Protestantisch leben in der Pandemie – Eine geistliche Alternative zu Querdenkerei

8.5.2021

Thorsten Latzel

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war. Das ist eine harte Erfahrung aus der Corona-Zeit. Am Anfang habe ich noch oft gehört: „Wir verschieben ...

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war.

Das ist eine harte Erfahrung aus der Corona-Zeit. Am Anfang habe ich noch oft gehört: „Wir verschieben das einfach.“ Sechs Monate nach hinten. Um ein Jahr. Auf irgendwann nach der Pandemie. Wie bei einem Film: kurz auf Pause drücken und dann – nach Corona – weiterschauen. Das Versäumte später nachholen. Doch das geht nicht. Weil das Leben keine Pausetaste hat. Es lässt sich nicht anhalten. Die Zeit ist zu lang geworden und zu viel ist geschehen.

– Für das kleine Restaurant am Markt war der Druck zu groß. Der Besitzer ist ausgebremst: von einer 60 Stunden-Woche auf null.

– Ihren Schulabschluss wird unsere Tochter nicht mehr nachfeiern. Ihren 18. hat sie noch gefeiert – corona-konform mit genau einer Freundin.

– Und viel zu viele Menschen, von denen wir Abschied nehmen mussten.

Die Erfahrungen aus den Corona-Monaten werden bleiben. Manche positive, aber vor allem Schulden, Wunden und Verletzungen.

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war.

Das ist auch die Erfahrung, aus der die Bibel entstanden ist. Die Bücher des Alten Testaments, die Heiligen Schriften des Volkes Israel, wurden geschrieben, gesammelt nach dem tiefen Einschnitt des Exils. Auch nach der Rückkehr ins verheißene Land war es nicht wieder wie zuvor. Die Zeit dehnte sich und viele Erwartungen erfüllten sich nicht. Jerusalem und der Tempel blieben lange zerstört. Die verwüsteten Orte wurden nicht auf einmal zu grünen Gärten.

Die Bücher des Neuen Testaments wurden geschrieben, gesammelt nach dem tiefen Einschnitt von Tod und Auferstehung Christi. Das Kommen Christi und sein Reich ließen auf sich warten. Die Zeit dehnte sich und viele Erwartungen erfüllten sich nicht. Kommt er morgen, nächste Woche, nächstes Jahr, überhaupt einmal? Viele Glaubende starben, unter ihnen alle, die ihn noch mit eigenen Augen gesehen hatten. Die Gemeinden wuchsen, aber auch die Spaltungen nach innen und die Verfolgung von außen.

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war.

Damals suchten Menschen Antworten, um Gott und sich selbst zu verstehen. Sie setzen sich hin und schrieben auf, woran sie glaubten. Sammelten Texte, die ihnen Halt und Hoffnung gaben. Durch die sie Gottes Geist erfuhren. Worte, die ihren Glauben durch die Zeiten trugen.

Tragfähige Worte: Was hilft uns, uns zu verstehen, da auch unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Kirche nicht mehr so sein werden, wie sie einmal waren? Ein Schlüsseltext dafür ist in dieser Woche vor Rogate das Vaterunser. Das Gebet Jesu Christi lehrt uns, was es heißt, im wahrsten Sinne des Wortes „protestantisch“ zu leben – mitten in der Pandemie. Eine Anrede, sieben Bitten und ein hymnischer Schluss. Mehr nicht. Kurze, knappe Sätze, die mein Denken und Handeln neu ausrichten. Druck-Punkte für meine Seele. Sie versetzen mich heraus aus sorgenvoller Starre hinein in heilsame Bewegung.

Zunächst die Anrede. „Vater unser im Himmel“ – wir glauben, dass es mehr gibt, als es gibt. Mehr als Viren, Naturgesetze. Mehr als das, was Menschen machen. Wir glauben, dass es einen Himmel gibt. Und einen Gott, der uns hört. Dass wir durch Gott mit allen Geschöpfen als Geschwister verbunden sind. Mit Menschen, Tieren, Pflanzen. Das verleiht meinem Leben Weite und Heimat: Ich bin nicht allein. Bin geborgen in Gott. Das ist die erste Bewegung: Meine Seele weitet sich, spürt den Himmel in sich. Sie kommt zur Ruhe, findet Heimat in Gott als Schöpfer allen Lebens.

