100 Tage neue Kirchenleitung: Sich gemeinsam „zur Sache“ rufen lassen

15. Juni 2013 von Manfred Rekowski

Am Beginn dieser Woche: eine Pressekonferenz, Anlass: die neue Kirchenleitung ist 100 Tage im Amt. Das gilt auch für mich als Präses. Im Gespräch mit den Vertreterinnen und Vertretern der Medien habe ich berichtet, wie die neu gewählte Kirchenleitung ihre Aufgabe versteht: Kirche zu leiten heißt, aus den Quellen des Glaubens zu schöpfen. Dazugehört immer auch das Wahrnehmen und Interpretieren der kirchlichen und gesellschaftlichen Situation. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn bei den Evangelischen nur 58% Religion für wichtig halten – wie die Erhebung „Religionsmonitor“ zeigt, also für zwei Fünftel der Protestantinnen und Protestanten Religion keine große Rolle im Leben spielt. Wie können wir diesen Kirchenmitgliedern vermitteln, was Religion positiv für sie bedeuten könnte?

Auf unsere Kirche bezogen stellt sich die Frage, wie wir die Handlungsfähigkeit unserer Kirche sichern können. Denn wir wollen eine Kirche sein, die ihren Auftrag zukünftig unabhängig von ihrer Größe und ihrer Finanzkraft zeitgemäß erfüllen kann. Das wird nach meiner Einschätzung dazu führen, dass sich die Arbeitsweise, die Arbeitsformen und die Strukturen unserer Kirche vermutlich stark verändern werden. Kirchenleitende Aufgabe ist es, unsere Kirche zu einer veränderungsfähigen und beweglicheren Kirche umzugestalten, damit wir auch unter veränderten Bedingungen weiterhin seelsorgliche, diakonische und gesellschaftspolitisch wirkende Kirche bleiben – in enger ökumenischer Zusammenarbeit mit den Schwesterkirchen.

Kirche leiten heißt schließlich, sich gemeinsam „zur Sache“ rufen lassen. Unsere Kirche konzentriert sich verstärkt auf ihre Grundüberzeugungen. In der 1. These der Barmer Theologischen Erklärung heißt es: “Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.” Hören – vertrauen – gehorchen. Am Ende steht die Tat. So bleiben wir Kirche für andere.

Nach 100 Tagen Amtszeit merke ich, wie sich Vertrauen im Umgang miteinander bildet, insbesondere auch in der Zusammenarbeit zwischen der Kirchenleitung und den gewählten Ausschüssen unserer Landessynode. Das gilt ebenso für die Weiterarbeit am Bericht der “Höppner-Kommission” als auch bei den Bemühungen um Haushaltskonsolidierung und inhaltliche Schwerpunktsetzungen bei der „Aufgabenkritik“. Die Mitglieder der Kirchenleitung haben ein ausgeprägtes Interesse daran, die Kirche so zu leiten, dass sie – die Kirche – konzentriert bei ihrer Sache und damit nahe bei den Menschen ist.

Die Kirche ist auch eine Lerngemeinschaft, dies schließt den Präses ein. In den ersten 100 Tagen durfte ich neue Erfahrungen im Umgang mit den Medien und auf dem politischen Parkett machen. Lernen durfte ich auch, wie es gelingt kann, neue Denkanstöße zu geben und dabei die Beschlusslage unserer Kirche zu wahren.

Gewöhnen muss ich mich auch an “Etiketten”, die mir zugewiesen werden: flexibler Kirchenmanager, Zupacker, Technokrat, evangelischer Franziskus. Die Trefferquote ist dabei sehr unterschiedlich. Manche Erfahrungen aus den ersten Amtstagen sind übrigens auch ziemlich kurios. So kam die Frage an mich, ob ein kirchlicher Amtsträger auch Bartträger sein darf? Und kann ein Bartträger auch „Sympathieträger“ sein? Über diese Fragen habe ich nicht länger nachgedacht.

