Sehen-Können und Nicht-immer-sehen-Müssen. Von der Gnade der Kurzsichtigkeit

18.4.2020

Thorsten Latzel

Das Allererste, was Gott schuf, war das Licht. So erzählt es die Bibel im ersten Schöpfungsbericht – und das interessanterweise sogar noch, bevor es Sonne, ...

Das Allererste, was Gott schuf, war das Licht. So erzählt es die Bibel im ersten Schöpfungsbericht – und das interessanterweise sogar noch, bevor es Sonne, Mond und Sterne gab: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ (1. Mose 1, 3–5) Es ist die erste Schöpfungsgabe Gottes, dass wir sehen können. Das Licht. Und dass wir nicht immer sehen müssen. Die Finsternis. Sehen können und nicht immer sehen müssen, beides ist für den Glauben eine Gabe Gottes.

Unter allen Sinnen des Menschen hat das Sehen eine besondere Stellung. Es ist der erste und der letzte Sinn des Menschen. Wenn wir geboren werden, „erblicken wir das Licht der Welt“. Wenn wir sterben, „schließen wir die Augen“. Und selbst, wenn wir nicht sehen, bleiben dennoch Bilder in unserem Kopf und begleiten uns bis in unsere Träume.

Dabei tut es nicht gut, immer alles zu sehen. Besonders von Kindern kennt man das. Sie schützen sich selbst oder werden von anderen geschützt, damit Bilder von Gewalt und Grausamkeit nicht in ihre Seele dringen. „Schau da nicht hin!“ Und manchmal wünscht man sich selbst eine Hand vor den Augen, damit die Leiden in den täglichen Nachrichten nicht in einen eindringen. Die Bilder von Lastwagen mit Särgen aus Bergamo, von Kühlcontainern hinter Kliniken in New York, von katastrophalen Zuständen in Krankenhäusern Venezuelas, vom überfüllten und unterversorgten Flüchtlingslager Moria, von der durch die Pandemie dramatisch verschärften Situation in südafrikanischen Townships oder brasilianischen Favelas. Alles Bilder eines einzigen Corona-Brennpunkts. Wer nicht filtert, wird verrückt. Zur seelischen Gesundheit gehört die notwendige Empathie, die engagierte Teilhabe am Leid der anderen – und ein gerüttelt Maß Verdrängung. Die Frage ist, was das rechte Maß ist.

Von der vermeintlichen Gnade des Nicht-sehen-Müssens handelt der Text „Ihr glücklichen Augen“von Ingeborg Bachmann aus dem Jahr 1972. Es geht in der Geschichte um das Liebesleid Mirandas, zu Deutsch „die Bewundernswerte“, die stark kurzsichtig ist. Ihre Sehschwäche nutzt die Hauptperson als eine Form kreativer Wirklichkeitsausblendung. Man muss nicht immer alles sehen. Die gelben Zähne ihres Geliebten etwa oder die unschöne Tatsache, dass er sie betrügt. Um dies nicht wahrnehmen zu müssen, setzt sie einfach immer wieder die Brille ab. Dafür knallt sie dann gegen Glastüren und grüßt Laternenpfähle. Jede Ausblendung hat ihren Preis. Die Mainzer Künstlerin Lisa Weber hat die Idee von Bachmann aufgenommen in ihrer Videoinstallation „With a fading glance“ – mit einem verblassenden Blick, die 2017 im Rahmen einer Kunstinitiative der EKHN gezeigt wurde (www.ekhn-kunstinitiative.de). Ein Tag im Leben einer jungen Frau, die wie Miranda zwischenzeitlich immer wieder ihre Brille abnimmt. Die es immer wieder vorzieht, unscharf zu sehen.

Denn da gibt es die anderen. „Die Hölle, das sind die anderen“ (Jean-Paul Sartre). Ihre Freunde als eine Lastergruppe. In eindrücklichen Szenen stehen sie gleichsam für die Todsünden der Menschen. Etwa die Wollust – der Freund mit der Mütze, der gerade neben ihr aus dem Bett aufgestanden ist und dann gleich auf dem Sofa neben einer anderen sitzt. Oder die Trägheit – ein anderer Freund im Eselskostüm, der immer und überall schläft: zu Hause wie im Büro. Unklar bleibt dabei, was ihr eigener Anteil an dem Geschehenen und Gesehenen ist. Sehen ist ja immer auch ein interpretativer Akt. Wir haben niemals keine Brille auf. Wir sehen immer etwas „als etwas“. Und vielleicht ist das Nicht-so-genau-wahrhaben-Wollen, die Ignoranz gegenüber den Übeln und dem Leiden der Welt, eine Sünde anderer Art. Zum Schluss erfährt die junge Frau die harte Widerständigkeit der Wirklichkeit, als ihre „Freunde“ sie vor eine Glasscheibe laufen lassen, die sie vor ihr hochhalten. Inbegriff freundschaftlicher Infamie. Danach kehrt sie wieder in ihre Wohnung zurück und macht alle Lichter an, bis alles von einem hellen Licht überblendet wird.

Sehen hat etwas mit Nähe zu tun, mit meinem Bezug zur Welt. Wie viel Wirklichkeit lasse ich an mich heran? Was gehört zu meiner Nahwelt? Ich erinnere mich noch an das Gefühl, als ich selbst mit zwölf Jahren meine erste Brille wegen Kurzsichtigkeit bekam und alle Dinge, auch die Fernen, mir auf einmal so nahekamen. Geradezu aufdringlich. Vorher war alles, was weiter weg lag, wohl distinguiert verschwommen. Impressionistisch schön. Und plötzlich: Full-UHD-Auflösung. Doch wollte ich das wirklich von allem, was um mich herum zu sehen war, selbst von den Pickeln meiner Freunde? Die vielen Splitter in den Augen der anderen, wo mir meine eigenen Balken schon genügten?