Dann die Bitten. Drei Bitten mit „Dein“, vier Bitten mit „unser“. Die zweite Bewegung meiner Seele. Raus aus der Sorge um mich selbst, der selbstfixierten Nabelschau. Hin zum „Du“ und zum „Wir“. Zur Begegnung mit Gott und zur Gemeinschaft mit allen anderen.

– „Geheiligt werde dein Name“. Uns ist etwas heilig. Nicht unser eigener Ruf. Nicht der unserer Kirche. Sondern der Name Gottes. Und durch ihn der Name eines jeden Menschen. Wir heiligen Gottes Namen, indem wir den Namen jedes Menschen heiligen. Den Namen unseres Nachbarn, dessen Verhalten uns in der Pandemie ärgert. Von Politiker/innen, Lehrer/innen und überhaupt „denen da oben“, deren Job wir vermeintlich so viel besser machen könnten: Ihr Name ist uns heilig. Wir muten einander Wahrheit zu. Aber wir machen andere nicht schlecht.

– „Dein Reich komme.“ Gottes Reich erfahren wir, wo immer Menschen sich um andere kümmern. Erschöpften helfen. Traurige trösten. Mit anderen teilen. Diese Liebesreich Gottes bestimmt auch uns. Uns ist niemand egal. Weil uns in jedem anderen Christus begegnet. So geschieht Gottes Liebeswille unter uns – „im Himmel wie auf Erden.“

– „Unser tägliches Brot gib uns heute“ – Während Corona erfahre ich: Mein normaler Alltag ist eine Gabe, ein Geschenk. „Mein tägliches Brot“: ein Lächeln in der Straßenbahn, die Kaffee-Runde mit den Kolleg/innen, der Besuch im Kino und Stadion, mich mit Freunden treffen. Für viele Menschen war manches davon auch vor Corona keineswegs normal. Ich lerne neu den Wert des Alltags. Bin beschenkt, wenn ich‘s oft nicht merke.

– Und ja, wir haben einander viel zu vergeben. Andere mir und ich anderen. Im Nachhinein würde man sicher vieles anders machen. Ich auch. Auch diese Pandemie verleitet dazu, nach Schuldigen zu suchen. Irgendwelchen Irrsinn zu glauben: „und führe uns nicht in Versuchung.“ Zu unserem Glauben gehört: Wir werden nicht von außen bestimmt. Weder durch Viren noch durch Schuld noch Verschwörungsphantasien. Uns bestimmt Gottes Liebe. Sie macht uns frei, mit anderen daran zu arbeiten, wie es nach der Pandemie sein wird. Wenn wir von diesem „Bösen“ erlöst sind.

Am Ende des Vaterunsers dann der hymnische Schluss. Viele schwere Begriffe auf wenig Raum: Reich, Kraft, Herrlichkeit, Ewigkeit. Damit kann ich, ehrlich gesagt, oft ziemlich wenig anfangen. Ich bin nicht so der hymnische Typ. In den letzten Monaten sind sie mir aber anders wichtig geworden. Sie beschreiben eine dritte Bewegung meiner Seele. Meine Seele öffnet sich für Gottes Wirklichkeit: Sie geht aus sich heraus, verlässt sich auf Gott, rechnet mit seinem Wirken. Oder kurz gesagt: Sie hofft. Darum geht es im Hymnus: um Hoffnung. Ich lobe Gott und mache mir selbst bewusst: Es wird am Ende gut werden. Weil Gott regiert. Weil Gott die Kraft hat, zu retten. Das ist seine Form der Herrlichkeit: für andere da zu sein. Immerdar.

Protestantisch leben – mitten in der Pandemie. Das ist ziemlich exakt das Gegenteil von Querdenkerei. Es geht um Trost und Trotz des Glaubens. Eine tiefe, innere Widerständigkeit aus Gott.

Es wird nicht wieder werden, wie es einmal war. Das ist die eine Seite der Wahrheit. Die andere ist: „Gottes Reich kommt.“ Deswegen: Seid trotzig und getrost. Seid füreinander da. Und lasst uns so aus Gottes Liebe leben. Das schenke uns Gott.

 


Theologische Impulse (89) von Dr. Thorsten Latzel, Präses

Bild: plenio auf www.pixabay.com

Weitere Texte: www.glauben-denken.de

Als Bücher: https://praesesblog.ekir.de/inhalt/theologische-impulse-als-buecher/

Kontakt: praeses@ekir.de

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