Corona-Pandemie: Wo ist Gott?

17. Juni 2020 von Barbara Rudolph

Oberkirchenrätin Barbara Rudolph
Oberkirchenrätin Barbara Rudolph

Pandemien kannte ich bisher eigentlich nur, wenn sie sehr weit weg sind, Ebola z. B. in Afrika, oder sehr lange her sind, wie die Pest im Mittelalter. Jetzt ist mir mit Corona eine Seuche nahe gerückt, hat in Tagen und Wochen die ganze Erde überrollt und hält sie über Monate oder Jahre im Würgegriff.

„Krass“, sagt ein junger Verwandter, „Das ist wie in einem Science Fiction.“ Die polnische Freundin, die sich erstaunlich gut in der Bibel auskennt, sagt es etwas anders: „Das ist die Apokalypse. Jetzt passieren die Katastrophen, wie sie im letzten Buch der Bibel vorhergesagt sind.“ Mein Neffe dagegen findet, die Pandemie sei eine heilsame Unterbrechung: „Das Virus stoppt die Hektik, tut der Umwelt gut und fördert die Nachbarschaftshilfe. Was kann uns eigentlich Besseres passieren?“ Meine Mitbewohnerin dagegen als frisch gelernte Hotelfachfrau ist in Kurzarbeit. Sie fürchtet um ihren Arbeitsplatz. Im Freundeskreis mutieren wir zu stümperhaften Virologen und diskutieren hitzig über richtige und falsche Strategien.

Da regt sich die Theologin in mir. Ich bin keine Virologin und auch keine Wirtschaftsexpertin. Ich weiß zu wenig von der Ausbreitung von Krankheiten und .der Risikoabwägung. Aber mich bewegt die Frage: Wo ist Gott in all diesen Ereignissen? In den Debatten der Talkshows kommt er selten vor. In den Verlautbarungen der Kirche stehen zunächst, der Not geschuldet, praktische Hinweise und Hilfestellungen im Vordergrund. Aber still und leise und nun auch laut meldet sich die alte Frage nach Gott im Leid zu Wort: Wo ist Gott in all dem Unverständlichen und Bösen?

Vielleicht sind meine ökumenischen Partner im globalen Süden geübter, diese Fragen auszuhalten. Sie müssen viel öfter als ich lebensbedrohende Situationen standhalten. Sie spüren oft intensiver als ich die Verletzlichkeit und Gefährdung des Lebens. Mit ihnen lerne ich die Bibel neu zu lesen, aus der Perspektive der Bedrängten, Verstörten, Fragenden.

Mit ihnen gemeinsam stoße ich auf die Psalmen: „Wie lange noch verbirgst du dein Angesicht? Wie lange noch soll ich mich täglich ängsten in meinem Herzen?“ (Psalm 13). Ich entdecke in der Bibel, dass die Menschen mit dem Fragen nicht aufhören und sich mit billigen einfachen Antworten nicht zufrieden geben.

Mit denen, die um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten, klagt der Psalm: „Der Feind verfolgt mich und ergreift mich, und tritt mein Leben zu Boden. Steh auf, Herr, und erhebe dich!“ (Psalm 7) Und denen, die allein im Krankenhaus und Altersheim waren oder noch sind, gibt der Psalm 22 Worte: „Warum, mein Gott, hast Du mich verlassen?“

Im Neuen Testament höre ich diese Worte wieder, aus dem Munde Jesu am Kreuz (Markus 15, 34) – seine letzten Worte, bevor er stirbt. Wenn der römische Hauptmann unter dem Kreuz direkt nach Jesu Tod sagt: „Dieser Mensch ist Gottes Sohn.“, dann führt er mich auf die Spur, wo Gott in dem Leiden zu finden ist. Gott leidet mit uns, klagt mit Verzweifelten, stöhnt mit den Sterbenden, gibt den Menschen eine Stimme, seine Stimme. Das entdecke ich nicht nur bei dem sterbenden Jesus, sondern auch, wie er zuvor gelebt hat. Es hat ihn immer hingezogen zu den Kranken, zu den Trauernden, zu denen, deren Leben durcheinander geraten ist.

