Digitalisierung: Ethisches Handeln gelingt nur im Dialog

16. August 2018 von Manfred Rekowski

Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter

Eine Kirche als Zentrum für Digitalisierung? Die ehemalige Aachener Kirche St. Elisabeth ist als Digital Church der Standort des digitalHUB Aachen mit Co-Working-Space für Start-ups, Mittelstand und Industrie. Gleichzeitig ist der digitalHub aber auch Begegnungs- und Veranstaltungsstätte für Events und Kulturveranstaltungen. Bemerkenswert finde ich, in welcher Weise in Aachen nun ein  Kirchengebäude zu einem Ort für kreative Ideen, Innovationen und vernetztes Arbeiten – weniger im technischen Sinne, als vielmehr in der konkreten Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure – umgewandelt wurde. Ganz wichtig: Die Digital Church ist dabei auch ein Ort, wo über die ethischen Dimensionen der Digitalisierung nachgedacht und diskutiert wird.

Start-ups als Beispiel

Mir war es bei meinem Besuch in Aachen wichtig, Menschen zu treffen, die die Digitalisierung in unserer Gesellschaft vorantreiben. In uns vorgestellten Projekten einiger Start-up-Unternehmen zeigte sich sehr anschaulich, was Digitalisierung für den Bereich der Arbeitswelt zukünftig bedeuten kann. Über die damit verbundenen Chancen und Risiken sowie die gesellschaftlichen Konsequenzen müssen wir als Kirche intensiv nachdenken. Das geht nur im Dialog. Wir bringen unser christliches Menschenbild als Grundlage in die ethische Diskussion ein, gleichzeitig können wir aber auch von Start-ups lernen. Sie identifizieren ein Chance, entwickeln eine Lösung für eine konkrete Anforderung. Das Projekt wird schnell umgesetzt, mit Erfolg – oder man scheitert mit seiner Idee am Markt. Start-ups sind agile Unternehmen, sie müssen sich bewähren und schnell anpassen. Auch wenn wir als Kirche nicht nahe am Markt, sondern nahe bei den Menschen sein wollen, können wir vom agilen Vorgehen der Start-ups auch für unsere Organisationsstruktur lernen. Innovative Projekte schnell ausprobieren. Wenn sie sich durchsetzen, kann man sie verallgemeinern. Oder man gibt sie auf, wenn die Projektidee sich in der Praxis als untauglich herausstellt.

Social Entrepreneurship

Digitalisierung ist ein Querschnittsthema. Der digitalHUB ermöglicht Verknüpfungen und Vernetzungen in die verschiedenen Bereiche. Es geht dabei nicht nur um Wirtschaft, sondern auch darum, durch Unternehmertum soziale Verantwortung zu übernehmen. Solche  Social Entrepreneurship setzen Studierende vom Verein Enactus Aachen  e.V.  um. Sie setzen soziale Projekte, die sich jeweils an den UN-Entwicklungszielen von Nachhaltigkeit und soziale Orientierung ausrichten, wie ein Start-up auf und setzen dieses konsequent unternehmerisch um. So stellen sie über einen Businessplan sicher ist, dass diese sozialen Projekte auch ohne Spenden auskommen. Dies hat mich außerordentlich beeindruckt, so bleibt es nicht nur bei Ideen, sondern es wird tatsächlich in einem Projekt in Ruanda aus Bioabfall Kohle hergestellt und in Madagaskar wird die Lebenssituation der Menschen durch die Zucht von Algen als ergänzende Ernährung und Gewinnung von Schwamm als zusätzliche Einnahmequelle deutlich verbessert.

Ethisches Handeln als Verbraucher

Digitalisierung verändert unsere Wirtschaft und Gesellschaft stark. Dies führt zu neuen ethischen Fragen. Als Verbraucherinnen und Verbraucher haben wir mittlerweile bei vielen Produkten die Wahl, uns auch bei Kaufentscheidungen ethisch zu orientieren. Fair-trade Bananen oder Bio-Eier finden sich im Supermarkt, aber wie wähle ich bei digitalen Dienstleistungen und Produkten aus? Vielleicht brauchen wir Siegel, die hier Orientierung geben.

