Gott sei Dank – es ist Reformationstag! Ein Tag, an dem wir uns an unsere geistlichen Quellen erinnern: dass wir tiefengeliebt sind von Gott, ohne dass wir dafür irgendetwas tun könnten oder müssten. Ein Tag innerer Freiheit aus Glauben: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“ Ein Tag, an dem es darum geht, wie wir in einer irren Welt selbst nicht irre werden. Was uns die Kraft gibt, zu widerstehen, wenn alles um uns herumtobt und streitet und verrücktspielt. Nicht die Spielzeug-Gespenster von Halloween, sondern die wirklichen Ungeister unserer Zeit. „Ein feste Burg ist unser Gott. Ein gute Wehr und Waffen.“ Das ist so etwas wie die protestantische Marseillaise, die wir an diesem Tag – je nach religiöser Veranlagung – mit mehr oder weniger Inbrunst singen. Und inneren Widerstand, Resilienz, Trotzkraft der Seele können wir zurzeit wahrlich gut gebrauchen. Denn unser kollektives Lebensgefühl ist ja gerade eher wolkig bis stürmisch. Das spiegeln auch die Demonstrationen von Gen Z, die heute bundesweit in 32 Städten stattfinden und auf denen junge Menschen ihren Unmut über soziale Ungerechtigkeit zum Ausdruck bringen. In Luthers Lied ist auch davon zu hören:
„Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen.“
Das beschreibt die Gefühlslage, die auch mich mitunter beschleicht, wenn wir zuhause als Familie die Nachrichten sehen.
– Da zerbombt und terrorisiert Putin seit nunmehr viereinhalb Jahren die Ukraine, hier in Europa – von anderen Kriegen im Sudan, im Kongo, im nahen Osten, im Iran ganz zu schweigen.
– Da erfährt eine extremistische Partei bei uns Zulauf, die nichts anderes kann als spalten und hetzen. Und das, obwohl wir bei Trump tagtäglich sehen können, wohin so etwas führt.
– Da basteln Tech-Konzerne an Modellen von KI, die sie selbst nicht beherrschen – die aber dazu dienen, Superreiche noch reicher zu machen.
– Da steuern wir ökologisch auf einen Klimakollaps zu – Wälder brennen, der Rhein wird zum Rinnsal. Und das ist einfach eine Nachricht unter vielen.
Das alles würde ich nicht dämonisch mit Teufeln erklären. Es sind ja wir Menschen, die all das anrichten. Aber das macht das Ganze nicht weniger bedrohlich, beängstigend und bedrückend. Und dabei ist von all den anderen Alltagsproblemen noch gar nicht die Rede: der verspäteten Bahn, den Schmerz im Knie, der Sorge um den Arbeitsplatz, den teuren Lebenshaltungskosten und überhaupt.
Eine feste Burg wär da schon nicht schlecht – muss ja nicht gleich die Wartburg sein. Aber so ein innerer Zufluchtsort, ein Schutz der Seele gegen alles, was uns von außen anfeindet. Theologisch hat man sich oft an der martialischen Sprache des Lieds gerieben. Zurecht. „Burg“, „Wehr“, „Waffen“, „Streit“, „Kampf“ – das ist nicht die Art, wie wir heute Glauben beschreiben. Gerade in einer Zeit, in der eine neue erschreckende Militarisierung des Denkens stattfindet. Aber es spiegelt eben eine Lebenserfahrung tiefster äußerer wie innerer Anfechtung. Der Irrsinn des Lebens ist ja keineswegs ein Privileg unserer Zeit: Das kannten Luther, Bach und die Generationen vor uns nur allzu gut: Kriege, Seuchen, Hunger, Katastrophen. Vielleicht besser als wir, die wir lange glaubten, es ginge einfach immer nur bergauf. Und die Pointe in dem Lied ist ja, dass es gerade der gekreuzigte Christus ist, der das Böse überwindet und den Fürsten dieser Welt zu Fall bringt. Es ist nicht die Kirche, kein triumphalistischer Glaube – und schon gar kein christlicher Nationalismus mit modernen Möchtegernkreuzrittern à la Pete Hegseth.
