Mein Glaube: beständig – neu

24. Mai 2019 von Manfred Rekowski

21 Menschen - 21 Momentaufnahmen - 21 Möglichkeiten zu glauben
Buch: „21 Menschen – 21 Momentaufnahmen – 21 Möglichkeiten zu glauben“ mit einem Beitrag von Präses Manfred Rekowski

Als Pfarrer bin ich für viele offenkundig ein „Berufschrist“, der in Predigten das sagt, was man von einem (bezahlten) Mitarbeiter der Kirche erwarten kann. Und in meiner Funktion als leitender Geistlicher, als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, werde ich zwar häufig nach meiner theologischen Haltung und Einschätzung gefragt, seltener nach meinem persönlichen Glauben. Und in der Tat: Theologisch zu argumentieren ist Alltagsgeschäft, aber persönlich und zugleich öffentlich vom eigenen Glauben zu reden, ist sehr viel herausfordernder. Deshalb nun Gedanken eines Überzeugungstäters zu dem, was und wie ich persönlich glaube.

Es ist viel geschehen, bis aus dem Glauben von Menschen, die in meiner Kindheit und Jugend zu meinem Leben gehörten, mein eigener Glaube entstand. Von klein auf gab es in meiner Familie Rituale, wie Abendlieder („Breit aus die Flügel beide…“) und Gebete, die mir ein starkes Gefühl von Geborgenheit, ja, ein Grundvertrauen zum Leben, vermittelten. Dafür bin ich sehr dankbar.

Aber es gab auch das folgende Lied, das meine Mutter mit uns Kindern sang: „Pass auf, kleines Auge, was du siehst! (…) Denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich, drum pass auf, kleines Auge, was du siehst!“ Ich habe das Lied als Kind gern gesungen. Und doch war und ist es ein schwieriges Lied. Es hat auf mich immer auch so gewirkt, als sei Gott der Verbündete meiner Eltern bei ihren Erziehungsbemühungen; sozusagen eine Arbeitsgemeinschaft mit maximaler Reichweite. Und auch wenn ich mich außerhalb der Sichtweite und Interventionsmöglichkeiten meiner Eltern bewegte, war da Gott, der nicht nur aufpasste, sondern kontrollierte und so Wohlverhalten erzwang. Vermutlich ist es kein Zufall, dass mir ausgerechnet dieses Lied einfällt, wenn ich von meinem Glauben erzähle.

Mir begegnete aber in Kindheit und Jugend auch ein Glaube, der offenkundig verteidigt werden musste: nicht fragen – nicht zweifeln, weil sonst der Glaube ins Wanken kommen könnte. Das Leben und die Welt wurden so verstanden, als seien sie grundsätzlich eine Infragestellung oder Bedrohung des Glaubens. Profane Musik, Literatur, Filme wurden äußerst kritisch beäugt und oft zum Tabu erklärt. Ein lebensbejahender Glaube sieht anders aus. In Verbindung mit einer stark ritualisierten Frömmigkeitspraxis in Hochdosierung war diese Form des Glaubens für mich als Heranwachsendem weder attraktiv noch Mut machend. Eigentlich ist es für mich fast ein Wunder, dass der christliche Glaube mir als Jugendlichem dennoch zur Lebenshilfe wurde und bis heute blieb.

Rückblickend glaube ich, dass meine Jugendzeit für die Entwicklung meines Glaubens die prägende Phase meines Lebens war. In dieser Phase der Unsicherheit bewegten mich Fragen wie diese: Welchen Beruf werde ich ergreifen? Mit wem werde ich durchs Leben gehen? Wo werde ich meine Zelte aufschlagen? Worte der Bibel erwiesen sich dabei für mich immer wieder ganz unmittelbar als Zuspruch und Anspruch. Ich denke zum Beispiel an Psalm 73,23-24: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an“. Dieses „Dennoch“ ist für mich seither so etwas wie das kürzeste Glaubensbekenntnis: Trotz alledem! Ähnlich höre ich die Worte aus der Geschichte vom Tod des Lazarus, in der Martha an Jesus gerichtet formuliert: „Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.“ (Johannes 11,22) Aus diesen Worten der Bibel lasse ich mir immer wieder sagen: Ich habe von Gott noch viel zu erwarten. Und die Frage aus Römer 8,35 „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?“ höre ich für mich persönlich so: Kein Gedanke, keine Frage, keine Tat kann mich von Gott trennen.