Dabei habe ich nie verstanden, wieso der Begriff „kurzsichtig“ im Unterschied zu „weitsichtig“ so negativ besetzt ist. Nicht nur, dass bei Kurzsichtigen die Augenpartie so elegant schmal wird – etwas Slim-Fit für das Gesicht. Vor allem sind die Kurzsichtigen doch meist diejenigen, die genauer hinsehen, die Vielleser, die spüren, dass sie die Welt nie ganz sehen und verstehen. Und die deshalb noch einmal einen zweiten, dritten Blick brauchen. Insofern sind mir persönlich kurzsichtige Politiker mit dicken Brillen oft viel lieber als die allzu Weitsichtigen. Gerade im Umgang mit der Pandemie offenbart sich, wie intellektuell nackt viele Populisten in ihrer Weltsicht sind – leider oft auf Kosten vieler Menschen.

Die Gnade der Kurzsichtigkeit und das Leid des Sehens. Davon handelt auch eine besondere Heilungsgeschichte Jesu. „Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten einen Blinden zu Jesus und baten ihn, dass er ihn anrühre. Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: ‚Siehst du etwas?‘ Und er sah auf und sprach: ‚Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.‘ Danach legte er ihm abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, sodass er alles scharf sehen konnte. Und er schickte ihn heim und sagte: ‚Geh nicht hinein in das Dorf!‘“ (Markus 8, 22–26)

Eine Heilungsgeschichte mit archaischen Zügen: mit Wunder, Spucke und Handauflegen. Auch hier geht es ums Sehen, um Nähe zu anderen, um einen besonderen Zugang zur Wirklichkeit. Das Besondere an der Geschichte ist – neben dem Wunder – aber dieser merkwürdige Zwischenschritt. Dieser eigenartige Wortwechsel nach der ersten Handlung. „Was siehst du?“ „Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.“ Dabei geht es um mehr als einen zweiten Anlauf, weil es beim ersten Mal nicht ganz geklappt hat. Der Geheilte erhält vielmehr als „Kurzsichtiger“ einen eigenen, tiefen Einblick in den Menschen. Zu einem Baum gehört es, nicht gehen zu können. Wurzeln statt Wandeln machen sein Wesen aus. „Die Menschen als umherwandelnde Bäume“ – es ist ein Bild der tiefen existenziellen Entwurzelung: des Lebens in der Fremde, der Heimatlosigkeit, der Uneigentlichkeit. Der Kurzsichtige blickt hinein in die Tragik menschlichen Lebens. Dass wir letzten Endes nie zu Hause sind. Dass das Leben in all seiner Schönheit uns doch immer irgendwie fremd und fern und unbegreiflich bleibt. Und wie wir allzu leicht aus unseren vermeintlichen Sicherheiten gerissen werden können.

Dann, als der Geheilte „ganz zurechtgebracht“ ist und „alles scharf“ sieht, schickt Jesus ihn heim und gibt ihm interessanterweise einen wichtigen Hinweis mit auf dem Weg. „Geh nicht zurück in dein Dorf.“ Weil die anderen das eigentliche Wunder, dass er der Messias, der Christus ist, noch nicht begreifen können. Aber vor allem, um ihn, den Geheilten, zu schützen. „Sieh dir nicht alles gleich und auf einmal an. Schütze deine Augen, deine Seele, die Welt in dir vor der Welt, die in dich eindringt.“ Es ist gut, einander zu sehen. Nicht-Hinsehen wäre keine Alternative. Aber es ist eben auch nicht gut, immer alles zu sehen. Und es fällt nicht leicht, mit den vielen anderen umzugehen, die wie Bäume umherwandeln und einander allzu leicht bis tief an die Wurzeln verletzen.

Die Hölle – das bin ich selbst, eingekapselt in meine eigene Dunkelheit, getrennt von den anderen, wenn ich nichts sehe und kein Licht in mich zu dringen vermag. Aber die Hölle – das sind eben auch die anderen, wenn sie mir zu nahe kommen und mich in freundschaftlicher Infamie vor Glaswände laufen lassen. Die Gnade der Kurzsichtigkeit ist es, dies zu erkennen. Und das Leid des Sehens ist es, mit der Flut der zugemuteten Bilder umgehen zu müssen. Deshalb ist es nicht leicht zu verkraften, in einer oft leidvollen Welt von der eigenen Blindheit geheilt zu werden.

Zum Schluss ein kleines „optisches Glaubensbekenntnis“:

Ich glaube an Gott, Vater und Mutter alles Lebens, Schöpfer des Lichts,
der dem Dunkel das Finstere nimmt,
der unseren Augen das Licht des Tages schenkt und die Ruhe der Nacht
und in dessen Licht wir die Welt neu sehen lernen.

Ich glaube an Jesus Christus, unseren Bruder,
der uns zu Kindern des Lichtes macht,
der unsere Blindheit und verzerrten Blicke heilt
und der uns lehrt, uns selbst und unsere Mitmenschen anders wahrzunehmen,
auf dass wir aufhören, einander vor Glaswände laufen zu lassen.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
der uns die Gnade der Kurzsichtigkeit verleiht,
die uns frei macht, nicht immer alles sehen und verstehen zu können
und die uns dazu führt, einen tiefen, anderen Blick zu wagen,
bis wir uns selbst und einander einmal so erkennen werden, wie wir von Gott erkannt sind.

Queres aus der Quarantäne 9, von Dr. Thorsten Latzel

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