„Warum, Kain?“ – Gedanken zu einer alten Geschichte in Zeiten des Krieges

21.3.2022

Thorsten Latzel

Kain Warum, Kain? Warum hast du deine Wut an Abel ausgelassen? Er war doch dein jüngerer Bruder. Der Kleine, der Kurze. Schmächtig und zärtlich. Nur ein „Hauch“, wie sein ...

Warum, Kain? Warum hast du deine Wut an Abel ausgelassen?
Er war doch dein jüngerer Bruder.
Der Kleine, der Kurze. Schmächtig und zärtlich.
Nur ein „Hauch“, wie sein Name sagt.
Warum warst du wütend auf ihn und nicht auf Gott?
Gott war es doch, der sein Opfer gnädig ansah und deins nicht.
Was konnte Abel dafür?
Der kleine Hirtenjunge war doch nicht wirklich ein Gegner.
Für dich – als Macher, Gestalter, Anpacker.
So wie dich deine Mutter schon bei deiner Geburt beschrieben hat:
Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN.“
Du gegen deinen kleinen Bruder: Das war ein Mann gegen einen Hauch.
Warum also hast du Abel erschlagen – und nicht Gott?
Oder hast Gott nicht wenigstens herausgefordert, dich mit ihm angelegt, mit ihm gekämpft?
Ihm galt doch eigentlich deine Wut, deine Kränkung, deine verletzte, enttäuschte Liebe …

Wie hätte die Geschichte der Bibel und mit ihr die Geschichte der Menschheit ausgesehen, wenn Kain sich damals anders entschieden hätte – und die vielen anderen, die ihm nachfolgten? Wenn die Aggression, der Kampf, der Krieg, die Gewalt nicht dem Bruder, dem Nachbarvolk, den „anderen“ gegolten hätte – den religiösen Konkurrenten im Wettstreit um die Zuneigung Gottes? Sondern wenn sie sich mit Gott selbst angelegt hätten? Wenn sie solidarisch miteinander gewesen wären, anstatt eifersüchtig gegeneinander um die Liebe Gottes zu konkurrieren?

Wäre Kain ein erster Prometheus geworden – ein echter großer Bruder, der den Kleinen schützt und stattdessen gegen Gott revoltiert? Der Gott, wenn schon nicht besiegt, so ihm doch wenigstens die Flamme gestohlen hätte. Und der – gerade, weil er mit Gott gekämpft und gestritten, – vielleicht auch angefangen hätte, Gott wirklich zu verstehen? Eben, weil es im Kampf mit Gott eben auch immer um Gott geht. Um die Frage, wer Gott ist – und wer wir sind als sein Ebenbild. Das ist meine tiefe Überzeugung: Wenn wir nicht mit Gott streiten, werden wir weder ihm noch uns selbst gerecht, auch nicht unseren Geschwistern. Und wir verstehen dann auch die Bibel nicht wirklich.

Was wäre, wenn …“ In den Geschichtswissenschaften gibt es einen relativ jungen Bereich, der sich mit „kontrafaktischer“ oder „virtueller“ Geschichte beschäftigt. In Abwandlung einer auf die Zukunft ausgerichteten „U-topie“ (als „Nicht-Ort“) wird dies auch als „U-chronie“ bezeichnet, also als eine „Nicht-Zeit“ in der Vergangenheit, die es nicht gab, aber hätte geben können. Es geht darum, „auf Grundlage der durch Quellen gesicherten Faktenlage […] mithilfe von kontrafaktischen Konditionalsätzen kontrolliert“ zu spekulieren, „was geschehen wäre, wenn bestimmte historische Tatsachen nicht oder anders eingetroffen wären. Ziel ist ein Erkenntnisgewinn über Kontinuitäten und Brüche, über Zwangslagen und Handlungsspielräume in historischen Situationen oder über die Bewertung von deren Akteuren“ (so im Wikipedia-Artikel zu „Kontrafaktische Geschichte“).

„Virtuelle biblische Geschichten“, „heilige U-Chronien“: Wir brauchen „realistische religiöse Fantasie“, um aus der Re-Inszenierung der immer gleichen Geschichten herauszufinden. „Kontrafaktische Erzählvarianten“ zeigen theologische Grundkonflikte auf, schrammen mitunter gefährlich nah an einem Atheismus vorbei, sind tatsächlich aber Ausdruck einer Religionskritik aus Glauben, eines „anders Frommseins“. Und sie ziehen diejenigen, die sich auf sie einlassen, hinein in die Anfechtung: in den inneren Kampf des Glaubens, in den Zweifel an religiösen wie an geschichtlichen Wahrheiten, in die Auseinandersetzung mit Gott um Gott – ohne die Glaube, Wahrheit, Gott eben nicht zu haben sind. Nein, wir müssen Geschichte nicht immer in der gleichen Weise fortschreiben. Wir können auch „Kain“ anders verstehen. Und andere Wege suchen – damit er nicht „Abel“ erschlagen muss. Immer wieder.

