Liebesgedächtnis – Von der „Gegenobszönität“ der Liebe Gottes

20.8.2022

Thorsten Latzel

Elefanten Eines der schönen Dinge am Sommerurlaub ist ja, dass man in Ruhe zum Lesen kommt. Eine meiner Lieblingslektüren in diesem Jahr: „Das Liebesgedächtnis“ von Sibylle ...

Eines der schönen Dinge am Sommerurlaub ist ja, dass man in Ruhe zum Lesen kommt. Eine meiner Lieblingslektüren in diesem Jahr: „Das Liebesgedächtnis“ von Sibylle Knauss. Überhaupt eine faszinierende Autorin, noch dazu mit hoher theologischer Bildung. Doch diese Geschichte ist schlicht eine Wucht.

Beate, eine erfolgreiche Schriftstellerin, Ende 60, verheiratet, mit erwachsenen Kindern, verliebt sich noch einmal in einen pensionierten Arzt, Anfang 70. Eine Liebe, die eigentlich gar nicht sein dürfte – zumal beide, besonders er, auf ihre je eigene Weise fromm sind.

Es ist einfach nur wunderschön, wie einfühlsam und lebensklug Sibylle Knauss das Wachsen dieser jungen, alten Liebe aus Beates Sicht beschreibt.

Etwa, nachdem sie beide zusammengekommen sind:

„Da liegst du. Deine Hände sind nicht bei mir, sondern hinter deinem Kopf verschränkt. Ach, es tut mir so leid, dass ich dich zum Ehebrecher gemacht habe. Hoffentlich war der Kulturschock für dich nicht zu groß. Rein technisch gesehen, sage ich so vorsichtig, wie es geht, hast du jetzt eine Geliebte. Der Satz gefällt dir.“

An einer anderen Stelle:

„Wir sind vor Gott nicht vermählt. Wir werden ein Fall für seine Barmherzigkeit sein müssen, an der wir beide nicht zweifeln.“

Eine Armour fou zwischen zwei lebensreifen Menschen, die von Freiheit und Weisheit bestimmt ist:

Beate: „Wir verzichten beide darauf, uns zu Partnern abzurichten.“

Er: „Intelligente Menschen machen intelligente Dummheiten.“

Oder der schöne Gedanke, dass in einer Welt, in der Sex allgegenwärtig ist, Frömmigkeit, Keuschheit geradezu den Charakter einer schockierenden „Gegenobszönität“ gewinnen.

Zugleich ist Beates Liebeserzählung aber eben auch ein Kampf gegen ihre fortschreitende Demenz. Der Versuch, die Erinnerung an ihre Liebe zu bewahren, während ihr Vergessen immer weiterwächst. „Rückwärts ins Nichts zu gehen“, so beschreibt sie es. Und sie schreibt dagegen an – bis ihr Liebesgedächtnis später entdeckt wird und eine neue Liebe entzündet.

Liebesgedächtnis. Das ist ein starker Begriff dafür, worum es in den biblischen Geschichten geht, von der Schöpfung bis zur Offenbarung. Gegen die Gefahr des Vergessens, sich an die eine große Liebe Gottes erinnern, aus der alles entstanden ist und in die am Ende einmal alles eingehen wird. Und die alten Geschichten immer wieder erzählen, bis sich an ihnen neue Liebesgeschichten entzünden.

Zur Liebesdramaturgie bei uns Menschenwie bei Gott gehört dabei der Moment, in dem die Liebenden ihre Bedürftigkeit offenbaren.

Mit Beates Worten:
„Ein höchst anziehender Mann, schön, sexy, erfolgreich etc., trifft höchst anziehende Frau, schön, sexy, erfolgreich etc., fabelhafte Dialoge, tolle Performance etc.  – ihre Geschichte lässt uns eiskalt. Doch irgendwann entdecken wir den verklemmten, schüchternen, einsamen Mann in ihm und die verklemmte, schüchterne, einsame Frau in ihr. Diese beiden reden sich um Kopf und Kragen, sie missverstehen, sie blamieren sich, sie verlieren ihre Fassung und stehen plötzlich in ihrer ganzen Bedürftigkeit voreinander da. […] Das ist der Moment, in dem wir bei ihnen sind und sie bei sich. Und wir geben alles dafür, um ihn zu erleben. Das Wunder der Liebe ist nicht, dass Begegnung zustande kommt. Das Wunder ist die Enthüllung der Bedürftigkeit.

Das ist es, was in dem Menschen Jesus Christus geschieht: Gott als der perfekte Liebende, als die Liebe selbst enthüllt seine Bedürftigkeit. Er wird Mensch, bedürftig, hungrig, nackt, am Ende gefangen, verzweifelt, allein. Und erst so können wir diese eine, allumfassende, schöpferische Liebe Gottes wirklich annehmen. Sie wäre sonst zu viel für uns. Gott macht sich klein, wird bedürftig, geradezu hässlich, verliert sich selbst. Damit wir durch ihn groß werden und schön und uns selbst finden.

Ich glaube, dass wir die Evangelien wie die Bibel insgesamt neu als eine Liebesdramaturgie lesen sollten. Eine Geschichte von den Irrungen und Wirrungen der Liebe Gottes zu seinem Volk Israel, zu uns Menschen, zu seiner ganzen Schöpfung.
Die Hindernisse und Verwicklungen auf dem Weg. Vom Garten Eden bis zur himmlischen Stadt Jerusalem, mit Wüste, gelobtem Land und Exil, und mit einem Gott, der sich um Kopf und Kragen liebt, bis er am Ende nackt dasteht, in seiner ganzen Verletzlichkeit. Liebe, Verletzlichkeit und Frömmigkeit gehören hier tief zusammen.

Und am Ende bleibt das verwegene Gerücht, dass die Liebe Gottes in Christus stärker ist als der Tod, dass sie immer wieder Liebe aus sich heraus gebiert, bis sie am Ende einmal sein wird alles in allem.

Liebesgedächtnis

Ach, Gott, da bekennen wir Dir jeden Sonntag unseren Glauben

und erwähnen dabei nicht ein einziges Mal das Wort Liebe.

Auch in unserem Alltag, im Stau, an der Kasse, vorm Bildschirm, beim Streit, vergessen wir sie regelmäßig.

Liebesdemenz: „Da war doch noch was …“.

Doch Du vergisst sie nicht, vergisst Dich nicht, vergisst uns nicht.

Wir gehen rückwärts ins Nichts – und fallen doch in Deine Hände.

Gott sei Dank!

Hilf unserer Erinnerung auf. Stifte neu ein Liebesgedächtnis.

Und schenk uns den Mut, unsere Liebesgeschichte zu leben.

Amen.


Theologische Impulse 120, von Dr. Thorsten Latzel

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Bild: www.pixabay.com

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