Pressemitteilung

Entspannt protestantisch – engagiert diakonisch – liturgisch stilvoll. Bericht von einem ökumenischen Besuch in der Kirche von Schweden

  • 16.05.2026

Vom 2. bis 7. Mai 2026 fand der Besuch einer Kirchenleitungsdelegation in der Schwedischen Kirche (Svenska kyrkan) statt. In vier Tagen wurden verschiedene Handlungsfelder kirchlicher Arbeit in Malmö, Lund, Uppsala und Stockholm besucht.

Hier eine kleine Blütenlese aus der Fülle ökumenischer Impulse.

 

  1. „Abrahams Zelt“ in Malmö – die Rolle des Islams in Schweden

Unsere ökumenische Reise beginnt mit dem Besuch eines besonderen interreligiösen Projekts in der Gemeinde Västra Skrävlinge (mit einem Bevölkerungsanteil von über 80 Prozent Migrant/innen im Stadtteil Rosengården). Die rund 1000 Jahre alte evangelische Kirche liegt nur 400 Meter grüne Fläche vom Islamic Center, der großen Moschee von Malmö, entfernt. Der Islam bildet die zweitgrößte Religion in Schweden. Etwa eine Millionen Menschen (circa 10 Prozent) haben einen muslimisch religiösen bzw. kulturellen Hintergrund. Der Bevölkerungsanteil ist im letzten Jahrzehnt durch Migration stark gewachsen – Schweden hat wie Deutschland nach 2015 viele Flüchtlinge aufgenommen. In Schweden gibt es eine intensive Diskussion um den politischen Islam, die durch mehrere Koranverbrennungen seit 2023 zusätzlich angeheizt wurde. Malmö, die drittgrößte Stadt des Landes, ganz im Südwesten gelegen, gilt als ein besonderer „Brennpunkt“ im Blick auf Migration.

Pfarrer Per Kristiansson und Imam Roland Vishkurti gestalten hier gemeinsam eine intensive interreligiöse Zusammenarbeit. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Abrahams Zelt“, das von der Frau des Imams, Jonida Vishkurti, geleitet wird und jungen Schüler/innen authentische Begegnungen mit Gottesdienststätten und Vertreter/innen der drei abrahamitischen Religionen ermöglicht. Die beispielhafte Arbeit wurde mit Preisen ausgezeichnet – zugleich war die Moschee Ziel zahlreicher Anschläge und antiislamischer Gewalt. Imam Roland redet nicht gerne darüber: „Wir denken positiv.“ Stattdessen erzählt Pfarrer Per von der Freundschaft, die aus ihrer Zusammenarbeit erwachsen ist: Als er nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus lag, war es Roland, der ihn an seinem Krankenbett besuchte und ihm die Kette mit seinem Kreuz umlegte.

 

  1. Wie säkular ist Schweden?

In vergleichenden religionssoziologischen Befragungen nimmt Schweden oft einen „Spitzenplatz“ bei Fragen zur Säkularisierung innerhalb Europas ein. So gaben etwa 2017 über 70 Prozent der Bevölkerung an, dass Religion „gar nicht“ oder „nicht allzu wichtig“ sei („Religion in Western Europe“, PEW Research Center, 2017, Frage 16). 2024 beschrieben sich über 75 Prozent der Schwed/innen in einer Selbsteinschätzung als „nicht-religiös“ bzw. „atheistisch“ – der höchste Wert in allen befragten Ländern weltweit („Global Opinion on Religion“, Gallup International, Umfrage Ende 2024). Dies, so die Einschätzung verschiedener Gesprächspartner/innen, sei das Ergebnis der bewussten Begrenzung des gesellschaftlichen Einflusses der Kirche durch die Sozialdemokratische Partei seit 100 Jahren – das Ende der Staatskirche 2000 sei Teil dieses Prozesses.

Hier gab es Parallelen und besondere Beziehungen von Schweden zur früheren DDR.

