„Ein Lesender werden“ – Vom Glauben und der Kunst des Lesens

12.11.2022

Thorsten Latzel

Lesender Christlicher Glaube ist von jeher eng mit der Kunst des Lesens verwoben. Die Reformation nahm ihren Anfang mit einem Lektüre-Erlebnis Martin Luthers, als sich ihm ...

Christlicher Glaube ist von jeher eng mit der Kunst des Lesens verwoben. Die Reformation nahm ihren Anfang mit einem Lektüre-Erlebnis Martin Luthers, als sich ihm beim wiederholten Lesen des Römerbriefs der Zusammenhang der Wörter und damit der Himmel neu erschloss. Eine Reformatorin wie Argula von Grumbach kannte ihre Bibel weitgehend auswendig. Der Kirchenvater Augustin beschreibt, wie seine Bekehrung durch einen gesungenen Kindervers angestoßen wird: „Tolle lege – nimm und lies!“ In der Bibel selbst ist immer wieder davon die Rede, wie Menschen durch die Lektüre der Heiligen Schrift verändert werden. Etwa der Prophet Ezechiel, der als Teil seiner Berufung eine Buchrolle isst, oder der Kämmerer aus Äthiopien, der laut auf seinem Wagen liest, ohne recht zu verstehen, bis Philippus ihm die Schrift auslegt.

Eine Lesende, ein Lesender werden: der Welt den Rücken gewandt. Die Seele berührt von Gott. Eingekehrt in die alten Geschichten: von Gottes Schöpfung, seinem Volk Israel, von Jesus Christus – und wie in all dem Geschriebenen ein Geist wirkt, der das eigene Denken auf wundersame Weise verändert. „Nimm und lies. Werde ein Lesender.“

Der französische Autor Pierre Péju hat in seinem Roman „Die Kleine Kartäuserin“ eindrücklich beschrieben, was es bedeutet, ein Lesender zu sein. Die Geschichte handelt von einem tragischen Unfall, als die kleine zehnjährige Eva blindlings vor den Wagen des Buchhändlers Etienne Vollard läuft. „Denn auch das Schlimmste streicht immer in der Meute des Möglichen. Die Hyäne des Schlimmsten tummelt sich ziellos in der Banalität.“ Thérèse, ihre tagträumende, durchsichtige, vor sich selbst fliehende Mutter, hat sie in der Schule nicht rechtzeitig abgeholt. Das Mädchen wird schwer verletzt. Obwohl keine Chance zum Ausweichen blieb, muss Vollard nun mit dem Unfall, der Schuld, den Folgen leben. Ebenso wie Thérèse und Eva, zu denen sich eine ganz eigene Form der Beziehung entspinnt, ohne dass ihre Einsamkeiten zu einander finden.

Etienne Vollard, groß, massig, mit rotem Lockenschopf und dicker Brille, ist ein Lesender schlechthin.

Die vielen memorierten Texten in seinem Kopf sind von jeher ein Schutz gegen die anderen Stimmen in ihm. Gegen die traumatischen Verletzungen aus seiner Kindheit. Vollard liest, um zu leben, um zu überleben. Um der Wirklichkeit in ihrer Banalität und Grausamkeit etwas entgegenzuhalten. „Es gibt was Besseres in der Welt“ (Matthias Claudius). Er liest nach dem Mord an seinen Eltern. Er liest, gemobbt von den anderen, auf dem Schulhof. Er liest in den politischen Studentenprotesten im Paris von 1968. Lesen als Akt tiefer Freiheit. Und immer wieder sind seine Erfahrung in der Geschichte durchtränkt von den Leseeindrücken, den Texten, den inwendig gewandelten Wörtern und Worten in ihm. Lesen als Freiheit von der Welt – zu der Welt.

Das Gelesene ist zugleich der Ariadne-Faden, um zu Eva durchzudringen, als sie im Wachkoma liegt. Anders als Thérèse spricht Vollard mit ihr, unermüdlich. Er rezitiert ihr Märchen, liest ihr gleichsam vor aus den vielen inwendigen Texten in ihm. Solange, bis Evas Augen sich wieder nach außen öffnen. Bis sie – zumindest auf gewisse Weise – zurückfindet ins Leben.

Lesen. Lesen als Schutz vor den finsteren Stimmen in mir, Lesen als Zugang zu einer anderen Wirklichkeit, als Faden durch die labyrinthische Einsamkeit – der eigenen wie die der anderen, als Brücke zum Du. Biblisch, geistlich gesprochen: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“ (Röm 12,2). Das ist eine Erfahrung, die Menschen beim Lesen immer wieder gemacht haben: frei zu werden von der eindimensionalen Plattheit des Lebens, davon, dass „die Welt so ist, wie sie ist.“ Und frei zu werden, Gott, sich selbst, die anderen neu zu verstehen.

Am 18. November findet der bundesweite Vorlesetag statt. Vielleicht ist gerade der Herbst, der dunkle November, als eine Zeit des Lesens zugleich eine Zeit der tieferen, inneren Veränderung. Gerade, wenn die Welt um uns herum aus den Fugen ist und verrücktspielt, kann es höchst heilsam sein, dem eigenen Denken eine andere Richtung zu geben: im Gespräch mit den Glaubenden aller Zeiten und Weltgegenden; im Lesen der fremden Geschichten von Wundern, Auferstehung, Gebet; in Momenten konzentrierter Ruhe und Einkehr – der Welt den Rücken, die Seele offen für Gott, um frei zu werden, die anderen, sich selbst, Gott neu zu finden.

Nimm und lies

Nimm und lies!
Werde eine Lesende, ein Lesender!
Die Welt muss nicht so sein, wie sie ist.
Trau nicht der Banalität Deines Alltags.
Unterbrich Dich selbst, Deine hektische Betriebsamkeit,
die finsteren Stimmen in Dir.

Nimm und lies!
Werde eine Lesende, ein Lesender!
Die alten Geschichten vom immer neuen Anfang.
Die Zeit ist reif. Gott ist nah.
Ändere Deinen Sinn. Glaub der guten Botschaft.“

Nimm und lies!
Werde eine Lesende, ein Lesender!
Sei frei: von der Welt – für die Welt.
Und entdecke neu die anderen, Gott, Dich selbst.

 


Theologische Impulse (125) von Präses Dr. Thorsten Latzel

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