Von Kreuzworträtseln und dem Geheimnis des Liebens

11.10.2020

Thorsten Latzel

Zu den festen Rubriken einer jeden Tageszeitung gehört die Rätselecke. Je nach Veranlagung übt sie keine bis große Faszination auf Menschen aus mit sehr unterschiedlichen ...

Zu den festen Rubriken einer jeden Tageszeitung gehört die Rätselecke. Je nach Veranlagung übt sie keine bis große Faszination auf Menschen aus mit sehr unterschiedlichen persönlichen Vorlieben. Während unsere Töchter solchen „Senioren-Zeitvertreib“ geflissentlich ignorieren, neigt meine Frau zu Schwedenrätseln, ich zu Zahlenaufgaben (vor allem „Str8ts“), unser Sohn macht alles, was ihm vor den Bleistift kommt.

In dem sehr lesenswerten Roman „Die einzige Geschichte“ von Julian Barnes (btb, München 2020) entwickelt Paul, der Ich-Erzähler, dazu eine eigene Theorie: „Bei diesem vermeintlich harmlosen Zeitvertreib ging es eindeutig um mehr als das Entschlüsseln kryptischer Fragestellungen und das Eintragen der Lösungen in kleine Kästchen. Meine Analyse erbrachte folgende Faktoren: 1) den Wunsch, das Chaos dieser Welt auf ein kleines, verständliches Raster von schwarz-weißen Quadraten zu reduzieren; 2) den diesem Wunsch zugrunde liegenden Glauben, letzten Endes ließe sich alles im Leben lösen; 3) die Bestätigung, dass das Dasein eine im Wesentlichen spielerische Tätigkeit sei; und 4) die Hoffnung, dass diese Tätigkeit den existenziellen Schmerz unseres kurzen irdischen Weges von der Geburt bis zum Tod fernhalten werde. Das müsste ungefähr hinkommen!“ (S. 64f.) Hintergrund seiner These ist, dass das Lösen von Kreuzworträtseln zu den bürgerlich-spießigen Lieblingsbeschäftigungen von Gordon Macleod gehört – dem Mann, in dessen 48-jährige Frau Susan er sich als 19-Jähriger gerade verliebt hat. Dessen Kästchenbuchstaben sind geradezu das Gegenmodell zu seinem eigenen Versuch, die Geschichte seiner Liebe und ihres Geheimnisses rückblickend zu erzählen.

Paul erzählt seine „einzige Geschichte“ als selbstkritisch reflektierender und zugleich unzuverlässiger Erzähler. Er legt auf Orte, Wetter, Milieus keinen Wert, um sie dann doch ausführlich zu schildern. Er zweifelt an seinen eigenen Erinnerungen wegen ihrer verklärenden wie verschärfenden Wirkung. Er streicht in seinem Notizbuch niedergeschriebene Erkenntnisse durch, um sie dann doch wieder aufzuschreiben. Bis hin zum durchgestrichenen und identisch re-notierten Titel des Romans und seiner einzelnen Kapitel. Eben weil sich das Geheimnis des Liebens schwer beschreiben, geschweige denn verstehen, wenn überhaupt nur erzählen lässt. Das liege, so Paul, schon sprachlich daran, dass „jede Nacht Milliarden von Menschen weltweit die Einzigartigkeit ihrer Liebe mit Formeln aus zweiter Hand bekundeten“ (S. 280). Das sollte eigentlich nichts ausmachen. Tue es manchmal aber eben doch.

Eine der wenigen nicht durgestrichenen Erkenntnisse in seinen Aufzeichnungen lautet: „In der Liebe ist alles wahr und falsch zugleich; sie ist das einzige Thema, über das man unmöglich etwas Absurdes sagen kann.“ (S. 241) Für diese Haltung steht Joan, Susans Freundin, die einzige Erwachsene, auf deren Rat Paul etwas gibt. Sie mogelt beim Kreuzworträtsel, indem sie Lösungsworte erfindet – weil sie schon lange die Überzeugung aufgegeben hat, dass das Leben als Ganzes einen Sinn ergibt. Und vielleicht deshalb ist sie die Einzige, die die Amor fou von Paul und Susan versteht.

Zu der besonderen Erzählweise des dreiteiligen Romans gehört, dass er, zunächst ganz im Ich-Stil verfasst, ab der Mitte (zumeist) ins Du wechselt, um schließlich in eine Er-Perspektive zu münden. Darin spiegeln sich die unterschiedlichen Weisen, in denen das eigene Lieben erfahren wird. Die unbedingte Subjektivität des Verliebtseins am Anfang – jung, authentisch, verklärend, absolutistisch; die Begegnung zwischen zwei Liebenden auf Dauer – erfüllend, realistisch, verletzend, bis zum harten Scheitern; der nur im distanzierten Rückblick mögliche Versuch, die „einzige Geschichte“, die man früher mit jemand anderem geteilt hat, zu verstehen. „Es war, als betrachte – und lebe – er sein Leben in der dritten Person. Was ihm erlaubte, es richtiger zu beurteilen, glaubte er.“ (S. 231)

Doch wie nähert man sich nun dem „Geheimnis des Liebens“? Ein paar vorläufig undurchgestrichene Gedanken:

– Im Unterschied zum Rätsel gehört es zum Wesen eines Geheimnisses, dass es sich nicht einfach „lösen“ lässt und dann verschwindet, dass es nicht einmal kleiner wird, je länger man darüber nachdenkt. Im Gegenteil: Es wird eher noch größer. Das Geheimnis betrifft mich selbst, bleibt nicht außerhalb. Gerade in Bezug auf das Lieben hat es mit Faszination, Zauber, Erschütterung, existenziellem Berührtsein zu tun, nichts mit korrekt auszufüllenden Karokästchen.