Bei einem Besuch an der Universität Lund hinterfragt der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Oliver Scharbrodt zugleich dieses schwedische Selbstbild. Das Land sei auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Staatskirche und einem Bevölkerungsanteil von circa 50 Prozent (2000: 83 Prozent) von einem starken internalisierten Kulturprotestantismus geprägt. Dieses gehöre ebenso wie das Vertrauen in den Sozialstaat und eine ausgeprägte Konsensorientierung zum kulturellen schwedischen Selbstverständnis. Jede religiöse Kraft – gleich welcher Herkunft – die das in Frage stelle, werde als problematisch empfunden. Religionsfreiheit werde entsprechend primär im negativen Sinne interpretiert („Freiheit von Religion“), besonders, wenn es um eine heiße Form von Religiosität gehe. Durch muslimische Migrant/innen sei Religion aber wieder auf der Tagesordnung.

Die Tabuisierung religiöser Diskurse führe dazu, dass Gemeinden sich auf sich selbst zurückzögen. Stattdessen brauche es Orte offener dialogischer Begegnung. Die meisten Muslime schätzt Scharbrodt dabei im religiösen Zwischenfeld zwischen säkularisiert und extremistisch ein – hier gebe es viel Mehrdeutigkeit von konservativem Traditionalismus und wertliberalen Haltungen gleichzeitig. Die öffentliche Diskussion spiegele das meist nicht wider, etwa durch die obsessive Fixierung auf die Kopftuchfrage. Es gelte, so Scharbrodt, sich der Realität gelebter islamischer Religiosität zu stellen, die Eigenlogik von Religion wahrzunehmen und Diskurse nicht nur mit interreligiös Engagierten zu führen. Problematisch sei, dass Imame nicht aus Schweden stammen bzw. nicht dort ausgebildet würden, Verbände oft als schwierige Dialogpartner gelten und es an dialogischen Plattformen mangele. Muslimische Migrant/innen gehörten schlicht zur Realität Schwedens und wären aus vielen Teilen der Wirtschaft überhaupt nicht wegzudenken.

 

  1. Ausbildung in multiprofessionellen Teams – von Anfang an

In der kirchlichen Ausbildungsstätte in Uppsala lernen wir einen innovativen Ansatz multiprofessionellen Lernens kennen. Alle vier Verkündigungsdienste der Schwedischen Kirche werden hier in einjährigen Kursen teils parallel, teils gemeinsam ausgebildet: Diakon/innen, Priester/innen, Kirchenmusiker/innen und Katechet/innen. Sie alle haben Anteil an Aufgaben von Seelsorge, Gottesdienst, Gemeindeleitung, Glaubensvermittlung, Diakonie und anderen, wobei die Akzente und Schwerpunkte in jedem Beruf anders verteilt sind. Wichtig sei, so das multiprofessionelle Leitungsteam um den Rektor Kenneth Nordgren, jede Berufsgruppe in ihrem eigenen Profil zu stärken und zugleich die spätere Teamarbeit in den Gemeinden schon in der Ausbildungsphase einzuüben. Dieser neue Ansatz zeige bereits deutliche Wirkung bei der späteren Zusammenarbeit in den Gemeinden.

Neben präsentischen Kursen wird auch ein hybrides Modell mit digitalen Modulen angeboten (speziell für faktenbasierte Wissensvermittlung). Dies ist wichtig für die Teilnahmemöglichkeit gerade von Kandidat/innen aus ländlichen Regionen im hohen Norden. Bei unserem Besuch fällt die sehr diverse Zusammensetzung der Studierenden auf – viele starten in der Kirche eine zweite oder dritte Karriere, mit unterschiedlichen Lebens- und Berufshintergründen.

Geistlich berührend ist für uns die Mittagsandacht, die wir gemeinsam mit den Student/innen und Lehrenden feiern können. Das Lied „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“, das in unserem Gottesdienst oft etwas abgegriffen wirkt, hören wir hier ganz neu: auf Schwedisch, mit einer anders gesetzten Melodie und mit einer Sangeskraft gesungen, als wäre die gesamte Gemeinde in der Endausscheidung beim Eurovision Song Contest.

