durchträgt?

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