Teebeutelsprüche oder: Wider die spirituelle Fremd-Verblödung

6.9.2020

Thorsten Latzel

https://praesesblog.ekir.de/wp-content/uploads/2020/09/theologische_impulse__hintergrund_fuer_fb__impuls_66__tee-beutel-sprueche.jpg Spirituelle Sinnsprüche sind allgegenwärtig an allen möglichen und unmöglichen Orten. Ob auf Illustrierten, Shampoo-Flaschen, Kalendern, im Supermarkt, beim Essen im Restaurants oder auf Yogi-Tees: Ich ...

Spirituelle Sinnsprüche sind allgegenwärtig an allen möglichen und unmöglichen Orten. Ob auf Illustrierten, Shampoo-Flaschen, Kalendern, im Supermarkt, beim Essen im Restaurants oder auf Yogi-Tees: Ich werde täglich bombardiert mit Appellen für ein gutes, glückliches, emotionales, erfolgreiches, ausgeglichenes, harmonisches Leben.

Damit kann man unterschiedlich umgehen: Zumeist beachte ich es gar nicht. Ähnlich wie Werbung. Mit den weisen Worten des Theologen Herrmann Barth gesprochen: „Das ignorieren wir nicht einmal.“ Gelegentlich machen wir uns zu Hause darüber lustig. Speziell unsere Töchter haben die Übung des „Yogi-Tee-Bashings“ zu einer sportlichen Disziplin gemacht: Wer kennt den blödesten Spruch? Unser Sohn kann Tee ohnehin nicht ausstehen. Und wenn ich selbst tatsächlich einmal anfange, über diese Sätze ernsthaft nachzudenken, gerät mein ganzes gutes, glückliches, emotionales, erfolgreiches, ausgeglichenes, harmonisches Leben durcheinander: Was ist das eigentlich für ein ausgemachter Unsinn, der einem da oft mit spirituellem Pathos verkauft wird? Und wer denkt sich eigentlich so etwas aus?

Eine kleine Kostprobe:

„Das ganze Universum ist schön. Sei Du es auch.“
Das ist der Lieblingsspruch einer unserer Töchter. Kommentar: „Also, wenn das Universum doch schön ist, dann bin ich es sowieso auch. Oder gehöre ich etwa nicht dazu? Was irgendwie schade wäre – auch für das Universum.“ Aber solche Fragen nach Konsistenz und Logik sind offensichtlich in dieser spirituellen Haltung nicht vorgesehen. Das zeigt der nächste Spruch.

„Wer liebt, hat keine Fragen.“
Der Lieblingsspruch der anderen Tochter. O-Ton: „Aha, Liebe ist also nur etwas für Doofe und Leichtgläubige. Keine unnützen Fragen mehr wie: ‚Was denkst Du? Wie geht es Dir? Kann ich Dir helfen?‘ Und wie soll man sich dann eigentlich streiten? Oder wie stellt man einen Heiratsantrag? Vielleicht am besten gar nicht fragen. Einfach machen: ‚Ich Tarzan, Du Jane.‘“

Oder: „Geh nur Wege mit Herz.“
Herz ist wie Liebe, Universum, Seele, Gefühl: Das kommt immer gut. Aber was heißt das: Wege mit Herz gehen? Entweder bezieht sich das „mit Herz“ auf das Gehen – in diesem Fall ist der Satz sicher kardiologisch und physiologisch vollkommen richtig. Ohne Herz sollte man nicht gehen. Auf keinen Fall. Oder es bezieht sich auf den Weg. Also emotionale Wege. Aber was ist das: ein „Weg mit Herz“? Und sind emotionale Entscheidungen oder Handlungen immer richtig?

Noch besser: „Unschuld erweckt Intuition.“
Für diesen Spruch bin ich offen gesagt einfach schlicht zu dumm. Oder zu schuldig. Was soll das heißen? Selbst nach drei Tassen Tee bin ich auf keine Lösung gekommen. Keinerlei Intuition.

„Schätze die Person, die du bist.“
Haben die Marketing-Texter solcher Sprüche eigentlich noch nie von dem anderen Modewort „Ambivalenz“ gehört? „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ (R. Precht) Dass das Leben etwas mit Entfremdung zu tun haben könnte, ist hier nicht vorgesehen. Es gilt der permanente Imperativ des positiven Denkens: „Optimiere Dich selbst.“

„Freude ist die Essenz des Erfolgs.“
Hier wird es nun endgültig gefährlich. Unter dem Deckmantel von Lebensqualität wird einem eine religiös aufgeladene Erfolgsphilosophie untergeschoben: „Sei brav erfolgreich, dann freust Du Dich auch.“

Ich glaube, dass das permanente Zutexten mit solchen Weisheiten etwas mit uns macht und machen soll. Sonst würden man sich ja nicht die Mühe machen. Es spiegelt m.E. eine kommerzialisierte Vereinnahmung und Verkehrung von entkernten, geglätteten, oft fernöstlichen religiösen Traditionen zum Zwecke von Selbstoptimierung und Konsum und Funktionieren. Auch wenn die Sätze so Wellness-mäßig, so soft, eingängig, emotional klingen: Dahinter steht eine Lebenssicht, die überhaupt nicht harmlos ist. Ein pseudo-religiös-psychologischer Neusprech, um den Menschen zum Kauf des nächsten Sofas oder Shampoos zu animieren, während er sich auf dem Weg zu seiner inneren Mitte wähnt.

Als kleines Gegengift daher hier eine Liste möglicher Anti-Yogi-Tee-Sprüche:
„Ich bin nicht glücklich und habe nicht vor, es zu werden.“ (Felicitas Hoppe)
„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (Albert Camus)
„Eigentlich bin ich ein ganz anderer, ich komme nur so selten dazu.“ (Ö. von Horváth)
„Unser Herz ist unruhig ist in uns, Gott, bis dass es Ruhe findet in Dir.“ (Augustin)
„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Jesus)

Was diese Sätze ausmacht: Sie leben von einer inneren Spannung. Sie haben eine explizite Verfasserin oder einen Verfasser. Sie haben einen festen Ort im Leben, in Geschichten, in Büchern. Ich kann mich deshalb mit ihnen verstehend, kritisch auseinandersetzen. Sie schleichen sich nicht als platte Satz-Viren irgendwie ein. Sie überschreiten meine eigene Konsum-Wohlfühl-Erfolgs-Lebensblase. Weil sie Ecken und Kanten haben, bringen sie solche Blasen gelegentlich sogar zum Platzen.

Darum bemühen wir uns in der Evangelischen Akademie: Menschliches Leben in seiner Schönheit, in seiner Abgründigkeit und in seiner tiefen inneren Widersprüchlichkeit zu verstehen. Andere Menschen, Haltungen, Religionen nicht zu schnell und vereinnahmend zu verstehen, ihnen dafür aber wirklich und offen zu begegnen. Und um Gottes und des Menschen willen jeder Form einer kommerziellen spirituellen Fremdverblödung entgegenzutreten.

Theologische Impulse 66, von Dr. Thorsten Latzel

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