 

  1. Liturgisches Labor und Theologie der Verletzlichkeit

In der Katharinenkirche in Stockholm begegnen wir einer profilierten Großstadtgemeinde mit einer Verbindung von starker Kulturarbeit, diakonischem Wirken – und einer besonderen Spiritualität, die wesentliche Impulse aus der Bewegung Anonymer Alkoholiker erfahren hat. „Wir müssen aus unseren geheilten Wunden predigen“, so die Hauptpfarrerin Camilla Lif. Zentral für die Arbeit der Gemeinde sei die Verbindung von niedrigen Schwellen und hoher Qualität. Herz der Gemeinde ist die 11-Uhr-Messe am Sonntag, zu der sonntäglich über 500 Menschen kommen – viele nicht aus kirchlichen Milieus – und in der sie ihre Lebenserfahrungen teilen. Die Gemeinde sei ein Ort, um mutiger, ehrlicher zu glauben und mehr Vertrauen in den Heiligen Geist zu gewinnen. Zentral für die Organisation der Gemeindearbeit ist dabei der Mitarbeitendenkreis: Hier werden in multiprofessionellen Teams alle Gottesdienste der letzten Woche ausgewertet und die Gottesdienste der nächsten Woche geplant. „Wir ermöglichen es anderen, den Gottesdienst, die Kirche zu besitzen. Wir geben die Schlüssel ab.“ Das zeigt sich exemplarisch an der niederschwelligen Einladung zur Mitarbeit auch an neue Teilnehmende. „Du musst open minded sein, um andere geistlich zu begleiten.“ Die Spiritualität ist gekennzeichnet durch Kreativität, einen heilvoll-sensiblen Umgang mit Verletzungen (Vulnerabilität) und tiefer Menschlichkeit. „Ich muss nicht Gott, sondern die Menschen verteidigen. Ich liebe Gott, aber ich bin eine Anwältin der Menschen.“ Hoher Wert wird in der Gemeinde auf die Qualität der Predigten gelegt: Sie müssen lebensrelevant sein, werden vorab von mehreren Personen gegengelesen, klerikale Blumensprache wird gestrichen: „Nimm die schwierigsten Teile des Textes, nicht die einfachsten und entfalte, was sie für alltägliches Leben bedeuten. Das Leben ist kompliziert. Denk an eine Person in der Kirchenbank, die kurz davor ist, am Leben zu verzweifeln.“

 

  1. Silent Revival? Zuwächse bei Konfirmand/innen und jungen Erwachsenen

In Schweden gibt es das Phänomen, dass sich die Taufzahlen stabilisieren, die Zahl der Konfirmand/innen zunimmt und mehr junge Menschen zur Kirche kommen. Pfarrer/innen wie Kirchenleitende berichten uns davon, dass es wie in manchen anderen Ländern Europas das „Gerücht von einem silent revival“ gibt. Die Statistiker/innen der schwedischen Kirche relativieren aber die Einschätzung einer „Wiederkehr der Religion“: Die Taufzahlen seien insgesamt auf einem niedrigeren Niveau, bei den jungen Erwachsenen handele es sich vor allem um Konfirmierte, die vorher nicht getauft wurden, diese Gruppe sei jetzt einfach größer. Es sei zu früh, um daraus einen Trend abzuleiten. Die Frage „Is Jesus trending?“ werde vor allem von den Medien aufgebracht. Es gebe positive Zeichen, insgesamt schrumpfe die Mitgliedschaft aber weiter (um circa 1 Prozent). Wichtige Unterschiede zu Deutschland sind, dass die schwedische Bevölkerung durchschnittlich circa fünf Jahre jünger ist, es eine höhere Geburtenrate gibt und die Menschen länger leben. Das alles trägt zur Stabilisierung bei. Die Kirche Schwedens ist zudem durch eine traditionelle Alleinstellung geprägt: Nahezu alle alten Kirchen sind evangelisch-lutherisch. Die Schwedische Kirche ist der zweitgrößte Waldbesitzer, ebenso gehören ihr alle Friedhöfe, für die jede/r Einwohner/in eine Friedhofsabgabe zahlt.