Es lohnt sich also, noch einmal genauer hinzusehen, wie das mit Gott als Burg funktioniert. Und wie der Glaube an Christus uns innere Widerstandskraft geben kann – im Streit der Geister unserer Zeit.
Darum geht es in dem Predigttext für den heutigen Reformationstag aus Matt 10,26-33. Er ist überschrieben mit Menschenfurcht und Gottesfurcht. Es geht um die Freiheit von der Furcht vor Menschen und die Freiheit zur „Ehrfurcht vor Gott als Schöpfer allen Lebens“.
Die Freiheit von der Menschenfurcht ist der Inbegriff unserer inneren Widerstandskraft. Und sie wurzelt und zielt auf die Ehrfurcht vor Gott als Schöpfer allen Lebens. Beginnen wir mit der Freiheit von der Menschenfurcht – sie hat viele Gesichter:
– Es ist die Freiheit, dass wir aufstehen und widersprechen, wenn bei der Arbeit, auf dem Schulhof oder im Freundeskreis andere gemobbt oder ausgegrenzt werden. Oder dass wir es beim Namen nennen, wenn Stuss und Lügen als alternative Fakten rumerzählt werden. Martin Luther hat das damals im Blick auf den Ablasshandel getan. Kurz gefasst: Das war völliger religiöser Blödsinn, der nur der kirchlichen Korruption diente. Und wir sollten auch Nein sagen, wo heute Extremisten schamlos Unwahrheiten verbreiteten.
Matthias Brandt hat das in seinem gleichnamigen Buch „Nein sagen“ so beschrieben: „Heute […] gibt es eine gewisse Angstdämonisierung des Rechtsradikalismus. Das ist verkehrt und vielleicht ebenso gefährlich wie der Rechtsradikalismus selbst, weil es ihn überhöht. Müsste es nicht eher darum gehen, seine Schlichtheit und Dämlichkeit zu entlarven?“
„Was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.“ (Matt 10, 27)
– Die Freiheit von Menschenfurcht ist zugleich die Freiheit, auf andere Menschen zuzugehen, wirklich hinzuhören und uns berühren zu lassen, wenn Menschen davon sprechen, was ihnen Sorgen macht: ob das Geld für die Miete reicht, was aus den Kindern wird, wie sie mit der Pflege der Eltern klarkommen. Die Freiheit drückt sich darin aus, wie wir denen begegnen, die ganz anders sind als wir selbst. Es ist die Freiheit, das erste, völlig unbegründete Lächeln zu tun. Ein ideales Praxisfeld dafür ist die viel gescholtene Deutsche Bahn. Wo sitze ich sonst mit wildfremden Menschen so lange auf engsten Raum zusammen, die nicht zu meiner üblichen Blase gehören? Oder auch hier in der Kirchenbank. Schauen Sie doch einmal die netten Menschen neben sich an, lächeln Sie ihnen zu – und wenn Sie es noch toppen wollen: Sagen Sie: „Friede sei mit Dir.“
– Die Freiheit von Menschenfurcht ist, dass wir Gemeinschaft leben – wie hier in der Gemeinde. Das ist wichtig – gegen die grassierende Einsamkeit in unserer Gesellschaft, bei Jungen wie bei Alten. Statistisch fühlt sich jede sechste Person häufig einsam, mehr als 12 Millionen Menschen. Und es ist wichtig gegen die verbreitete Kultur des Misstrauens. Vereinzelung ist Gift für die Demokratie. Wenn wir mehr über- als miteinander reden, dann entsteht das Klima, aus dem Extremismus erwächst. Daher: Lasst uns wie Christus mutig in schlechte Gesellschaft gehen und Grenzen überwinden. „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“ Das ist das Markenzeichen Christi. Und das sollte auch unseres sein. Brandmauern sind bei extremistischen Parteien sinnvoll, aber niemals bei Menschen. Wir geben niemanden verloren, weil Gott auch uns niemals verlorengibt. Das war die tiefe Erkenntnis Luthers: Vor Gott sind wir alle Bettler, ein Leben lang. Wenn Gott unsere innere Burg ist, dann haben wir die Freiheit, Mauern zu Menschen zu überwinden.
