30 Jahre deutsche Einheit: „Ich möchte gerne Brücken bauen und über hohe Mauern gehen“

3. Oktober 2020 von Manfred Rekowski

Der heutige Tag der deutschen Einheit erinnert mich an meinen letzten Besuch in der ehemaligen DDR, den ich vor fast genau 31 Jahren in unserer Partnerkirchengemeinde in Brandenburg gemacht habe. Die Lokalzeitung von damals habe ich bis heute aufbewahrt.

Manfred Rekowski liest die Märkische Volksstimme
Manfred Rekowski liest die Märkische Volksstimme

Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR das 40jährige Jubiläum ihrer Staatsgründung. Michael Gorbatschow besuchte Ost-Berlin. Es gab zwar schon an den unterschiedlichsten Orten in der DDR (insbesondere Leipzig) verschiedene Demonstrationen, aber die Staatsgründung wurde im ganzen Land gefeiert wie immer. Und bei der Zeitungslektüre begegnete dem Leser das Bild eines angeblich funktionierenden und erfolgreichen Staates, der nicht nur auf breite Zustimmung der Bevölkerung stieß, sondern begeistert gefeiert und bejubelt wurde.

Allerdings fiel uns bei einem Spaziergang in der Stadt Brandenburg am 9. Oktober 1989 auf, dass sich zahlreiche Männer auffällig unauffällig durch die Stadt bewegten. Die Erklärung unseres Gastgebers: Der Staatssicherheitsdienst bemüht sich, die Lage zu kontrollieren und Widerspruch und Widerstand im Keim zu ersticken.

In der Zeitung „Märkische Volksstimme“ vom 9. Oktober 1989 fand sich auch kein Wort zu den massenhaften Absetzbewegungen von DDR-Bürgern in osteuropäische „DDR-Urlaubsländer“ wie z.B. Ungarn.

Im Gespräch mit unseren Gastgebern aus der Partnergemeinde waren wir uns beim Abschied einig, so würde es nicht dauerhaft weitergehen können. Glasnost und Perestroika setzten in der Sowjetunion vieles in Bewegung, und sie würden vermutlich auch vor der DDR nicht Halt machen. Unsere Hoffnung war, dass es in der DDR über kurz oder lang doch endlich Reformen geben würde. Das klang mit, wenn wir bei unseren Ost-West-Begegnungen in Brandenburg manchmal das folgende Kirchenlied gesungen haben:

Ich möchte gerne Brücken bauen,
wo alle tiefe Gräben sehn.
Ich möchte hinter Zäune schauen
und über hohe Mauern gehn.

Vier Wochen später war alles vorbei. Die Mauer fiel, die Grenzen wurden geöffnet, Meinungs-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit kamen zu ihrem Recht. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass eine friedliche Revolution mit Friedensgebeten und Kerzen die Verhältnisse so grundlegend verändern würden.

Ich habe großen Respekt vor vielen Männern und Frauen, die in dieser Zeit in der ehemaligen DDR viel riskiert haben und in der Folgezeit zu Experten des Wandels wurden.

Märkische Volksstimme
Märkische Volksstimme

 

Von: Manfred Rekowski

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