Warum, Gott?

Warum, Gott, hast Du mein Opfer nicht angesehen?
Warum hast Du es nicht gewollt,
hast Du mich nicht gewollt?
Weißt Du eigentlich, wie das ist,
so dazustehen – vor der Familie, den Kolleg/innen, den anderen?
Hat sich immer bemüht, aber was kam raus?“
Sein kleiner Bruder dagegen, der hat was bewegt!“
Hast Du eine Ahnung, Gott, wie sich Scham, Neid, Hass anfühlen?
Wenn Du Dein Gesicht verlierst,
Dein Körper verbrennt,
Du nur im Boden versinken willst,
aber selbst der tut Dir nicht den Gefallen?
Dann weißt Du, wie es mir ging,
damals, als Du mich weise belehrt hast:
Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben.“
Ja, Du hast mich geschützt – danach,
durch Dein Mal, mein Mal, das Kainsmal.
Damit ich nicht gleich erschlagen wurde,
damit ich als erster Städte bauen,
Kinder bekommen, Kultur stiften konnte
mit Menschen, die wie ich waren.
Doch Dein Mal hat mich nicht davor geschützt,
für alle Zeit zum Inbegriff des Bösen zu werden,
der zum Namen gewordene Brudermörder.
Einen eigenen Bereich der Hölle hat man nach mir benannt,
die Kaina, im finstersten neunten Kreis,
eingefroren bis zum Kopf in einem See aus Eis,
für mich, den „Adiaphotos“, den Lichtlosen,
der als Erster unschuldiges Blut vergoss,
den Ahnvater aller „Verräter von Verwandten“,
der angeblich nicht einmal von Dir stammt.


Nein, Gott, das will und wollte ich nie sein.
Und, ja, Gott, ich will den Blick erheben.
Ich will meinen Bruder nicht länger töten.
Ich will ihn nicht mehr hassen, seinen Erfolg nicht beneiden, mich nicht schämen.
Doch den Streit mit Dir, Gott, will ich eingehen.
Auch wenn ich weiß, dass Du – unendlich – stärker, mächtiger, erhabener bist.
Darum sag mir, Gott, warum siehst Du ihn an und mich nicht?
Was stimmt nicht an mir, meinem Opfer, meinem Wunsch nach Anerkennung durch Dich?
Nein, es ist und war nie Abels Schuld.
Er ist mein Bruder und er soll es immer bleiben.
Auch wenn er leichter, schwächer, anders ist – und dennoch erfolgreicher.
Tief in mir habe ich ihn immer geliebt.
Aber Deine Zurückweisung, Deine Kränkung, Deine Kälte:
die enttäuschte Liebe zu Dir brennt tief in mir.
Darum sag mir, was nicht an mir stimmt.
Was Dir an mir nicht passt.
Warum Du mein Opfer nicht ansiehst.
Mir fehlte damals Hiobs Wille, mit Dir zu streiten.
Moses Mut, Dir zu widersprechen.
Jakobs Kraft, mit Dir zu ringen:
„Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.“
Doch diesmal will ich Dich nicht lassen,
Ewiger, Einziger, Grund aller Liebe,
bis Du mir sagst, warum.


Und Kain küsste Abel und kämpfte mit Gott …


Theologische Impulse (114) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher

Kontakt: praeses@ekir.de

Beiträge zu “„Warum, Kain?“ – Gedanken zu einer alten Geschichte in Zeiten des Krieges

  1. Seit heute wird bekannt, dass die NATO Truppen von Ostsee bis zum schwarzen Meer lückenlos aufstellt.
    Wer ist jetzt David, wer Goliath?
    Was würde Jesus sagen ???
    Bitte keinen Krieg ! Bitte keinen einzigen Schuß !
    Ich weine mit den Russen und weine mit den Ukrainern !
    Wir haben noch nicht alles andere versucht:
    Haltet die Uhren an, schließt die Aktienmärkte, legt die Wirtschaft einen Monat lahm, fahrt die Kraftwerke runter, geht alle in Urlaub, schreibt einen Brief, geht spazieren und überlegt, was anders werden kann, BITTE !