Viele Menschen haben mich im neuen Amt tatkräftig unterstützt, mich gut beraten und für mich gebetet. Das tut gut. Danke dafür!

Von: Manfred Rekowski

7 Antworten auf „100 Tage neue Kirchenleitung: Sich gemeinsam „zur Sache“ rufen lassen“

  1. Vielen Dank für den Kommentar, der mir die Möglichkeit gibt, einen Eindruck zu korrigieren. Die Landessynode hat einen Grundsatzbeschluss gefasst, der neben dem Pfarrberuf auch andere kirchliche Berufe für unsere Kirche im Blick behält. In der Vorlage zur weiteren Beratung über die Pfarrstellenplanung wird daher dieser Beschluss auch ausdrücklich zitiert.

    Herzliche Grüße

    Christoph Pistorius

  2. Guten Tag Herr Rekowski,
    Frau Wernik-Hübner und Herr Pistorius,
    auch ich war gestern bei der Veranstaltung in Velbert und möchte Sie bestärken, auch weiterhin die verschiedenen Möglichkeiten der direkten Kommunikation mit Menschen zu suchen. Gestern konnte man doch wunderbar erleben, dass es viele Interessierte gibt, die sich nicht fatalistisch zurückziehen, sondern mit hoher Kompetenz, Engagement und Dialogbereitschaft UNSERE Kirche gestalten möchten.
    In diesem Sinne möchte ich den Impuls von Frau Wernik-Hübner gerne aufgreifen und daran erinnern, dass wir in unserer Kirche auf vielfältige Kompetenzen und Sichtweisen angewiesen sind. So ist mir gestern aufgefallen, dass das Berufsbild des Pfarrers bzw. der Pfarrerin stark im Fokus des Gespräches stand. Ich habe nicht gehört, dass wir auch weiterhin Diakone, Sozialpädagogen, Dipl.-Pädagogen uvm. in den Gemeinden und auch in der Kirchenleitung benötigen. Es würde mich schon sehr interessieren, welche Professionen in den Gemeinden, den Kirchenkreisen und der Kirchenleitung der EKiR (noch) vertreten sind. Täuscht mich der Eindruck, dass bei notwendigen Sparmaßnahmen zunächst die Stellen der (nicht verbeamteten) Jugendmitarbeiter, der Seniorenbeauftragten oder der Erwachsenenbildner reduziert werden?

    Und noch ein anderer Aspekt beschäftigt mich angesichts der angekündigten Sparmaßnahmen:
    Gibt es von Ihrer Seite Empfehlungen oder Handlungsgrundsätze, wie notwendige Stellenreduzierungen von einer Kirche umgesetzt werden können, die auch für die eigenen Mitarbeiter/innen eine solidarische und diakonische Kirche sein möchte?

    Ich habe mich sehr gefreut von Ihnen zu hören, dass das Ernst-Lange-Leitbild von der Kommunikation des Evangeliums für Sie handlungsleitende Relevanz besitzt und so wünsche ich Ihnen viele wegweisende Dialoge!

    Vielleicht gelingt es auch, diejenigen an den Dialogen zu beteiligen, die zwar Mitglied unserer Kirche sind, aber manchmal nicht wissen, wie sie Zugang zu ihrer Kirche finden und deren Interessen auch nicht durch Presbyterien und Synoden vertreten werden können.

    Viele Grüße
    C. Hartmann

  3. Liebe Frau Claudia Wernik-Hübner,

    danke für Ihre Rückmeldung. Da Sie mich auch angesprochen haben und die Abteilung I des Landeskirchenamts für „Personal“ zuständig ist, antworte ich Ihnen als zuständiger Abteilungsleiter.

