Und Gott jazzte Eine kleine Theologie der Improvisation

30.8.2020

Thorsten Latzel

https://praesesblog.ekir.de/wp-content/uploads/2020/08/theologische_impulse__hintergrund_fuer_fb__impuls_65__und_gott_jazzte.jpg Jazz gilt musikalisch weithin als Inbegriff von Improvisation. Entstanden aus einer Verschmelzung von Spirituals, Field Hollers und Blues, entwickelt er sich Anfang des 20. Jh. ...

Jazz gilt musikalisch weithin als Inbegriff von Improvisation. Entstanden aus einer Verschmelzung von Spirituals, Field Hollers und Blues, entwickelt er sich Anfang des 20. Jh. als eine Stilrichtung, in der vor allem Afroamerikaner/People of Color ihre Lebens- und Leidenserfahrungen kreativ-befreiend verarbeiteten. In ihm spielt Improvisation eine zentrale Rolle – als Erfahrung spontaner, freier, kreativer Individualität.

Die Frage, wann diese dem Jazz zu Grunde liegende Idee in die Welt kam, lässt sich – biblisch betrachtet – recht eindeutig beantworten: im zweiten Kapitel des ersten Buches Mose, der Genesis. Noch genauer gesagt in Vers 18: „Und Gott, der HERR, sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Es war der Moment, in dem „Gott jazzte“. Die Einsamkeit des Menschen veranlasste Gott zu einer improvisierenden Reaktion ganz eigener Art. Und in der kurzen, nüchternen Feststellung und in dem folgenden Handeln Gottes klingt theologisch das an, was später den Jazz musikalisch ausmachen wird:

– die spontane, kreative Interaktion, hier als Gottes „Response“ auf den „Call“ der menschlichen Situation,
– der „Off-Beat“, der an dieser Stelle in den bis dahin so wohlgeordneten, gleichförmigen Gang der Schöpfung hineinkommt,
– die Verarbeitung der allerersten Disharmonie („nicht gut“) und die leidgeborenen, neuen Blues-Zwischen-Töne, die „Blue Notes“, die darin mitschwingen,
– und die Entstehung neuer, nicht dagewesener kreativer Individualität („Eva“) durch die neu gestaltete Tradition („Rippe“).

In diesem Sinne: Der Versuch einer kleinen Theologie der Improvisation in fünf Stationen.

1. Station: Anfangen

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer. Und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ (1. Mose 1,1-5)

Die Bibel beginnt – ebenso wie die Schöpfung, von der sie erzählt – mit einer Komposition, nicht mit einer Improvisation. Die Erschaffung von Himmel und Erde in einem wohlgeordneten, festen Schema von sieben Tagen. Stets der gleiche Ablauf: „Und Gott sprach … und es geschah.“ Immer ein harmonischer Schlusston: „Und siehe, es war sehr gut.“ Alles zur rechten Zeit und am rechten Ort. Eine große, harmonische, allumfassende Komposition. Es ist die tiefe, letzte Gewissheit, die wir als Menschen – wie das Volk Israel im Exil – brauchen, um mit den tiefen Unsicherheiten des Lebens irgendwie klarkommen zu können: Dass die Chaos-Mächte eine Grenze haben. Dass das Dunkel nicht ewig dauert. Dass auf jede Nacht ein neuer Tag folgt. Dass alle Lebewesen ihren Platz haben. Dass es genug für alle gibt. Dass Sonne, Mond und Sterne für uns geschaffen sind. Dass es gut ist, dass es uns gibt. Das kann helfen, mit der Erfahrung von Fremde, Trauer, Verlust umzugehen. Mit den Tagen, den Jahren, wenn alle Pläne über den Haufen geworfen werden. Wenn einem die Hoffnungen entgleitet. Wenn das Leben völlig anders verläuft als gedacht und gewünscht.

Dem entgegen steht der Trost aus einer tiefen himmlischen Harmonie: Gott komponiert, er improvisiert nicht. Wie könnte es auch anders sein: „Im-provisieren“ heißt wörtlich „nicht vorhersehen“. Mit etwas Überraschendem, Unerwartetem umzugehen, das einem in einer Situation geschieht.
Gott aber, so erzählt es die erste Schöpfungsgeschichte, ist eben nicht in der Welt, sondern schafft die Welt. Er schafft aus dem Nichts. Die göttliche Komposition als letzter Halt, wenn einem alles im Leben verloren geht. Und als tiefer Grund, um selbst improvisieren, mit dem Unvorhersehbaren umgehen zu können – auch wenn wir die Komposition selber niemals ganz verstehen.

2. Station: Alleine, nackt und vergänglich sein

„Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten sich Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.“ (1. Mose 3,7)

Die Improvisation beginnt dann gleich in der zweiten Erzählung von der Schöpfung. Sie beginnt damit, dass für den Menschen unter allen Lebewesen kein Gegenüber gefunden wird. Gott macht den Menschen aus Lehm, bläst ihm den Lebensodem in die Nase, setzt ihn in den Garten in Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. „Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.“ (1. Mose 2,20) Er ist bei allem Leben um sich herum im Letzten einsam. So die erste Erkenntnis über das „Mängelwesen“ Mensch (A. Gehlen).

