„Annus horribilis“ oder „mirabilis“. Was wird aus dem Jahr 2020?

22.11.2020

Thorsten Latzel

https://praesesblog.ekir.de/wp-content/uploads/2020/11/theologische_impulse__hintergrund_fuer_fb__impuls_77_-_annus_horribilis_oder_mirabilis_-_was_wird_aus_2020.jpg Mit dem Ewigkeitssonntag geht das Kirchenjahr zu Ende. Rund einen Monat später endet dann das Kalenderjahr. Damit wandert der Blick zurück – und es stellt ...

Mit dem Ewigkeitssonntag geht das Kirchenjahr zu Ende. Rund einen Monat später endet dann das Kalenderjahr. Damit wandert der Blick zurück – und es stellt sich die Frage, was von dem Kirchen- bzw. Kalenderjahr 2020 bleiben wird. Mit der weltweiten Corona-Pandemie, über 1,3 Millionen Todesopfern (bis Mitte November) und dem vielfältigen Leid, das individuell wie gesellschaftlich mit der Pandemie einhergeht, spricht viel dafür, dass 2020 als „Schreckensjahr“ (annus horribilis) in die Erinnerung eingehen wird. Das Virus hat eine Verletzlichkeit menschlichen Lebens, eine Vulnerabilität gerade auch der hochentwickelten Gesellschaften vor Augen geführt, wie sie für viele nicht vorstellbar war. Wie das Jahr 2020 „in the long run“ in Erinnerung bleiben wird, ist dennoch nicht ausgemacht.

Die Wendung „annus horribilis“ wird allgemein auf Queen Elisabeth II. zurückgeführt, die in ihrer Rede zum 40. Thronjubiläum am 24. November 1992 das damalige Jahr auf diese Weise charakterisiert hat. So belastend die Kumulation der Ereignisse in dem Jahr für sie subjektiv gewesen sein mag, nehmen sie sich aus heutiger Perspektive und von außen gesehen überschaubar aus: ein Feuer auf Windsor Castle, die Scheidungen bzw. Eheprobleme von dreien ihrer vier Kinder, die damit verbundenen Skandale in der Klatsch-Presse („Sarah Ferguson oben ohne mit Freund John Bryan“). Das wünscht sich sicher keine Mutter, erst recht nicht, wenn die eigene Familie im besonderen öffentlichen Fokus steht. Doch im Blick auf die 40 Jahre ihrer Regentschaft fallen einem durchaus auch andere inter-/nationale Ereignisse ein, die für Großbritannien von schrecklicher Bedeutung gewesen sein könnten. „Schrecklich“ (horribilis) ist immer etwas für jemanden in bestimmter Hinsicht. Es gibt keinen Schrecken an sich.

Interessant ist, dass umgekehrt die Redewendung „Wunderjahr“, annus mirabilis, von der sich das Schreckensjahr ableitet, gerade in Bezug auf die beiden Pestjahre 1665/1666 entstanden ist. Die Universität von Cambridge war wegen der „Großen Pest“ geschlossen, Isaac Newton zog sich zurück in den kleinen Weiler Woolsthorpe-by-Colsterworth, aus dem er stammte – und entwickelte in dieser Zeit der Abgeschiedenheit wesentliche Grundlagen der klassischen Physik. Der englische Dichter John Dryden schrieb im gleichen Seuchenjahr 1666 das Gedicht „annus mirabilis“ – inspiriert durch die wundersame Eindämmung des „Great Fire of London“, das den größten Teil der historischen City zerstört und über 100.000 Menschen obdachlos gemacht hatte. Mit dem „Großen Feuer“ erstarb zugleich die „Große Pest von London“. Auch hier zeigen sich Perspektivität und Relativität der Einschätzung. Auch Wunder gibt es nur für jemanden in Hinblick auf etwas.

Am Ewigkeitssonntag richtet sich der Blick zurück auf die Verstorbenen dieses Jahres. Wir erinnern daran, wie schmerzlich der Verlust jedes einzelnen Menschen ist. Jede Zahl in der Statistik, nicht nur der Corona-Verstorbenen, jeder Name, der in den Gottesdiensten verlesen wird, steht für ein einzigartiges, beendetes Leben. Ein Leben mit persönlichen Wunder- und Schreckensjahren. Mit unwiederbringlichen Erfahrungen von Liebe und Leid, von Schmerz und Schönem. Und für die Leere, die Lücke, die ohne diesen Menschen im Leben der anderen bleibt.

Als Christen hoffen wir, dass jeder Augenblick dieses einmaligen Lebens in Gott aufgehoben ist: die schönen Stunden (hora mirabilis), indem Gott sie bewahrt und ins rechte Licht stellt; die schrecklichen Stunden (hora horribilis), indem Gott sie überwindet, heilt, versöhnt. Und wir vertrauen, dass die Menschen, so verwandelt, in der Liebe Gottes weiterleben – in der Liebe, aus der sie einst erschaffen wurden.

Der Ewigkeitssonntag weitet den Blick nach vorn auf das, was bleibt. Worauf es in diesem Leben ankommt – und darüber hinaus. Wie wir in Liebe der Menschen gedenken, die verstorben sind, so helfen wir in Liebe den Menschen, die jetzt mit uns leben. Auf beides richtet dieser Tag unser Augenmerk.

Der individuelle Rückblick auf das Kirchen- und Kalenderjahr 2020 wird sehr unterschiedlich ausfallen, weil auch Corona mit seinen Begleitumständen uns sehr verschieden betrifft. Für die kollektive Erinnerung wird die Frage, ob 2020 mehr ein „Schreckens-“ oder ein „Wunderjahr“ war, auch damit zusammenhängen, was wir daraus machen:

Gelingt es uns, durch die Pandemie zu einer größeren nationalen wie internationalen Solidarität zu finden, weil wir im Leiden an Corona tief miteinander verbunden sind?
Werden wir medizinische Forschung und Gesundheitsvorsorge weltweit intensiver vernetzen und Medikamente gerade auch Menschen aus ärmeren Gesellschaften zur Verfügung stellen?
Lernen wir durch Corona, unser Arbeits-, Konsum-, Mobilitätsverhalten zu ändern hin zu echter ökologischer Nachhaltigkeit, ohne die wir absehbar in Krisen noch größeren Ausmaßes geraten werden?
Werden wir der „Seuche“ sozialer Selbstsüchtigkeit wehren und die großen finanziellen Lasten so verteilen, dass ein lebenswertes, solidarisches Miteinander gestärkt wird?

Die Geschichte dieses Jahres ist nicht festgelegt. Sie hängt auch davon ab, was wir, was ich aus ihr mache. Davon, wofür ich die Tage und Wochen meiner endlichen Freiheit einsetze. Ob ich „faul wie die Waschbären“ auf dem Sofa hänge – oder die Corona-Klausur zum Lesen, Denken, Forschen, Ideen-Entwickeln nutze. Ob ich meinen Gruben-Groll über die Unfähigkeit aller anderen, speziell von „denen da oben“, pflege – oder ob ich mich konkret an meinem Ort zum Wohl anderer engagiere. Und ob ich so mit meinem Tun und Lassen dem Pendel zumindest einen kleinen Stubbs in Richtung „mirabilis“ gebe. Die Geschichte des Jahres 2020 wird von mir, von uns mitgeschrieben. Und ich gebe den Glauben daran nicht auf, dass wir uns am Ende positiv wundern werden, was in dieser Zeit unter uns entstanden ist.

Theologische Impulse 77, von Dr. Thorsten Latzel

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