    Die Frage nach der Verbeamtung ist eine sehr grundsätzliche Frage. Diese Frage wurde bei verschiednen Voten im Rahmen der Veranstaltungen von Kirchenleitung im Gespräch aufgeworfen. Wir werden alle Optionen vorurteilsfrei prüfen. Eine Lösung dieser Frage sollte möglichst im Einklang mit allen EKD-Gliedkirchen erfolgen, um Nachteile für die Besetzung offener Pfarrstellen zu vermeiden. Ein zukünftiger Verzicht auf die Verbeamtung löst aber nicht die fehlende Rückdeckung für bereits eingegangene Verpflichtungen.

    Wenn wir über die Verbeamtung nachdenken, brauchen wir den Mut, Altes zu bewerten und auch Neues zu denken.

    Ihr Christoph Pistorius

  4. 19.09.2013
    Guten Morgen Herr Rekowski,
    da ich gestern Abend an dem Gespräch mit der Kirchenleitung in Velbert teilgenommen habe, aber leider keine Wortmeldung mehr beisteuern konnte, möchte ich Ihnen gern jetzt meine Gedanken zu dem gestrigen Abend mitteilen:
    Wenn ich die Schieflage der Finanzen innerhalb der Rheinischen Landeskirche zusammenfasse, so wie ich es gestern verstanden habe, dann liegt ein großer Teil des Problems darin, dass die Landeskirche vor ca. 10 Jahren Beschlüsse gefasst hat, die verbeamteten Stellen weiter auch in Zukunft zu sichern und zu erhalten.
    Sie hatten in ihrem Redebeitrag das schöne Beispiel genannt, dass noch 1984 Gemeindeschwestern vor Ort tätig waren und sich ganz unmittelbar den Menschen in der Kirchengemeinde zuwenden konnten. Genau diese Stellen sind durch Beschlüsse der verschiedenen kirchlichen Gremien heute nicht mehr vorhanden. Nun stelle ich Ihnen die Frage: Welche Entwicklung hätten die Finanzen genommen, wenn man z.B. die Stellen der Gemeindeschwestern erhalten hätte und die Stellen der Verbeamteten für die Zukunft reduziert hätte?
    Meine Frage geht über die Finanzierungsfrage hinaus: Wie würde unsere Kirche heute dastehen, wenn wir diese zugehende, den Menschen zugewandte, seelsorgliche und pflegende Arbeit der Gemeindeschwestern gehabt hätten?
    Für mich stellt sich nach dem gestrigen Abend eine ganz grundsätzliche Frage:
    Brauchen wir in Zukunft in unserer Kirche noch Beamte?
    Ich lese seit meinem 14. Lebensjahr (ich bin jetzt 52 Jahre alt) sehr aufmerksam meine Bibel. Ich habe darin noch keine einzige Stelle gefunden, in der Jesus uns den Auftrag gibt: „Werdet Beamte oder Beamtinnen.“ Auch bei Paulus habe ich nichts gefunden, was darauf hin deuten könnte „Sucht Euch aus Eurer Mitte heraus einige, die Beamte und Beamtinnen werden.“
    Ich habe aber sehr wohl den Auftrag gelesen: „Gehet hin in alle Welt… oder: Was Ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“
    Auch im Hinblick auf das Reformationsjubiläum frage ich danach: Was erwartet Jesus Christus von uns heute an reformatorischem Handeln?
    Eine meiner Positionen, besonders nach dem gestrigen Abend lautet: Keine neuen Verbeamtungen mehr innerhalb der Kirche.
    Ich kann mir vorstellen, dass wir auch in der Vergangenheit Menschen gefunden hätten, die den Auftrag der Verkündigung, der Predigt und leitender Aufgaben innerhalb der Kirche gern angenommen hätten, ohne verbeamtet zu sein- oder wie ist ihre Erfahrung?
    Dann möchte ich noch einen Punkt ansprechen, der die Gebäudefinanzierung angeht. Wenn die Substanzerhaltungspauschale der Kirchengemeinden verändert wird, dann wird das für die Kirchengemeinden vor Ort bedeuten, sich von Gemeindezentren zu trennen. Gut finde ich, die vorhandenen Finanzmittel nicht in Gebäude zu stecken sondern in die Arbeit, die den Menschen in der Gemeinde zu Gute kommt. Da ich zur Zeit in der Suizidprävention mit alten Menschen arbeite,mache ich Sie darauf aufmerksam, dass es eine große Zahl von alten und hochaltrigen Menschen gibt, für die diese wohnortnahen, fußläufig erreichbaren Angebote ihrer Kirchengemeinde lebensnotwendig sind. Ich bitte Sie daher auch von Seiten der Landeskirche dafür Sorge zu tragen, dass die Gemeinden auch in Zukunft so ausgestattet werden, dass sie die Lebensqualität ihrer alten und hochaltrigen Menschen erhalten können.
    Dass sich Kirche darüber hinaus auch an Orten wie einer Stadtbücherei, mitten auf der Fußgängerzone oder im Pflegeheim leben lässt, das erlebe ich in meiner Arbeit. Ich bin dankbar, dass diese Einrichtungen uns dort – mitten unter ihnen- Kirche sein lassen- und habe viel Freude dabei!
    Zum Schluss möchte ich einen Hinweis von Herrn Pistorius von gestern Abend aufnehmen, der gesagt hat:“Wir müssen die Taufquote erhöhen“.
    Wir werden langfristig keine jungen Menschen dazu bewegen, ihre Kinder in einen „Verein“ zu verpflichten, in dem der größte Teil der Finanzen für Pensionsrücklagen ausgegeben wird. Welche Frage junge Menschen (und nicht nur die) bewegt ist:
    Unterscheidet sich diese Kirche deutlich von dem, was mir sonst in der Welt begegnet?
    Wenn sie diese Frage nicht glaubhaft, nachweisbar und erlebbar mit Ja beantworten können, werden sie ihr Christsein außerhalb der Kirche leben.
    Ich wünsche Ihnen und der ganzen Kirchenleitung Mut dazu, zu Fehlern der Vergangenheit öffentlich zu stehen und deutliche Zeichen der Erneuerung jetzt zu setzen.
    Das Reformationsjubiläum braucht ein deutliches Zeichen.
    Für alle notwenigen Umgestaltungen wünsche ich Ihnen Gottes liebende und inspirierende Gegenwart.
    Claudia Wernik-Hübner
    Gemeindepädagogin