Im Laufe meines Lebens wurden mir wortkarge oder stille Gebete eben- so wie Gebete anderer, deren Worte ich mir gewissermaßen ausleihe, immer wichtiger.

Ein Gebet von Jörg Zink begleitet mich schon seit vielen Jahrzehnten. Es bestimmt meine Haltung und Einstellung zum Leben mit den vielen offenen Fragen und dem Bruchstückhaften:

Alle ungelösten Fragen, alle Mühe mit mir selbst, alle verkrampften Hoffnungen lasse ich los.

Ich gebe es auf, gegen verschlossene Türen zu rennen, und warte auf dich. Du wirst sie öffnen.

Ich lasse mich dir. Ich gehöre dir, Gott.

Du hast mich in deiner guten Hand. Ich danke dir.

(aus: Jörg Zink, Wie wir beten können. © 2015 Verlag Kreuz in der Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br., S. 189)

Der Glaube, den ich in meiner Kindheit kennengelernt habe, bestand vielfach aus einem Für-wahr-Halten von Glaubensinhalten. Es kam darauf an, die Worte der Bibel wörtlich zu verstehen. Auch wenn die biblische Tradition sagt, der Buchstabe töte, der Geist aber mache lebendig (2. Korinther 3,6), begegnete mir vielfach ein Buchstaben- und Textglaube, dem fast jede Lebendigkeit abging. Erst später habe ich gelernt, was es bedeutet, dass „das Wort Fleisch ward“ (Johannes 1,14), also dass Gott Mensch wurde. Ich glaube seither, Gottes Wort begegnet uns in Menschenworten. Menschenworte werden mir immer wieder – nicht zuletzt auch mit Predigten, Liedern und Gebeten – zu einem auch mich unmittelbar ansprechenden, mich in Bewegung setzenden, mich berührenden Wort Gottes.

In meinem Studium habe ich viel gelernt über die historischen Kontexte, in denen biblische Texte entstanden sind. Textpassagen haben sich vielfach weiterentwickelt, wurden ergänzt, präzisiert und manchmal auch aufgrund veränderter Lebensumstände anders akzentuiert. Ich habe gelernt, dass das Wort Gottes nichts Statisches ist, sondern dass es von glaubenden Menschen jeweils in ihrer Zeit und Welt situations- und kontextgemäß ausgelegt und interpretiert wird. In der Bibel überliefern uns unsere Mütter und Väter im Glauben von ihren Erfahrungen mit Gott. Das Wort wird Menschen als Zuspruch und Anspruch gesagt. Das Wort ist wie der Glaube: beständig neu.

In der Bibel faszinierten mich weniger theologische Gedankengebäude als vielmehr Geschichten. Geschichten, die beispielsweise sehr anschaulich Begegnungen Jesu mit unterschiedlichsten Menschen schilderten: Jesus hat keine Berührungsängste: ob es um einen notorischen Betrüger geht, um die Frau mit dem schlechten Ruf, die nervenden Kinder oder die fremde und aufdringliche Frau, stets geht er auf Menschen zu. Er geht denen nach, die sich von ihm abwandten. Er gibt niemanden auf. Er gibt jedem eine zweite Chance. Er liebt das Leben und lebt die Liebe. Er fördert das Lebendige. Er lebt unser Leben und stirbt unseren Tod. Er bestätigt nicht einfach das, was im Gang ist, sondern korrigiert, ruft zurecht. Er hat auch das letzte Wort über mich und mein Leben und es wird lauten: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Ich glaube: So ist Gott. So begegnet er mir im Alltag meines Lebens und so werde ich nach meinem Tod bei ihm geborgen sein. Denn von seiner Liebe trennt mich nichts.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Segnen heißt: die Hand auf etwas legen und sagen: Du gehörst trotz allem zu Gott.“ So gehe ich, trotz allem, immer wieder voller Zuversicht und Gottvertrauen in den Alltag meines Lebens. Der im Gottesdienst empfangene Segen, die dort erfahrene Gemeinschaft und das Vertrauen auf Gottes Verheißungen stärken mich für meinen Alltag. Gottesdienst ist für mich daher ganz konkret spürbar als Gottes Dienst an mir, für mich.

