Von Ausreden und vom Einander-ausreden-Lassen

4.10.2020

Thorsten Latzel

https://praesesblog.ekir.de/wp-content/uploads/2020/10/theologische_impulse__hintergrund_fuer_fb__impuls_70_-_von_ausreden_und_vom_ausreden_lassen.jpg Der Auftakt der TV-Duelle der beiden US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten im Wahljahr 2020 in dieser Woche war ein Tiefpunkt politischer Kommunikation in einer westlichen Demokratie. Vor allem ...

Der Auftakt der TV-Duelle der beiden US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten im Wahljahr 2020 in dieser Woche war ein Tiefpunkt politischer Kommunikation in einer westlichen Demokratie. Vor allem der amtierende Präsident Donald Trump war weder willens noch fähig, seinen Kontrahenten Joe Biden ausreden zu lassen. Nicht einmal dem erfahren Moderator Chris Wallace gelang es, in Ruhe seine Fragen zu formulieren. Nach dem Motto: „Wenn ich das letzte Wort habe, habe ich auch recht.“ Ein Diskurs-Niveau, wie es einem aus Kita-Zeiten vertraut ist: „Gar nicht.“ „Doch.“ „Immer einmal mehr wie du.“ Zumindest tauchte Trump dieses Mal nicht hinter Biden auf – wie vor vier Jahren bei Hillary Clinton. Statt des einander Ausredenlassens folgten dann die Ausreden: „China-Virus, Demokraten und die böswilligen Medien – alle Schuld außer mir. Euer Problem, wenn ihr meine Genialität nicht begreift.“ Ein Parade-Beispiel für die Unfähigkeit eines Menschen, mit eigenem Versagen und Fehlern umgehen zu können.

Sich rausreden und andere nicht ausreden lassen – ein pointiertes Gegenmodell dazu stellt die Beichte dar. Eine heute weithin altertümlich anmutende religiöse Kommunikationsform, in der es genau um das Gegenteil von TV-Duellen geht: Sich von den eigenen Schutzbehauptungen und Schönfärbereien freimachen und ehrlich zu eigenen Fehlern stehen. Dazu braucht es Zeit und Raum und wechselseitiges Vertrauen, um das Eigene auszusprechen und sich etwas sagen zu las-sen. Nun sind Beichte und TV-Duell natürlich zwei grundverschiedene Gesprächssituationen. So weit, so klar. Tatsächlich geht es in beiden Situationen aber um einen Umgang mit dem, was war, im Blick auf das, was kommt.

Ein biblisches Beispiel für solch einen anderen Umgang mit Fehlern der Herrschenden ist die Geschichte von David und Nathan, die „Nathan-Parabel“ (2. Sam 12). Der Prophet Nathan erzählt darin König David von zwei Männern, einem reichen und einem armen, die in derselben Stadt leben. Als der Reiche Besuch bekommt, schlachtet er kein Tier aus seinen eigenen Herden, sondern das einzige, liebevoll aufgezogene Schaf des Armen. König David entbrennt in Zorn über das himmelschreiende Unrecht und verurteilt den Reichen zum Tod: „So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat!“ Da konfrontiert ihn Nathan mit seiner eigenen Schuld: „Du bist der Mann!“ Weil er selbst die Ehe mit Batseba gebrochen hat, der Frau seines hethitischen Hauptmanns Uria; Uria aber hat er durch eine Intrige im Kampf umbringen lassen – als armen Mann und geschlachtetes Schaf in einer Person. Das Besondere ist, dass David sich dann aber nicht herausredet. Dass er seine Schuld gesteht und so zumindest einen Teil der Folgen abwendet – auch wenn das erste Kind aus seiner Beziehung zu Batseba stirbt.

Es ist vielsagend, dass die Geschichte dieser öffentlichen Schuld eines Herrschenden im Stamm-baum Jesu auf ewig verzeichnet ist: „David zeugte Salomo mit der Frau des Uria.“ (Matt 1,6) Das Evangelium von Jesus ist so von Anfang an immer auch mit der kritischen Sicht auf den Machtmissbrauch von Mächtigen verbunden – und mit der Möglichkeit zu deren Umkehr. Dass es das Kind ist, das an seiner statt stirbt, und die Frau, deren Name – Batseba – hier nicht genannt wird, ist eine andere Geschichte. Sie tragen die eigentlichen Folgen von Davids Tat.

Die öffentliche Buße (lat. poenitentia publica) war früher eine Form, in der der Willkür von Mächtigen begegnet werden konnte, zumindest manchmal. Heute kommt diese Funktion vielfach einer unabhängigen, kritischen Presse und den Verfassungsgerichten zu, weshalb sie meist die ersten Ziele autoritär Herrschender sind. Zugleich braucht es, so glaube ich, in neuer Weise Räume religiöser Buße, in denen – auch Herrschende – einen wirklichen Sinneswandel vollziehen können. Räume, in denen sich eine Konfrontation mit Gott ereignet, in denen Schuld erkannt – und auch vergeben werden kann.

Mit den eigenen Ausreden aufhören und den anderen ausreden lassen – oft wird kolportiert, dass die Reformatoren die Beichte abgeschafft hätten. Das stimmt so nicht. Was in der evangelischen Kirche abgeschafft wurde, war der Zwang zur Beichte und waren die mit ihr verbundenen Vorstellungen: dass der Mensch seine Sünde einfach aus sich erkennen und selbst etwas als „Genugtuung“ leisten könne. Am Ende seines Kleinen Katechismus beschreibt Martin Luther denn auch einfühlsam, wie eine Beichte im evangelischen Sinne aussieht. Wie ein Mensch in der Begegnung mit Gott zur Einsicht in Fehler und zu einem Sinneswandel kommen kann. Wie ein anderer Mensch ihn darin begleiten und freisprechen kann. Wie sich so die Möglichkeit zu einem wirklichen Neuanfang eröffnen kann.

So alt und abständig Begriffe wie Beichte und Buße (als Sinneswandel) klingen mögen, so sehr fehlen sie m.E. gerade im Umgang mit Schuld im öffentlichen Raum. Weswegen dann oft nur die Selbstrechtfertigung bleibt. Das permanente Re-Framing der eigenen Taten, so lange, bis man selbst daran glaubt. Der rosarot gefärbte Spiegel verzerrter Selbstwahrnehmung, weil Schuldeingeständnis Gesichtsverlust und eine Scham bedeuten würde, mit der man nicht umgehen kann. Weil einem das Gegenüber fehlt, das die ganze eigene Geschichte kennt, auch die Tiefen des eigenen Herzens, die einem selbst verborgen sind. Vielleicht konnte David deshalb als König nicht nur gegenüber Nathan, sondern auch später öffentlich zu Fehlern stehen, weil er wusste, dass es besser ist, „in die Hand des HERRN (zu) fallen“, als in die eines Menschen (2. Sam 24,14). Ich glaube, wir brauchen in Demokratien eine Fehlerkultur, die es Verantwortungsträgern ermöglicht, zu – mit-unter notwendigen – Fehlern zu stehen. Und wir brauchen es, dass wir zwischen Menschen und ihren Taten unterscheiden und Schuldeingeständnisse nicht mit Gesichtsverlust ahnden. Und wir brauchen Räume, in denen sich in der Begegnung mit Gott wirklicher Sinneswandeln ereignen kann.

 

Theologische Impulse 70, von Dr. Thorsten Latzel

Foto: Susanne Jutzeler, suju-foto auf pixabay.com