„Wie lange noch …“ – Corona, die Odyssee und die Sache mit der Geduld

1.11.2020

Thorsten Latzel

https://praesesblog.ekir.de/wp-content/uploads/2020/11/aaa_-_dauerwelle__bearbeitet_.jpg Geduld ist nicht meine Stärke. Ich hasse es, im Stau zu stehen, wenn Updates ewig lang hochladen, von Warteschleifen bei Telefonhotlines ganz zu schweigen. Aktuell ...

Geduld ist nicht meine Stärke. Ich hasse es, im Stau zu stehen, wenn Updates ewig lang hochladen, von Warteschleifen bei Telefonhotlines ganz zu schweigen. Aktuell ist die Dauerschleife mit Corona für mich eine echte Anfechtung. Dabei gehöre ich noch nicht einmal zu den Menschen, die davon bisher gesundheitlich bzw. familiär besonders betroffen waren oder jetzt in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind. Angesichts der Entwicklung der Infektionszahlen halte ich es auch für notwendig, dass jetzt verschärfte Schutz-Maßnahmen getroffen wurden. Trotzdem kann einem das Virus ziemlich auf die Nerven gehen, mir zumindest. Wenn die beruflichen und privaten Planungen für die nächsten Wochen wieder alle über den Haufen geworfen werden – etwa die sorgfältig entwickelte „kleine Pandemie-Normalität“, die wir in der Evangelischen Akademie in den letzten Monaten aufgebaut haben.

Nun umweht den Begriff „Geduld“ allgemein etwas Mottenkugeliges. Er riecht nach Moral, Tugend, passiver Dulderhaltung. Heute ist eher von „Resilienz“ die Rede im Blick auf die psychischen Ressourcen eines Menschen, Widerständen zu begegnen, seine entsprechende Konstitution und Kompetenzen. Im Sport spricht man von Steher- oder Nehmerqualitäten. Wie oft bei alten Wörtern lohnt sich auch bei „Geduld“ das Abstauben, speziell für meinen eigenen Umgang mit Corona.

„Geduld“ hat zum einen eine zeitliche Komponente: Es geht ums „warten können“, dass Wünsche von mir aufgeschoben, Sehnsüchte noch nicht erfüllt werden. Zum anderen beinhaltet es ein Element äußerer körperlicher Haltung, in der sich eine innere Einstellung spiegelt: etwas Widrigem wird widerstanden, ich ertrage es, halte es aus, stehe es durch. Ein anderes Zeitempfinden und eine veränderte Körper-Haltung. Beides spiegelt sich auch in den zwei griechischen Begriffen, die von Luther im Neuen Testament mit Geduld übersetzt worden sind: Hypomonē meint wörtlich das „Darunter-Bleiben“, also in einer belastenden Situation stand- und durchzuhalten, statt sich ihr durch Flucht zu entziehen. Das andere griechische Wort makrothymía bedeutet eigentlich „Lang-Mut“, also so etwas wie Ausdauer. „Darunter-Bleiben“ und „Lang-Mut“: Die Begriffe spiegeln et-was von meinem Alltags-Empfinden in den letzten Monaten – Pandemie in Permanenz.

Wenn ich die widrigen Umstände nicht verändern kann, sind meine Zeitwahrnehmung und meine innere wie äußere Haltung das, was ich ändern kann. Oder besser gesagt: was ich anders beeinflussen lassen kann. So wie in dem oft zitierten und variierten „Gelassenheitsgebet“ (serenity prayer), das der amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr im Kontext des Zweiten Weltkrieges verfasste: „Father, give us courage to change what must be altered, serenity to accept what cannot be hel-ped, and the insight to know the one from the other.“ Wichtig daran finde ich, dass es sich tatsäch-lich um ein Gebet handelt: Der Sinneswandel hin zur „serenity to accept“ steht nicht einfach in meiner Möglichkeit. Es geht zudem um Bitten, die nicht nur den Einzelnen, sondern die Gemeinschaft im Blick haben: „give us“. Und Geduld wird dabei äußerst aktiv verstanden, verbunden eben mit weiser Unterscheidungsfähigkeit und dem „courage to change“ – derjenigen Dinge, die politisch nicht nur verändert werden können, sondern müssen („must“).

Wichtig für geistliche Geduld sind dabei neben dem Gebet vor allem Geschichten. Erzählungen von Menschen, die zu anderen Zeiten widrigste Umstände beispielhaft bestanden haben, die von solchem „Darunter-Bleiben“ und „Lang-Mut“ handeln. Eine der großen abendländischen Meister-Erzählung in dieser Hinsicht ist die Odyssee des Homer. Die epische Dichtung erzählt in 24 Gesängen von den Irrfahrten des Odysseus, des listigen Königs von Ithaka, und seiner dahinschwindenden Gefährten während der zehn Jahre dauernden Heimreise vom trojanischen Krieg. So im Auftakt (in der klassischen Übersetzung von Voß):

„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.“

Er kämpft mit seinen Gefährten gegen widrige Winde, verlockende Drogen (bei den Lotophagen), den Zyklopen Polyphem und die fleischfressenden Laistrygonen. Er wird von der Zauberin Kirke und der Nymphe Kalypso festgehalten, widersteht den Sirenen, segelt zwischen Skylla und Charybdis hindurch. Am Ende kehrt er als Bettler verkleidet heim und befreit mit seinem Sohn Telemachos, der ihn gesucht hat, seine Frau Penelope und sein Haus von den Freiern, die sie belagern.

Das menschliche Leben: wie ein brüchiges Floss auf dem Meer, ein Spielball der Wellen wie der streitenden Götter. Doch zugleich ein Mensch, der sich mit seinem Schicksal nicht abfindet. Der kämpft, scheitert, wieder aufbricht, erneut strandet. Der fromm ist und mit Lügen trickst. Der Versuchungen widersteht und erliegt. Der sich als „Niemand“ ausgibt, sich selbst, seine Identität, seinen Namen verliert, um sie erst am Ende wirklich zu erlangen: als der, der die Irrfahrt seines Lebens, die nach ihm benannte Odyssee, überstand.

Darin drückt sich aus, worum es bei Geduld eigentlich geht: wer ich selber bin, als wer ich mich im Darunter-Bleiben, Aushalten, Widerstreiten erweise. Und wie ich mich zu denen verhalte, die mit mir auf einem Floß unterwegs sind oder mir unterwegs an fremden Küsten begegnen.

Jens Spahn sagte im April den vorausschauenden Satz: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Weil die Monate der Pandemie eben auch eine Odyssee sind, eine „Irrfahrt“, die uns selbst auf eine „Gedulds-Probe“ stellt: Wer sind wir? Woran glauben wir? Wie gehen wir miteinander um?

Geduld

Ich habe sie nicht.
Doch ich will sie üben.
Will streiten, warten,
hoffen, lieben, kämpfen.
Für uns, die Fremden, Dich und mich.
So lange, wie die Wochen sich dehnen.
Bis ich werde, der ich vor Dir schon bin.
Darum bitte ich Dich um nichts
als nur um sie,
weil ich sie immer wieder verlier. (TL)

Theologische Impulse 74, von Dr. Thorsten Latzel

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