Oft sind Sachverhalte auch so komplex, dass eine ethische Bewertung schwierig ist. Schwierig wird es, wenn einzelne digitale Plattformen so stark sind, dass sie quasi ein Monopol haben. Die im Internet verbreitete Kostenlos-Mentalität führt nicht zu ethischen digitalen Dienstleitungen. Hier müssen wir auch als Verbraucherinnen und Verbraucher die Bereitschaft haben, für Dienste ein angemessenes Entgelt zu bezahlen. Auf jeden Fall müssen wir als Kirche uns für die Vermittlung von Medienkompetenz einsetzen und den ethischen Diskurs weiterführen.

Neue Chancen im Arbeitsleben

Werden Maschinen den Menschen vollständig  ersetzen? Rationalisierung im Arbeitsleben hat es bereits vor der Digitalisierung gegeben. Bei meinen Gesprächen im digitalHub konnte ich mit dem Entwicklern einer digitalen Datenbrille sprechen. Ganz wichtig war bei der Entwicklung die Akzeptanz bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die mit solchen Brillen arbeiten. So wurde darauf geachtet, dass die digital eingeblendete Information nicht zentral im Blickfeld ist und der Nutzer oder die Nutzerin selber entscheiden können, wann sie die Zusatzinformation wahrnehmen. Gegenüber bisherigen sprachgesteuerten Systemen für die Lagerhaltung hat die mir vorgestellte Datenbrille den Vorteil, dass nun deutlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund die Qualifizierung erfolgreich durchlaufen, da Information grafisch und nicht sprachlich auf Deutsch ausgegeben wird. Am Gespräch nahmen auch Vertreterinnen einer diakonischen Beschäftigungsgesellschaft teil. Es hat mich gefreut, dass Qualifizierung für junge Erwachsene auch den Erwerb digitaler Kompetenzen umfasst. Den technischen Fortschritt werden wir nicht aufhalten können, es geht darum, diesen zu gestalten und Unternehmerinnen und Unternehmer zu stärken, die sich bewusst ethisch verhalten wollen. Wenn mir ein Digital-Unternehmer sagt, „es ist unternehmerische Aufgabe, dass wir den Menschen nicht in einen Wettbewerb mit Maschinen stellen“, ist das eine gute Basis für den weiteren Dialog.

Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
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Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
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Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter
Digital Hub Aachen, Foto: Andreas Schmitter

2 Antworten auf „Digitalisierung: Ethisches Handeln gelingt nur im Dialog“

  1. Elysée heißt übersetzt: Paradies.
    Das habe ich schnell mal gegoogelt, weil das Laptop näher ist als das Wörterbuch aus der Schulzeit.

    Das alte Kirchengebäude wollte durch seine Raumbildung Gott huldigen, war allein spendenfinanziert und für die Gemeinschaft errichtet.

    Die neue Nutzung hier beschränkt seine Einrichtung allenfalls bodennah im alten Raum. Die Aufmerksamkeit der Menschen richtet sich auf kleine individuelle Bildschirme als Gucklöcher in die virtuelle Welt. Diese sind wie im billigen Internetcafe in Holzverschlägen versteckt und vereinzelt.
    Und weil das Internet so anstrengend ist für die Menschen, sind direkt daneben Sofas, Liegestühle und eine Bar aufgebaut, im ehemaligen Altarraum.
    Einzelne neue große Plakate sind analog, gleichsam beruhigend.

    Ich bin nicht gegen Innovationen, aber … .
    ich liebe Transparenz und Ehrlichkeit.

  2. Herr Präses, Sie wollen eine Lanze brechen? Warum?

    Die Digitalisierung ist noch durchgreifender als die Industrialisierung vor 170 Jahren, an die wir uns auch gewöhnt hatten, hier in der Ersten Welt, die wir ja die Profiteure sind.
    Gleichzeitig gründeten sich die Gewerkschaften, damit wenigstens innerhalb der Ersten Welt die soziale Schere nicht auseinanderbricht.

    Wo ist die regulierende Instanz der Digitalisierung heute? Im Verbraucherschutz-Ministerium? Oder in den EDV-Seniorenkursen in der VHS? Oder in dieser Kirche mit Sofas, die sofort viel Miete bringt?

    Digitalisierung ist ein Spielzeug, das sehr viel Zeit und Resourcen braucht.

    Am Ende werden wir sinnentleert! Wozu?
    Und die anderen werden noch mehr hungern.

    Diese Entwicklung ist allenfalls sinnvoll für die Suche nach einer zweiten Erde, kurz bevor wir unsere heutige Erde ganz verbraucht haben.

    Umkehr wäre hier der Fortschritt! Bitte !!!

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