Der Morgengesang des alten Priesters. Vom Zweifeln, Schweigen und Singen im Advent

29.11.2020

Thorsten Latzel

https://praesesblog.ekir.de/wp-content/uploads/2020/11/theologische_impulse__hintergrund_fuer_fb__impuls_78_-_das_morgenlied_des_alten_priesters1110x500.jpg Wie schreibt man eigentlich ein Evangelium? Die Frage ist im Berufsalltag von Pfarrer/innen nicht von unmittelbarer Dringlichkeit. Nachdem Markus, Matthäus, Lukas und Johannes (und ihre ...

Wie schreibt man eigentlich ein Evangelium? Die Frage ist im Berufsalltag von Pfarrer/innen nicht von unmittelbarer Dringlichkeit. Nachdem Markus, Matthäus, Lukas und Johannes (und ihre apokryphen Kollegen) vor knapp 2000 Jahren vorgelegt haben und das Ganze im vierten Jahrhundert auch noch kanonisiert wurde, sind die meisten ganz zufrieden damit. Natürlich gab es hin und wieder Kritik; m.E. zu Recht im Blick auf die Rolle der Frauen oder manche antijudaistischen Aussagen. Eine Neuschreibung ist aber nicht ernsthaft im Blick, sieht man von literarischen Experimenten einmal ab. Vier Evangelien sind ja auch nicht wenig.

Die Frage, wie erzählt wird, ist aber wichtig. Mit ihr gehen viele theologischen Entscheidungen einher. Das zeigt sich besonders am Anfang und Ende. Daran, wie die Christus-Geschichte anschließt an die Geschichte der Menschheit, speziell des erwählten Volkes Israel vorher – und an die Geschichte der Menschheit und des bleibend erwählten Volkes Israel nachher. Wie die „Sache Jesu“ im Leben der Gemeinden weitergeht.

Eine zentrale Bedeutung kommt dabei den Personen der Zwischenzeit zu, den „Übergangsgestalten“, die erzählerisch von der einen Zeit zur anderen Zeit hinüberleiten. Es sind „Fährleute des Verstehens“, die der Leserin, dem Leser beim Übertrag in die eigene Zeit helfen sollen. Diese Transfer-Funktion wird sehr schön erkennbar an „der“ klassischen österlichen Übergangsgestalt schlechthin: Thomas, dem Zweifler (Joh 20,24-31). Er steht für den Übergang vom Leben des irdischen Jesus („schauen“) in die Zeit nach Ostern, in der der auferstandene Christus irdisch nicht mehr greifbar ist („nicht schauen und doch glauben“).

Die adventliche Entsprechung zu ihm ist der alte Priester Zacharias am Anfang des Evangeliums bei Lukas. Auch hier geht es um das Zweifeln. Diesmal aber angesichts des kommenden Christus, dass er auf einmal greifbar und sichtbar wird. Zacharias ist der Thomas des Advents: Wie Thomas kann er die Botschaft des Neuen nicht glauben. Wie Thomas fordert er Zeichen. Wie Thomas befindet er sich „somewhere in between“ – bei ihm zwischen dem Zeugnis des Alten Testamentes und dem Beginn der Christusgeschichte.

Es ist theologisch aufschlussreich, dass das erste, was im Lukas-Evangelium direkt gesprochen wird, die letzten Worte des (griechischen) Alten Testamentes sind. Der Erzengel Gabriel zitiert in seiner Rede an Zacharias Mal 3,23f. (Lk 1,17). Ja, sein Kommen in den Tempel ist selbst eine erzählerische Umsetzung des dort verheißenen Boten (Mal 3,1): „Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll.“ Der Name „Zacharias“ wird so zum Programm: „Der HERR gedenkt.“ Durch seine Person wird die kommende Geschichte von Johannes und Jesus so beschrieben, dass Gott sich seiner Verheißungen erinnert.

In dreifacher Weise antwortet Zacharias auf die Worte des Engels: durch Zweifeln, Schweigen und Singen. Ein Modell dafür, wie Menschen auf das irritierend neue Evangelium reagieren.