 

  1. Politik und Kirche – Kirche und Politik

Völlig ungewohnt aus deutscher Perspektive ist die Beziehung politischer Parteien zur Kirche. Bei den Kirchenwahlen werden die Leitungsgremien von Gemeinden, Diözesen und Staatskirche gleichermaßen gewählt. Bei diesen Kirchenwahlen treten aber nicht einzelne Personen an, sondern Entsprechungen zu politischen Parteien ebenso wie weitere kirchliche Gruppierungen. Dieser Ansatz diente früher dazu, etwa die Arbeiterschaft in die Kirche zu integrieren. Heute besteht die Herausforderung, dass parteipolitische Interessenvertreter/innen Einfluss auf die Kirche nehmen – und selbst politisch extremere Parteien in den Gremien vertreten sind (zum Beispiel Schwedendemokraten, Alternative für Schweden).

Die schwedische Kirche selbst vertritt bei vielen gesellschaftspolitischen Fragen liberale Positionen (zum Beispiel Migration, sexuelle Orientierung) und hat sich etwa jüngst gegen eine Verschärfung des Jugendstrafrechts ausgesprochen. Sie wird bei politischen Anhörungsverfahren als gesellschaftliche Stimme gehört. In der öffentlichen Diskussion spielen spezifisch religiöse Argumente aber keine Rolle. Wie stark sich die Kirche als Ganze gesellschaftspolitisch positioniert, ist in der Kirche umstritten.

 

  1. Gemeinde als Basis der Kirche – mit starkem diakonischem Profil

Beim abschließenden Besuch der deutschen Gemeinde in Stockholm, die selbst Teil der schwedischen Kirche ist, lernen wir noch einmal Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Blick auf das Gemeindeleben kennen. Die Gemeinden bilden – wie in der rheinischen Kirche – die Basis der Kirche. „Die schwedische Kirche tritt als Gemeinde hervor“, zitiert der deutsche Pfarrer Weißbach den ersten Satz der schwedischen Kirchenordnung. Sie bekommt die Kirchensteuer und hat klar definierte Kernaufgaben: Gottesdienst, Unterricht, Diakonie, Mission, Kasualien. Eine starke Gemeinde-Diakonie gehört dabei zum Profil der schwedischen Kirche – inklusive des eigenen ordinierten Diakon/innen-Amtes (mit grünem Kollar-Hemd). Verbandliche Diakonie gibt es dagegen nur sehr begrenzt.

Die schwedische Kirche ist im Vergleich stärker hauptamtlich organisiert – Prädikant/innen wie in der rheinischen Kirche gibt es nicht. Schweden, so die Einschätzung von Pfarrer Weißbach, seien viel stärker individualistisch und zugleich kollektiv gleich: Man fällt nicht gerne auf. Pfarrerbindung und Kasualien-Gestaltung seien nicht so persönlich ausgeprägt. Die Gemeinde sei in Teilen eher eine religiöse Dienstleisterin.

Als dezidierte Stärke wird die gemeinsame Marke „Schwedische Kirche“ wahrgenommen. In allen Gemeinden findet sich das gleiche Zeichen, es gibt ein verlässliches Grundangebot, das an jedem Ort vorzuhalten ist (mit eigenverantwortlicher Gestaltungsfreiheit der Gemeinde), die gemeinsame Liturgie bildet einen gemeinsamen Mantel, die ordinierten kirchlichen Mitarbeitenden sind durch ihre gemeinsame Kleidung öffentlich erkennbar.

 

Auch wenn Schweden als lutherische Kirche nicht zu den unmittelbaren Partnern der rheinischen Kirche gehört, ist die Begegnung mit ihr auf Grund vergleichbarer Kontexte ein höchst produktiver Lehrprozess – das wurde bei allen Begegnungen bis hin zur Bischofsebene betont. Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2027 in Düsseldorf war Anlass, unsere schwedischen Geschwister zum Gegenbesuch einzuladen.


Theologische Impulse (201) von Präses Dr. Thorsten Latzel

Bildnachweis: The flag of the Church of Sweden (Svenska kyrkan) – by Jonatan Svensson Glad.JPG from Wikimedia Commons by Jonatan Svensson Glad, CC-BY-SA 4.0

Weitere Impulse: www.glauben-denken.de
Als Buch: www.bod.de

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  • Thorsten Latzel