Martin Luther hat deshalb geraten: „Wenn du Gott suchst, dann schau nicht nach oben in den Himmel. Dann schau nach unten auf den Boden, wo der Bettler hockt und alle anderen, die am Boden zerstört sind. Dort findest du Gott“

Deshalb hat Luther auch von der „Theologia Crucis“, der Theologie des Kreuzes, gesprochen. gegen den Trend seiner Zeit. Nur seiner Zeit? Die klassischen Gottesbilder vom „lieben Gott“, „vom allmächtigen Gott, der alles so herrlich regieret“ zerbrechen, werden durchkreuzt. Und damit auch die klassischen Bilder vom Menschen, der (fast) alles beherrscht und für (fast) alles eine Lösung hat. Das ist die Erschütterung, die gerade uns Menschen in Europa erfasst hat.

Wie zerbrechlich und gefährdet wir Menschen sind, lernen wir an diesem unsichtbaren Virus. Am zerbrechlichen Christus lernen wir, wie wir angesichts dessen leben können. Mit ihm an der Seite lassen sich Menschen die Frage nach Gottes Beistand nicht verbieten. Menschen, die fragen: „Wie lange noch?“ gehen davon aus, dass es ein Ende geben wird, ein gutes Ende. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Gottes Weg mit den Menschen hört deshalb nicht beim Schrei am Kreuz auf sondern geht weiter mit dem Gruß: „Friede sei mit euch. Ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Und voller Staunen haben wir in den letzten Wochen auch das entdeckt, wie Menschen fürsorglich und behutsam miteinander umgehen, wie die Menschen den zerbrechlichen Menschen in sich selbst und anderen entdeckt und sich gegenseitig unterstützt haben. Wie Gottes Liebe sich Raum schafft in Menschen- und Nächstenliebe. So schenkt uns Gott Leben angesichts des Todes.

Wo ist Gott? Ich finde Gott in den vielen lebendigen Gesten menschlicher Zuwendung. Und ich finde Gott bei den Fragen der Menschen, die sich nicht abfinden können, weil eben noch nicht alles gut ist. Ich finde Gott – nicht ein für alle Mal, aber für diesen Moment.

Dietrich Bonhoeffer weist mir den Weg: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen.“ Tastend frage ich weiter – und gebe nicht auf.

 

Barbara Rudolph, hauptamtliches Mitglied der Kirchenleitung, ist Leiterin der Abteilung 1 – Theologie und Ökumene – im Landeskirchenamt. Die Theologin (geboren 1958) war von 1986 bis 2001 Gemeindepfarrerin in Moers-Meerbeck. Vor ihrer Wahl zur Oberkirchenrätin war sie Geschäftsführerin der Ökumenischen Centrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK).

Von: Barbara Rudolph

11 Antworten auf „Corona-Pandemie: Wo ist Gott?“

  1. Liebe Frau Rudolph,
    Ich stimme ihren Aussagen voll und ganz zu…wenn es denn stimmen würde, dass uns die „Pandemie“ tatsächlich im Würgegriff hätte. Lt. den Zahlen des Robert-Koch-Instituts ist das seit Ende April aber nicht mehr der Fall (Jeder Bürger kann sich die Zahlen im Internet anschauen) und es geschieht seitdem auf der ganzen Welt ein großes Unrecht an den Menschen mit so schlimmen und gravierenden Folgen. So lange wir uns aber nicht selber breit informieren und einfach blind der Regierung vertrauen, wird der ganze unmenschliche Wahnsinn hier weitergehen.
    Gott hat uns einen Verstand gegeben, Unrecht zu erkennen und anzuprangern. Dietrich Bonhoeffer ist da ein großes Vorbild. Wir haben das grosse Glück, als Kritiker der Corona-Maßnahmen „nur“ diffamiert und beschimpft zu werden… Müssen aber nicht um unser Leben fürchten. Ich kann nur dazu einladen, sich genauer zu informieren und so vlt selber das große Unrecht zu erkennen, was hier und auf der ganzen Welt gerade an den Menschen geschieht. Je mehr Menschen das erkennen, umso eher ist dieser Wahnsinn vorbei.

