Gedenken heißt, der Wahrheit ins Auge zu sehen

25. Januar 2020 von Manfred Rekowski

Wie fühlt es sich an, wenn Freunde einen verraten? Der 18-jährigen Melis aus Essen gehen diese Gedanken durch den Kopf, wenn sie an das Konzentrationslager Auschwitz denkt. Vor anderthalb Jahren war sie mit einer Gruppe der Evangelischen Jugend Essen und der Alevitischen Jugend Essen zu einer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz und Krakau aufgebrochen. Sie kann nicht begreifen, dass einer einen anderen anzeigt: „Der Nachbar ist ein Jude, sperrt den weg“, wie Melis sich ausdrückt. Der Besuch hat bei ihr Traurigkeit und vor allem Wut ausgelöst. Es sei eine merkwürdige Erfahrung, „Wut zu verspüren auf Menschen, die man gar nicht kennt – nur für die Tat, die sie getan haben“.

Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945 befreien Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Doch der Holocaust-Gedenktag ist kein Tag wie jeder andere. Er weist geradewegs in die Gegenwart: Es ist alarmierend, wie weit sich judenfeindliches Denken bei uns wieder verbreitet und auch vor Angriffen auf Menschen und Synagogen nicht zurückschreckt. Gedenken heißt, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Nur so kann die Erinnerung an das Vergangene uns heute zur Orientierung werden.

Auch der 26-jährige Marvin hat an der Gedenkstättenfahrt der Essener Jugendlichen teilgenommen. Er hatte dem Zeitzeugen Sally Perel bei einem Besuch in seiner Schule versprochen, die Erinnerungskultur niemals aufzugeben. Sein Leben hat sich danach verändert. „Man hat einen offeneren Blick bekommen für das, was gegenwärtig passiert“, sagt er im Video.

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