Mittlerweile bin ich 60 Jahre alt. Bei allem Auf und Ab, das auch zu meinem Leben gehört, lebe ich ein Leben, das bisher frei von Katastrophen war. Trotz einer nicht ganz einfachen Ausgangslage (meine Familie und ich waren Spätaussiedler) haben sich mir immer wieder viele Türen aufgetan. Zu meinem Leben gehört eine Familie, die mich beglückt, und Menschen, die mein Leben bereichern. Ich kann für dieses Leben nur von Herzen „Gott sei Dank!“ sagen.

Vor einigen Monaten wurde bei mir eine chronische Krankheit diagnostiziert. Und auch wenn die Prognosen von Anfang an sehr positiv klangen und sich inzwischen erfreuliche Behandlungsfortschritte ergeben haben, rückte mir der Gedanke an meine beschränkte Lebenszeit plötzlich sehr nahe. Wie viel Lebenszeit mir geschenkt wird, weiß ich nicht. Ich lebe gerne und möchte mit den Menschen, die zu meinem Leben gehören, noch viel Zeit teilen. Als Gemeindepfarrer gehörte es regel- mäßig zu meinen Aufgaben, Menschen zu beerdigen. Ich habe es mir angewöhnt, nach der Beisetzung so lange am Grab stehen zu bleiben, bis der letzte Abschied genommen hat. Oft bin ich dann noch einmal an das offene Grab gegangen, habe einen Augenblick innegehalten und still ge- betet: Gott, hilf mir so zu leben, dass ich getrost sterben kann. Heute bete ich immer wieder ganz bewusst mit den Worten von Jörg Zink: „Ich bitte dich nicht, mir mehr Zeit zu geben. Ich bitte dich aber um viel Gelassenheit, jede Stunde zu füllen.“

„Dein Reich komme!“ Diesen Satz beten wir im Vaterunser. Die bestehenden Verhältnisse, die Menschen ums Leben bringen, sind nicht alternativlos. Gott wird die Welt erneuern nach seiner Verheißung. Unsere Bibel mündet in den sehnsüchtigen und ungeduldigen Ausblick auf den neuen Himmel und die neue Erde. Mein Glaube ist für mich daher immer wieder auch Ermutigung und Antrieb, für eine Erneuerung der Welt auch schon hier und jetzt einzutreten.


Dieser Blogpost stammt aus dem Buch 21 Menschen – 21 Momentaufnahmen – 21 Möglichkeiten zu glauben, hg. von Daniel Schneider, 1. Auflage 2019, 144 Seiten, ISBN 978-3-7615-6608-4, beim Neukirchener Verlag für € 9,99 zzgl. Versandkosten zu bestellen.

Zum Buch: Wie viele Gründe gibt es eigentlich, an Gott zu glauben? Mindestens 21! Das beweisen diese 21 Menschen, die in kurzen Geschichten lebendig, spannend und authentisch von ihrem Glauben an Gott sprechen: vom bewegenden Schlüsselmoment oder vom langsamen Hereinwachsen, vom bewussten Suchen oder vom plötzlichen Finden.

Mit Beiträgen von: Hanna Buiting, Stefan Jung, Chris Pahl, Holger Pyka, Conny Schröder, Fabian Vogt, Thomas Enns, Jonnes, Martin Nowak, Marco Michalzik, Bettina Förster, Jürgen Werth, Sigrid Röseler, Lisa Kielbassa, Thorsten Riewesell, Okko Herlyn, Mira Ungewitter, Manfred Rekowski, Maja Gille, Julia Garschagen

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