    1. Ihr politischer Kommentar geht an dem theologischen Impuls völlig vorbei. Schade!
      Zudem geht Ihre Analyse an den Fakten vorbei: Ein Defensiv-Bündnis auf der einen Seite, einen Aggressor, der Länder erobert und Völkermord begeht auf der anderen Seite. Die osteuropäischen Staaten haben ja nicht ohne Grund Schutz gesucht. Erst Tschetschenien, dann die Krim und den Donbass, dann die ganze Ukraine und dann…?
      Ich stimme mit Ihnen überein, dass Deutschlands Anstrengungen, energie- und wirtschaftsmäßig von Russland unabhängig zu werden und so Russland schneller zu Friedensverhandlungen zu treiben, halbherzig waren und sind. Dieser Krieg wird nur durch Verhandlungen beendet werden, so wie 1648. Aber was das mit dieser Andacht zu tun hat, entzieht sich meinem Verständnis.

  2. Kain konnte wohl vom Ertrag der Ernte nicht leben, während der Jäger Abel satt wurde. Ob das die neolithische Revolution spiegelt, wo Jäger und Sammler eine Weile erfolgreicher waren als Bauern, mag dahin gestellt sein. Die Gunst Gottes war jedenfalls handgreiflich-materiell. Der Mord bleibt irrational – so wie das Köpfen der herausragenden Menschen 1789. Der Kampf gegen Gott schließt dann aber ein, dass Gott es ist der für Missernten zuständig ist. Ist ein Unglück, dass Gott nicht tut? Hier hat die evangelische Theologie Gott zurechtgestutzt, ihn lieb und brav gemacht. Solange man daran festhält, wird man den Kampf gegen Gott nicht aufnehmen.

    1. Lieber Herr Weidner,
      ich fand damals, die Bibelstelle passe nicht. Während ich mich mit dem mutigen David eher befassen mag, oder mit dem neidischen Kain und dem arglosen Abel, kommt mir die Idee, mit Gott zu kämpfen, doch ausgesprochen unsinnig vor, schon im Prinzip.
      Mit einer Waffe und Rüstung im Kampf um Leben und Tod ähnele ich mir am meisten dem zu früh umjubelten Goliath.

      Aber: alle 4 stehen nicht im Neuen Testament, das mir völlig andere Aussagen hat, zum Krieg, weswegen ich mich falsch verstanden fühlen würde, ich hätte für Waffenlieferungen plädiert. Ich weiß nicht genug von den politischen Verhandlungen auf Regierungsebene im Hintergrund.

      Ich weine um die Ukrainer und um die Russen, bin gegen Waffen und bete für Frieden und Verhandlungserfolge.

      1. „Ich weine um die Ukrainer und um die Russen, bin gegen Waffen und bete für Frieden und Verhandlungserfolge.“ Das kann ich aus vollem Herzen genauso sagen und es ist leider immer noch aktuell.
        Mit Gott kämpfen: Das steht wörtlich so in Genesis 32, in der Sache geschieht es in vielen Psalmen, so in Psalm 22, den Jesus auch gebetet hat. Glaube als geistlicher Kampf: Das ist neutestamentlich. In der Reformation klang das so: Mit Gott (dem Gekreuzigten) gegen Gott.

        1. „22 Ein Psalm … , vorzusingen, … . Mein Gott, mein Gott, … .
          Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen … .
          … Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen: … .“

          … im Vertrauen auf Dich.

  3. Lieber Präses Thorsten Latzel,
    danke, dass Sie jüngst den Blick auf Johannes lenken.
    Ich weiß nicht viel von ihm, und historisches interessiert mich weniger als die exemplarische, metaphorische, rollenhafte Bedeutung, die skizzenhaft seinen Charakter kennzeichnet.
    Mir ist interessant, dass Jesus einen irdischen Lehrer, einen Mentor, gehabt haben könnte. Vielleicht ist Gott nicht unerwartet und erstmalig mit Jesus unter die Menschen getreten.

    Mir war die Frage aufgekommen, ob ich denn wie David (nicht gegen oder mit Gott kämpfen) sondern für Gott kämpfen würde? Ich meine natürlich nicht im Sinne eines Kreuzzuges. Ich meine auch nicht nach dem Vorbild Davids, der mit der unüblichen Steinschleuder ein überraschendes Ergebnis endgültigen Erfolges erzielte und dabei seine Brüder überflügelte.
    Ich meine vielleicht im Sinne von Johannes, unbeirrt, von seiner Mission beseelt, an jedem Einzelnen das Zeichen der Taufe zu vollziehen… ?

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