1. Er zweifelt:

Folgt man den Übergangsgestalten an den Rändern der Evangelien, so ist der Zweifel nicht die Ausnahme, sondern die Regel: Neben Thomas und Zacharias „zweifeln“ eben etwa auch die entsetzten Frauen am leeren Grab (Mk 16,8); die „Emmausjünger“, die blind stundenlang neben dem Auferstandenen herlaufen, ohne ihn zu erkennen (Lk 24,13ff.); Maria von Magdala, die ihn für den Gärtner hält (Joh 20,15) – oder der kleine Satz „einige aber zweifelten“ während der beeindruckenden Erscheinung des Auferstandenen (Mt 28,15).
Ob Ostern oder Weihnachten – die Begegnung mit dem Neuen, dem Wunder, dem Evangelium von Jesus Christus weckt nicht einfach helle Begeisterung, sondern Skepsis, Vorbehalte, Missverstehen. Und es wäre seltsam, wenn es dies nicht täte. Denn dann wäre es eben nicht wirklich neu, wundersam, eine wahrhaft „Gute Botschaft“. Der Glaube an das Evangelium ist eine „unmögliche Möglichkeit“. Mit Martin Luther gesprochen: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann.“ (Kleiner Katechismus, Dritter Artikel). Das gilt für Ostern wie für Weihnachten gleichermaßen. Daher brauchen beide vorlaufende Zeiten des Sinneswandels: Passion und Advent – sieben bzw. vier Wochen als „Kopfwüsten des Glaubens“. Zweifel, Vorbehalte, Skepsis sind eine notwendige Rezeptionsform des Neuen. Umso mehr verwundert es, dass der Zweifel in der Kirche so oft in Misskredit stand und steht. Die verschnupfte Reaktion des Erzengels auf Zacharias (Lk 1,19f.) hat dazu wohl ebenso beigetragen wie die zumeist als Kritik interpretierte Antwort Jesu an Thomas (Joh 20,29). Schade. Denn kein Glaube ohne Zweifel, kein Ostern ohne Thomas, kein Advent ohne Zacharias. Zweifel sind die notwendigen kreativen Wehen von Wahrheit und Wundern.

2. Er schweigt:

Der alte Priester steht exemplarisch am Anfang des Evangeliums bei Lukas dadurch, dass er nicht nur zweifelt, sondern auch schweigt. Auf diese Weise wird Zacharias selbst zu dem Zeichen, das er fordert. Ein Zeichen für sich selbst wie für die auf ihn wartende Gemeinde im Tempel. Die spürt, dass etwas geschehen ist und noch geschehen wird, was sich nicht in Worte fassen lässt. Das Schweigen ist wie das Zweifeln von hebammenartiger, „mäeutischer“ Funktion. Auch später wird das Schweigen wichtigen Ereignissen in der Christusgeschichte vorangehen. 40 Tage fastet und schweigt Jesus in der Wüste, bevor er zu wirken beginnt. Bei seinem Verhör am Ende schweigt er ab einem gewissen Punkt, als er vor Pilatus verklagt wird. Im Unterschied zu diesem selbstgewählten Schweigen ist das Schweigen des Zacharias aber ein fremdgewirktes Verstummen, ein Verschlagen der Sprache. Es geht hier um ein „resonantes Schweigen“. Ein Schweigen, das gerade aus der unglaublichen Anrede des Engels resultiert; ein Schweigen, das dieser Anrede darin Raum gibt, dass er nichts mehr zu sagen, fragen, klagen hat. Und das gerade darin zur inneren wie äußeren Vorbereitung auf das Neue wird.
Das könnte auch heute heilsam sein: ein „Wörter-Fasten“ in einer medial dauer-erregten Gesellschaft ebenso wie in der Kirche des Wortes. Menschen, die in Zeiten medialer Dauerbeschallung dadurch zum Zeichen werden, dass sie einfach einmal still sind und verstummen. „Und sagte kein einziges Wort.“ Was für eine Predigt! Eine Verkündigung, die statt auf die Stimme auf die Beredtheit der Stille vertraut.
Bei Zacharias ist es eine Stille, die ihm von außen widerfährt. Und die ihrerseits wieder etwas aus sich heraussetzt: einen aus der Stille geborenen Gesang.

3. Das Singen:

Dies ist schließlich die dritte Weise, in welcher der alte Priester das Neue empfängt: Er zweifelt, schweigt – und singt. Was die Träume (der Weisen und Josephs) in den Advents- und Weihnachtsgeschichten bei Matthäus, sind die Lieder (Marias, Zacharias‘, Simeons) bei Lukas. In beiden, den Träumen wie den Liedern, bricht sich eine andere, göttliche Wirklichkeit in der menschlichen Wahrnehmung Bahn. Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man schweigen oder singen. Weil einem das Singen erlaubt, dass der ganze Leib zum Klangkörper, man selbst zum Resonanzraum wird. Im Singen wird der Mensch im eigentlichen Wortsinn zur „Person“: zu jemandem, durch den etwas „hindurch ertönt“ (per sonare). Im Singen erfahre ich an mir selbst, was ich sage. Ich bin, was ich singe. Auf diese Weise gewinnt die neue, frohe Botschaft an mir selbst Gestalt.
„Ein neues Lied wir heben an“, heißt das wahrscheinlich älteste Lied von Martin Luther (1524). Es handelt angesichts des Märtyrertodes zweier junger Protestanten in Brüssel von der Ausbreitung des Evangeliums, die sich im Singen des Liedes weiterereignet. Im Akt des Singens nimmt das Gesagte Gestalt an, wird das Erhoffte erfahrbar. Wegen dieser vorwegnehmenden, proleptischen Wirkung ist das Singen von so zentraler Bedeutung im Advent: In ihm wird zeichenhaft wirklich, wovon es verheißungsvoll spricht. Nicht von ungefähr galt Johannes, der Täufer, deshalb früher einmal als Patron der Kirchenmusik, weil seine Geburt die Lippen seines Vaters gelöst habe. Der Gesang des Zacharias ist so auch Ausdruck eines inter-generationellen Lernens, in der die Geburt eines Kindes die Glaubenshoffnungen der Alten wiedererweckt.