  2. Liebe Frau Rudolph,
    vielen Dank für diesen Text. Theologie in Auseinandersetzung mit dem richtigen Leben. Nicht ein Haufen undiskutierbarer Gewissheiten, sondern Fragen und erste Antwortversuche. Ich bin kein Theologe, weiß nicht ob und wie man es theologisch auch ganz anders angehen könnte, aber so ist es bereichernd und stärkend.
    Ulrich Hamacher

  3. Liebe Frau Rudolph,
    vielen Dank für Ihre biblisch fundierte und theologisch reflektierte Andacht!
    Auf solche Worte warten wir in der Gemeinde!
    Ihnen und allen Mitstreiter*innen in der Kirchenleitung wünsche ich die Klarheit des Heiligen Geistes.
    Kirsten Vollmer, Pfrn. in Bonbaden

  4. Ihre Worte sind für christlichen Glaubende sehr mutmachend. Warum fehlen mir und auch so vielen anderen wirklich die wahrhaftigen Worte aus der Bibel? Schade, man müsste viel mehr darüber reden und ins Gespräch kommen können, da dies die Dinge betrifft, die unser Leben lebenswert machen!!!

  5. Liebe Frau Rudoph,
    herzlichen Dank dafür, dass – und wie (mit Blick auf die Partner in der Ökumene) – Sie uns an Ihren Gedanken teilhaben lassen. Besonderen Dank für den ermutigenden Ausblick zum Schluss mit den Worten Bonhoeffers.
    Bleiben Sie gesund und behütet!
    Pfr. i.R. Norbert Stephan
    stv. Vorsitzender GAW Rheinland

  6. Meinen herzlichen Dank für Ihre Worte, die mich, unter anderem, zu einem Psalm geführt haben, den ich gerade brauchte.

    Gottes Segen für Sie und Ihre Familie!
    Stephanie Mund, Leiterin des Ökumenischen Gemeindeladens in MG/Wickrath

  7. Liebe Frau Rudolph,

    Endlich! So könnte man es sagen. Ein sehr fundierter
    Text und eine Auslegung zu den Fragen der Menschen.
    Aus biblisch-theologischer Sicht, der Kirchengeschichte
    und den brennenden Fragen auch von uns als Christen.
    Vielen Dank auch für die christologische Auslegung.
    Gottes Segen mit Ihnen und dem Leitungsteam der EKIR.

    R.Birk Wetzlar

  8. Liebe Frau Rudolph,
    in diesen Zeiten mit gesamtmedialem Bashing auf alles was nach christlicher Kirche riecht und Plattitüden wie: Wo ist da die Kirche, warum lässt GOTT das zu,
    bin ich sehr dankbar für den Mut und gutem Ansatz für eine Antwort.
    Herzlichen Dank und – Gottes Segen für Sie und Ihre weitere Arbeit wünscht,
    Heinrich Röhrs
    Männerarbeit EKiR (Ehrenamtlich)
    Presbyter Daun

  9. Liebe Frau Rudolph,
    ich danke Ihnen herzlich für Ihre Worte und Ihren Mut, in diesen pandemischen Zeiten suchend und tastend nach Gott zu fragen.
    Viel Geistesgegenwart für Ihren Dienst wünscht Ihnen Jürgen Manderla
    Pfarrer in Altenberg/Schildgen

  10. Liebe Frau Rudolph,
    ich danke Ihnen herzlich für Ihre Worte und Ihren Mut, in diesen pandemischen Zeiten suchend und tastend nach Gott zu fragen.
    Viel Geistesgegenwart für Ihren Dienst wünscht Ihnen Jürgen Manderla
    Pfarrer in Altenberg/Schildgen
    Wir sahen uns zuletzt beim Jubiläumsgottesdienst 150 Jahre Evangelischer Gottesdienst Altenberger Dom

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