Römische Porträts aus dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen die dargestellten Personen oft mit zerfurchtem, faltigem, runzeligem Gesicht. Dies, so beschreibt es die britische Althistorikerin Mary Beard in ihrem lesenswerten Buch „SPQR“, spiegele das Idealbild der Zeit, wie ein wahrer Römer zu sein hatte: hart, nüchtern, gezeichnet von der Arbeit, dem Kampf und den Sorgen um den Staat. Die vermeintlich realitätsnahen Darstellungen seien tatsächlich ein idealisierender Gegenentwurf zu den verweichlichten, kunstsinnigen Griechen mit ihren Skulpturen voll jugendlicher Vollkommenheit. Das erinnert an manche Porträts und Fotos des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (etwa American Gothic, 1930, von Grant Wood): Lächeln war verpönt. Die hohe Kunst der Freudlosigkeit. Richtig lebte, wer ordentlich litt. Irgendetwas auf der Welt stimmt nie, da gibt es nichts zu schmunzeln. Stirnrunzeln als Ausdruck tiefen Lebensernstes.
Ganz anders dagegen die Selbstinszenierung unserer Tage. Sie ist geprägt von glatter Haut und ewigem Lächeln. Was Anti-Aging-Cremes und Botox nicht schaffen, erledigt Instagram. Es wird gephotoshopped, was das Programm hergibt. Doch was ist das eigentlich für eine „Glatte-Stirn-Idiotie“? Was soll an einem dauerhaft faltenlosen Gesicht attraktiv sein, das vom Leben nichts erfahren noch verstanden hat, das keine Spuren von Lachen, Denken, Sorgen in sich trägt? Eine Physiognomie ewiger Ahnungslosigkeit. Spiegelbild einer Gesellschaft, die mit dem eigenen Altern nichts anzufangen weiß. So wenig ich Gries-Gram-Gesichter leiden kann, so sehr schrecken mich fünfzigjährige Baby-Faces. Ohne körperliche Verfalls- und Alterungsprozesse zu idealisieren, gibt es eine ganz eigene Schönheit des Alterns, wenn sich in der Erscheinung eines Menschen tiefe Lebenserfahrung und Menschenfreundlichkeit eingezeichnet haben. Die Inkarnation eines gelebten Lebens.
Nun gibt es auch bei den Falten „sone und solche“. Ich liebe es etwa, wenn bei einem Menschen die Grübchen um den Mund in die Lachfalten um die Augen übergehen. Ein Netzwerk von Humor und Humanität. Weniger leiden kann ich dagegen, vor allem bei mir selbst, die „krause Glucke“, diese Sorgenfurche zwischen den Augenbrauen, wenn etwas nicht stimmt. Sie verleiht so einen grimmig-unästhetischen Gesichtsausdruck. Noch schlimmer ist es, wenn die Gesichtszüge eines Menschen vom Hass geprägt werden. Manche Demonstrationen „besorgter Bürger/innen“ erschrecken mich, auch ohne Text oder Ton, einfach schon auf Grund der krampfhaft verzerrten Mimik der Beteiligten. „O Redner! Dein Gesicht zieht jämmerliche Falten, indem dein Maul erbärmlich spricht. Eh‘ du mir sollst die Leichenrede halten, wahrhaftig, lieber sterb‘ ich nicht!“ (Gotthold Ephraim Lessing) Mein Gesicht spiegelt, was ich erfahre, und, wie ich mit dem, was ich erfahre, umgehe.
Im Glauben geht es auch darum, das Gesicht in die rechten Falten zu legen; darum, wie ich mit dem, was mir begegnet, umgehe. Mein Glaube schützt mich nicht davor, dass ich Leid erfahre, Angst habe, Wut spüre, mir Sorgen mache. Aber er hilft mir, dass ich mich nicht davon bestimmen lasse. Es verändert merklich meine Gesichtsmuskeln, wenn ich mein Leben und das meiner Mitmenschen aus der Perspektive der allumfassenden Liebe Gottes wahrnehme. Das meint beten. Gott danken für das, was mir geschenkt ist; Gott klagen, was mir Angst und Sorgen macht, Gott bitten für andere, die meine Hilfe ebenso brauchen wie ich. Mich selbst und meine Gefühle ernst nehmen, aber mich nicht durch sie beherrschen lassen. Das hilft, meine Falten und Runzeln in die richtige Richtung zu lenken. Die Fähigkeit, über sich selbst, die anderen, das Leben schmunzeln zu können, ist dafür ein guter Maßstab. Ebenso wie die Fähigkeit, aus Liebe am Leben anderer Anteil zunehmen. Es macht beides gerade im Alter nicht nur weiser, sondern einfach auch schöner.
Im Spiegel deines Gesichts
Im Spiegel deines Gesichts
möchte ich lesen
von den Tiefen und Höhen
die wir gemeinsam erlebten
von den Sorgen und Ängsten
die wir gemeinsam teilten
von dem Glück und der Schönheit
die wir gemeinsam erfuhren
und davon wie am Ende
dein Lächeln immer wieder siegt. (TL)
Theologische Impulse 31, von Dr. Thorsten Latzel