Bei Lukas ist der Lobgesang des Zacharias der mittlere Gesang zwischen dem Loblied der Maria und dem des alten Simeon. Nach ihren lateinischen Anfangsworten heißen sie in dieser Reihenfolge: „Magnifikat“, „Benedictus“ und „Nunc dimittis“. Sie spielen in den Stundengebeten der Kirche eine wichtige Rolle, hier aber in anderer Reihenfolge. Der Lobgesang des Zacharias ist hier Bestandteil des morgendlichen Lobgesangs (Laudes), des Nachdenkens am Beginn des Tages. Das entspricht der „morgendlichen Theologie“, die in dem Lied enthalten ist. Ein schöner Gedanke übrigens, dass gewisse theologische Gedanken ihre je eigene Tageszeit haben. Es ist „morgendliche Theologie“, weil sie tief erfüllt ist von träumender Erinnerung und hoffnungsvollem Neuanfang: Der Morgen als eine Zeit, in der sich Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges in besonderer Weise verschränken. Und es lohnt sich, diesen Psalms außerhalb der Psalmen einmal in seiner ganzen Tiefe und Schönheit zu lesen (Lk 1,68-79).

Der erste Teil des Gesangs (V. 67-75) wird bestimmt vom Gedanken der Kontinuität: David, die Väter, der Heilige Bund, Eid, Abraham. Das Evangelium Jesu Christi ist tief und fest verankert in der Geschichte des Volkes Israel. Zugleich wird in den Versen eine Sprache des Kampfes gesprochen: Es geht um „hassen“ und „Feinde“, um Heil in kontrafaktischen Zeiten.
Erst im zweiten Teil (V. 76-79) kommt dann das Kind ins Spiel, das Zacharias in seinem Alter unbegreiflicher Weise geboren werden soll. Johannes, der Täufer. Nach der Bindung „zurück“ nun der Verweis „voraus“. Alles, was von ihm gesagt wird, ist wie der lang ausgestreckte Zeigefinger bei Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar – ausgerichtet auf Christus: Er wird Wegbereiter sein, Prophet, Vermittler von Licht und Erkenntnis. Und immer wieder geht es um den „Weg“. Die Geschichte Jesu Christi – verfasst als ein „road-movie“ über den „Weg des Friedens“. Und wir als Leser/innen folgen ihm nach, wenn wir das Evangelium lesen.
In den letzten Lied-Versen schließlich klingt die „morgendliche Theologie“ am intensivsten an. In einem wahren Reigen an Bildern: „die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

Licht bricht an – die Nacht vergeht – ein neuer Weg beginnt: Das meint Advent.

Zacharias durchlebt als Priester exemplarisch, was der Beginn dieses neuen Weges für das Volk Israel konkret im Leben eines Einzelnen bedeutet. Vielleicht noch mehr als sein rigoristischer Sohn kann der zweifelnde, schweigende und schließlich singende Zacharias so Wegbereiter für Christus in unseren Tagen sein. Als Pendant zu Thomas ein „Zweifler der Adventszeit“, in dem meine eigenen adventlichen Ambivalenzen Raum haben und der mich als Übergangsfigur in den Zeiten des anbrechenden „Lichts aus der Höhe“ begleitet.

Zacharias’ Zweifel

Als der alte Priester dreister Weise
an den Worten Gabriels zweifelte,
war dieser „not amused“.
Erzengel sind nicht gewohnt zu diskutieren.
So machte er den Zweifler selbst zum Zeichen:
Ohne Worte, weil er Worten nicht glaubte.
Umso schöner klang sein Gesang,
als mit seinem Sohn auch seine Stimme wiederkam.
So schön und überzeugend,
dass selbst Erzengel von seinen Zweifeln etwas lernen konnten. (TL)

Theologische Impulse 78, von Dr. Thorsten Latzel

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