– Wenn theologisch gesprochen „Gott die Liebe ist“ (1 Joh 4,16), so gilt übertragen ein Moment des Unverfügbaren, Entzogenen gleichfalls für das Lieben zwischen Menschen. Zwischen Gottesliebe (Agape) und Menschenliebe (Eros) ist klar zu unterscheiden: die eine Gemeinschaft stiftend, selbst hingebend, radikal inklusiv; die andere partnerbezogen, körperlich leidenschaftlich, exklusiv. Doch es besteht ein Zusammenhang zwischen ihnen. Nicht so, dass ich mein eigenes begrenztes Lieben, mich selbst oder mein geliebtes Gegenüber romantisch idealisiere. Sondern so, dass mir in meinem endlichen Bemühen etwas begegnet, was mich und uns übersteigt. Der Grund dessen, dass wir überhaupt lieben können. Wie wir uns selbst – und einander – zeitlebens nie ganz verstehen, so bleibt auch die Tatsache, dass wir einander überhaupt lieben können, für uns ein Geheimnis.

– Das heißt nicht, dass Lieben irrational oder unvernünftig sei. Aber es übersteigt die Komplexität eines einfachen Verstehens. Julian Barnes hat dies erzählerisch mit der dreifachen Ich-, Du- und Er-Perspektive verdeutlicht. Es geht um die Liebe des Liebenden, die Liebe zum Geliebten und zur Liebe selbst – was etwas anderes meint als ein Verliebtsein in das eigene Lieben. Im Blick auf die Gottesliebe wird dies christlich durch den Gedanken der Trinität ausgedrückt: Gott begegnet mir im Angesicht dieses einen konkreten Menschen Jesus Christus, weil Liebe eben immer nur von Angesicht zu Angesicht erfahren werden kann; darin, so Gott will, erschließt sich mir die eine allumfassende Liebe als schöpferischer Grund alles Liebens; eine Wirklichkeit, die ich dann in mir selbst und anderen durch Gottes Geist als wirksam erfahre. Lieben ist nicht absurd. Aber es bestimmt mich selbst so fundamental, dass ich mit einem „Denken in Distanz“ damit nicht zurande komme.

– Deswegen braucht es eine andere Erkenntnishaltung. Noch einmal Paul: „Vielleicht war die Liebe niemals in einer Definition zu erfassen; sie war überhaupt nur in einer Geschichte zu erfassen.“ (S. 294) Im Erzählen bin ich anders als bei der Definition unvermeidbar Teil der Geschichte. In ihr geht es um ein konkretes Gegenüber, ein einzigartiges Geschehen – kommt es eben doch auf Ort, Wetter und Milieus an. Das ist übrigens ein Problem des „Hohen Liedes der Liebe“ (1 Kor 13), das bei Hochzeiten gern zitiert wird: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ (V. 4–7) So schön dies alles klingt, gibt es eben auch Situationen, in denen sich Lieben – göttliches wie menschliches – völlig anders äußert. Eindrücklich kommt dies am Ende des Liebesfilms „Nur die halbe Geschichte“ („The Half of It“, USA 2020) zum Ausdruck, als die verliebte Hauptdarstellerin Ellie Chu kurz vor Ende eine authentisch leidenschaftliche Gegenrede zu all diesen Attributen hält: „Love is messy and horrible and selfish … and bold.“ (Liebe ist chaotisch und schrecklich und egoistisch … und mutig.)

Vielleicht täte es unserem Verständnis des Geheimnisses gut, wenn wir das Wort stärker schonen würden, zumindest von Zeit zu Zeit. „Liebe“ gehört wie „Gott“ wohl zu den am häufigsten missbrauchten Begriffen, was wohl auch beides miteinander zusammenhängt. In früheren Zeiten wurde Agape entsprechend als „verbum arcanum“ behandelt, ein verschlossenes, heiliges Wort, das sich einem erst in eigener existenzieller Liebes- und Glaubenserfahrung erschließen muss. So würde „Liebe“ zu einem „Kreuz-Wort-Rätsel“ der ganz anderen Art: Wenn es eben nicht um fünf Buchstaben senkrecht geht, sondern um die Begegnung mit der unbedingten Selbsthingabe Jesu Christi, in der, so der Glaube, die Liebe den Tod besiegt.

Synonyme

Zärtlich, zornig,
zusammen sein,
streiten, streicheln,
sehnen, verlangen,
wünschen, schwärmen,
brennen, beben,
leiden, lachen,
tanzen, trauern, träumen,
schenken, empfangen,
nur eins nicht:
gleichgültig. (TL)

Theologische Impulse 71, von Dr. Thorsten Latzel