Womit wir bei der Gottesfurcht sind – oder genauer: der Ehrfurcht vor Gott als Schöpfer allen Lebens.
In der Sprache des Predigttextes: „Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.“ Okay, die Sache mit den Haaren auf dem Haupt ist bei mir eher eine übersichtliche Angelegenheit. Doch die Ehrfurcht vor Gott als Schöpfer ist zentral, wenn es um unsere innere Widerstandskraft geht.
Die Reformation wird ja oft vor allem mit der Freiheit von falscher Gottesfurcht verbunden. Gott ist kein moralischer Buchhalter, der wie ein grauer Geist auf meinem Gewissen hockt. Der mir Angst einflößt – und das ohnehin schon komplizierte Leben noch schwerer macht. Gott ist genau das Gegenteil. Gott ist die eine, all-umfassende Liebe. Gott ist Freiheit, Leben, Licht, Halt, Heimat, Hoffnung, Hingabe, Tanz, Spiel, Ruhe, der Grund allen Seins. In sich selbst ein kreativ-schöpferisches Liebesgeschehen. Mit Luther gesprochen: Wie ein Backofen voller Liebe.
Wir Menschen finden in unserem Leben und in der Bibel ja oft den Gott, der zu uns selber passt. Überraschenderweise mit denselben politisch-moralisch-religiösen Ansichten, wie ich sie auch habe. Ein Ebenbild meiner selbst. Doch der in Freiheit liebende Gott, der Grund allen Seins, der Schöpfer Himmels und der Erden, die eine all-umfassende, sich hingebende Liebe ist immer anders, als ich sie mir denke und theologisch zurechtbastele.
Diesen einen, freien, liebenden, wahren Gott, wie er sich in Christus zeigt, muss ich nicht fürchten, aber ich kann nicht anders, als Gott in Ehrfurcht zu begegnen. Und diese Ehrfurcht überträgt sich dann von Gott auf alles Leben, das von Gott stammt. Kein Spatz, keine Fliege, kein Strohhalm und kein Stern, die nicht aus Gottes Hand stammen. Sie alle sind Spiegel der schöpferischen Liebe Gottes.
Das lässt uns anders, achtsamer, ehrfürchtiger mit jedem Lebewesen umgehen. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (A. Schweitzer)
Und es gibt uns zugleich die Freiheit, Hoffnung zu leben, wo andere nur schwarzmalen. Wir glauben an einen Gott, der Licht aus Finsternis schafft, Leben aus dem Tod – und der die Welt und uns selbst in seinen Händen hält. Wir können eben nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. „Und am Ende, ganz am Ende wird das Meer in der Erinnerung blau sein.“ (R. Kunze) Das hat nichts mit naivem Optimismus zu tun. Aber sehr viel mit innerer Widerstandskraft. Und damit, dass in Christus der Kampf für uns immer schon entschieden ist. Mit Bach formuliert: „Alles, was von Gott geboren, ist zum Siegen auserkoren.“ Nicht als Sieg über andere Menschen, sondern als Sieg der Liebe über alles Böse, über Hass und Gewalt. Am Ende wird der Fürst dieser Welt als Inbegriff aller großen und kleinen Tyrannen, Despoten und Gewaltherrscher mit seiner Menschenverachtung nicht durchkommen. Ja, der Tod selbst wird am Ende nicht das letzte Wort behalten. Da ist Christus vor. Er, der aus Liebe sich hingebende Gott wird am Ende „das Feld behalten“.
Das, liebe Geschwister, ist unsere Burg. Der Grund, warum wir nicht irre werden. Die Quelle unserer Widerstandskraft, das Ziel unserer Hoffnung. Gottes Geist ist in uns am Werk, wo immer wir mutig lieben, fröhlich glauben und für andere streiten. Darum : „Es soll uns wohl gelingen.“ Ihnen einen gesegneten Reformationstag!
Theologische Impulse (206) von Präses Dr. Thorsten Latzel
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