Und die Improvisationen setzen sich fort. Schon bald, nach dem Griff nach der verbotenen Frucht, werden die Menschen selbst erkennen, dass sie nackt sind. Nun bastelt zunächst der Mensch sich notdürftig Kleidung. Später wird Gott ihnen Röcke aus Fellen machen. Und zugleich erfährt der Mensch die Vergänglichkeit seines Lebens: „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ (1. Mose 3,19)

Einsam, nackt, vergänglich – Ur-Impulse kreativer Improvisation. Und die Improvisation als eine Mängel-Kompensations-Kompetenz. Als schöpferische, heilende Reaktion Gottes und des Menschen auf das Unvorhergesehene. Weil die Welt, das Leben, man selbst nicht so ist, wie sie sein sollten. Gott improvisiert. Um unseretwillen. Weil wir frei geschaffen sind. Und weil sich nur so dem begegnen lässt, dass wir einsam, nackt und vergänglich sind: durch liebevolles neu-schöpferisches Handeln. Durch kreative Töne, wie sie die Welt zuvor noch nicht gehört hat.

3. Station: Gebären

„Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte in in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ (Lk 2,7)

Das Leben Christi ist die große Improvisation Gottes. Nun steckt Gott selbst mitten drin in der Welt, in der Unvorhersehbarkeit des Lebens, im großen Durcheinander. Und das Leben Jesu läuft – in seiner eigenen Wahrnehmung und in der seiner Mitmenschen – alles andere als wohlgeordnet, himmlisch geplant.

Von der unehelichen Geburt in Stall und Krippe. Über die Jahre als Wanderprediger, bei der ihn selbst seine Familie für von Sinnen hält. Bis zum Tod am Kreuz mit dem Schrei der Gottverlassenheit.

Doch diese Improvisation erfolgt, so schildern es die Evangelien, aus Freiheit heraus. Gott selbst bricht die Regeln und schafft einen kreativen Raum, in dem sich Neues ereignet. Gott legt die Noten beiseite, variiert, improvisiert, lässt der Liebe freien Raum, um die Disharmonien des Lebens aufzunehmen, die Töne auf neue Weise zu verschleifen, eine neue Melodie zu finden. Gott wird vom Komponisten zum Stand-up-Künstler, zum Meister der Improvisation – als Teil des einen großen Orchesters. Das meint Menschwerdung, Inkarnation. Gott groovt. Um in uns einen anderen Rhythmus, eine andere Melodie, eine andere Musik zum Klingen zu bringen. Um uns selbst zu Meistern der Improvisation zu machen. Zu freien Menschen, die anderen Menschen etwas von diesem Klang der Freiheit weitergeben. „Ein neues Lied wir heben an.“ (Martin Luther) Deswegen wird die ganze Weihnachtsgeschichte von Lukas wie ein großes Musikstück erzählt – von den Lobgesängen Marias und Zacharias‘, über den Gesang der Engel und Hirten, bis zum Lied des alten Simeon. Eine einzige musikalische Improvisation in Permanenz. Wenn Maria es gekannt hätte, hätte sie gejazzt.

4. Station: Wundern

„Und Christus sprach zu ihm: Was willst du, das ich dir tue? Und der Blinde antwortete ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Und Christus sprach: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Weg.“ (Mk 10,51f.)

Das Wesen des Glaubens hängt mit dem Wunder zusammen – einer heilenden Improvisation des Lebens. Eine Begegnung, in der sich etwas Überraschendes, Unvorhergesehenes, Unerwartetes ereignet, so dass die Menschen staunen, sich entsetzen. Eine Begegnung, in der Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Aussätzige rein werden und Menschen auferstehen zu einem neuen Leben.

Unvorhersehbar. Unplanbar. Improvisationen des Lebens aus einer schöpferischen Liebe heraus.

Entscheidend ist, dass das Wunder, die Improvisation nicht einfach an einer der beiden Personen liegt – nicht an Christus und nicht an dem zu Heilenden. Sondern an der Beziehung zwischen beiden. Es beginnt mit der Frage: „Was willst du, das ich dir tue?“ Und es endet mit der Zusage: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Dazwischen vollzieht sich eine wahrhaft heilende Spontaneität, eine re-kreative Begegnung, die die eigene Vorstellungskraft sprengt.

5. Station: Gelassenheit

„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Röm 3,28)

Glaube ist das Widerfahrnis, dass Gott einem die Freiheit schenkt, die Noten beiseitelegen und einfach spielen zu können. Die Erfahrung einer tiefen Freiheit, in der wir aufhören, es richtig zu machen, den Regeln, dem Gesetz zu folgen und stattdessen man selber zu sein, dem anderen zu begegnen und das eigene Leben wirklich zu leben. Das ist das Paradoxe beim Leben wie in der Musik, dass man beide verfehlt, wenn man sich immer nur genau an die Partitur hält. So wie in der Geschichte vom reichen Jüngling, der alles richtigmacht und gerade so den Sinn des Lebens verfehlt. Die Musik beginnt, wo die Noten aufhören. So „wie ein Musiker, der ein Stück immer und immer wieder spielt, bis er es plötzlich zum ersten Mal hört.“ (Anne Michaels) Improvisation meint dann das Gegenteil von Dilettantismus, keinen künstlerischen Not-Griff wegen mangelnder Vorbereitung. Es geht vielmehr um eine offene Begegnung, einen kreativen Raum, in dem jede/r einzelne mehr erfährt, als sie oder er selber begreift. Und in dem sich – wo und wann es Gott gefällt – auf wunderbare Weise Wunden heilen können.

Es ist die Erfahrung einer tiefen Gelassenheit, wenn man das Geländer loslässt und zu tanzen beginnt. Einfach, weil man es in sich spürt, weil es guttut und weil es die Welt ein bisschen schöner macht.

Theologische Impulse 65, von Dr. Thorsten Latzel

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