„Halbwahrheiten“ sind kompletter Blödsinn. Ein Impuls aus aktuellem Anlass

13.5.2020

Thorsten Latzel

Im Internet wie bei vielen Demonstrationen kursiert im Augenblick oft krudester Unsinn bis hin zu ausgewachsenen Verschwörungstheorien. Hier von „Halbwahrheiten“ zu reden, ist nicht nur ...

Im Internet wie bei vielen Demonstrationen kursiert im Augenblick oft krudester Unsinn bis hin zu ausgewachsenen Verschwörungstheorien. Hier von „Halbwahrheiten“ zu reden, ist nicht nur eine maßlose Untertreibung. Der Begriff ist schon in sich problematisch – ebenso wie die Rede von einem „postfaktischen Zeitalter“, das es nicht gibt, weil Fakten nicht aufhören, Fakten zu sein, auch wenn man sie leugnet. Aber zu dem Begriff „Halbwahrheit“: Wenn man sagt: „Die Erde ist eine Scheibe“, dann ist daran natürlich richtig erkannt, 1. dass es eine Erde gibt, 2. dass sie eine bestimmte Form hat, 3. dass es auf Grund ihres großen Umfangs in unserer Alltagserfahrung so scheint, als wäre sie einfach flach. Dennoch ist die Aussage nicht halb, sondern komplett unsinnig. Die Erde ist keine flache Scheibe, auch nicht halb flach. Das lässt sich auch mit bloßem Auge erkennen, wenn man ein davonfahrendes Schiff auf Grund der Erdkrümmung am Horizont langsam verschwinden sieht. Nur zur Sicherheit: Nein, es fällt dann nicht runter. Es ist für uns nur nicht mehr zu sehen. Selbst die Durchsetzung dieser relativ leicht zugänglichen Einsicht in der Breite der Menschheit hat lange gedauert – mit einer wenig rühmlichen Rolle der verfassten Kirche.

Umso komplizierter wird es, wenn man vom „flat earth“ (Unsinn!) zu „flatten the curve“ (Kein Unsinn!) kommt. Dies zu vermitteln ist schwieriger, weil es um Viren geht, die man nicht sieht. Um die Mathematik von exponentiellem Wachstum, die einige auch in der Schule nicht verstanden haben. Und um epidemiologische Erkenntnisse, an denen die Wissenschaftler/innen selbst gerade noch forschen.

Also nochmal: Nein, die Pandemie wurde nicht künstlich aufgebaut. Sie ist keine Erfindung dunkler Mächte und dient keiner verdeckten Weltverschwörung. Niemand von uns wollte gerne Situationen wie in Bergamo erleben, schon gar nicht, wenn man selbst oder Menschen, die man liebt, davon betroffen sind. Und es war gut, dass wir gemeinschaftlich alles dafür getan haben, dass es bei uns nicht dazu gekommen ist.

Zugleich ist es ein Zeichen guter Wissenschaft, mit Vermutungen zu arbeiten, die sich später als falsch herausstellen können. Das geht nicht anders. Problematisch ist Wissenschaft nicht, wenn sie sich korrigiert, sondern wenn sie dies nicht mehr tut. Daher: Dank an Sie alle, liebe Virolog/innen und Epidemiolog/innen, dass Sie dem überzogenen Erwartungsdruck von Politik und Öffentlichkeit standhalten und weiter Ihre gute, grundlegende Forschung treiben – zu unser aller Wohl. Und dass Sie Ihr Bestes tun, Politik und Öffentlichkeit auch Zwischenergebnisse in diesem mühsamen Prozess laufend zu vermitteln. Machen Sie bitte weiter, auch wenn es für mich unbegreiflicher Weise Menschen gibt, die nicht die Viren, sondern Sie für das Problem halten. Die Frage, wie die Politik dann mit diesen Erkenntnissen umgeht und sie mit anderen Perspektiven vermittelt, ist eine andere. Daran müssen wir als Bürger/innen alle mitwirken. Doch wir werden es nur können, wenn wir wissenschaftliche Einsichten (in all ihrer Vorläufigkeit) von bloßen Meinungen und Wunschdenken unterscheiden.

Und daher an alle Leser/innen die herzliche Bitte: Helfen Sie mit, dem Unsinn sogenannter „Halbwahrheiten“ zu wehren, wo immer er Ihnen begegnet. Er kann Leben kosten.

Als Evangelische Akademie Frankfurt werden wir zumindest alles tun, was wir können, um „Halbwahrheiten“ als das zu entlarven, was sie sind: lebensgefährlicher Unsinn.

Theologische Impulse 55, von Dr. Thorsten Latzel