  5. Wahlergebnisse kann man ja sehr unterschiedlich interpretieren. Ich möchte mich daran nicht beteiligen und möchte auch Ihren Interpretationsversuch nicht kommentieren.

    Die von Ihnen angedeuteten Vorgänge um die finanziellen Probleme einer kircheneigenen Firma sind natürlich recht komplex. Ich selbst habe in meiner Vorstellungsrede im Januar 2013 die Frage aufgeworfen, ob wir intensiv genug neben der individuellen Verantwortung auch die Organisationsverantwortung in den Blick genommen haben. An dieser Stelle sah und sehe ich weiteren Klärungsbedarf. Hier arbeiten wir sehr intensiv, analysieren und überlegen gemeinsam, welche Schlussfolgerungen zu ziehen sind.

  6. Hallo, wie gehen Sie damit um dass Ihre Vertreterin, die auf der Synode dafür (als Vertreterin des „alten Systems“) abgestraft worden ist, dass andere mit Geldern und Rücklagen spekuliert haben, nunmehr (frustiert und chancenlos) geht??

    Freundliche Grüße

    Ulrich Franz

  7. Guten Morgen Herr Rekowski,
    mit diesem Blog befindet sich die EKiR auf einem sehr guten kommunikativen Weg. Diesen gilt es auszubauen und weiter zu kommunizieren, um möglichst viele Haupt- und Ehrenamtliche zu erreichen. Denn Information und offene Kommunikation sind meiner Meinung nach sehr wichtig, um die vor uns liegenden Aufgaben gemeinsam anzugehen.
    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Glück in Ihrem Amt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.