Reformation vor der Reformation

31. Oktober 2014 von Barbara Rudolph

Das Haus ist erst 50 Jahre alt, aber es hat eine 600 Jahre alte Geschichte: die Bethlehemskapelle in Prag. Sie ist während der sozialistischen Zeit in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wieder aufgebaut worden. Den Grundstein legten die Prager aber vor 600 Jahren.

Als Präses Manfred Rekowski und ich am 12. Oktober die Bethlehemskapelle im Zentrum Prags betreten, ist sie proppevoll und bis auf den letzten Sitzplatz besetzt. Staatliches Fernsehen ist da, Kulturminister und bekannte Musikgruppen des Landes.

Unser Blick fällt auf einen kleinen Balkon weit oben über den Sitzplätzen. Dort hat vor 600 Jahren Jan Hus gepredigt, in der Landessprache, in Tschechisch. Das war neu und etwas Besonders: kein Latein sondern Worte, die alle verstehen.

Die Bethlehemskapelle war vor 600 Jahren auch proppevoll – jedes Mal, wenn Jan Hus predigte. Das waren keine lieblichen Reden, sondern scharfe Kritik an den Pfarrern, den Mönchen, dem Ablasshandel, dem Verfall von Sitte und Moral unter den Amtsträgern. Jan Hus wurde unbequem, 1415 wurde er in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Bei seinem Tod soll er gesagt haben: Heute bratet ihr eine Gans (Hus auf Tschechisch heißt Gans), aber in hundert Jahren wird ein Schwan auferstehen. 100 Jahre später predigt ein anderer in der Landessprache: Martin Luther in Witttenberg. Auf manchen Bildern sieht man neben dem predigenden Luther einen Schwan: Erinnerung an den Reformator Jan Hus – 100 Jahre vor der Reformation.

Präses Rekowski und ich sind in Prag im Oktober 2014, um ein Jubiläum zu feiern. Im Mittelpunkt steht diesmal nicht der Balkon, von dem Jan Hus gepredigt hat, sondern der Abendmahlstisch. Die Böhmischen Brüder, so nennt sich die Reformbewegung vor 600 Jahren, haben 1414 zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Brot und Wein auf dem Abendmahlstisch stehen. Beides wird allen in der Bethlehemskapelle gereicht. Lange Zeit war es üblich, dem Volk nur Brot und nicht den Wein zu geben. Doch die Böhmischen Brüder kehren zurück zu der biblischen Tradition und reichen das Abendmahl „in beiderlei Gestalt“.

Was ist das Besondere daran? Zum einen stellen die Böhmischen Brüder das, was in der Bibel steht, über die Tradition. Luther wird 100 Jahre später ähnlich argumentieren. Zum anderen ist der „Kelch für alle“ eine Revolution: Männer und Frauen, Laien und Priester, Gebildete und Leute von der Straße – alle bilden zusammen eine Gemeinde, keine Privilegien für die einen, keine Missachtung der anderen. Das Wahrzeichen der Böhmischen Brüder ist bis heute die Bibel und der Kelch.

Die Reformation vor der Reformation zeigt uns, als wir Gottesdienst feiern: der 31. Oktober 1517 hat eine lange Vorgeschichte. Heute ist die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder eine der Partnerkirchen, mit der die Evangelische Kirche im Rheinland eng verbunden ist.

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