Starke Akzente der Versöhnung in Europa

20. September 2018 von Barbara Rudolph

Eröffnung der Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa in Basel
Eröffnung der Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa in Basel

Von Georgien bis Island, von Griechenland bis Schottland sind für eine Woche Delegierte aus den evangelischen Kirchen Europas nach Basel in die Schweiz gekommen. Für die Evangelische Kirche im Rheinland waren Pfarrerin Dr. Barbara Schwahn als Mitglied der Kirchenleitung und ich dabei. Während Europa auseinanderdriftet, setzte die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) auf ihrer 8. Vollversammlung  starke Akzente der Versöhnung und Verständigung unter dem Thema „befreit – verbunden – engagiert“. Ein starkes Stück Europa fand hier statt, dabei wurden keine schwierigen Themen ausgespart.

Evangelischer Glaube und andere Religionen

Wie begegnen evangelische Christinnen und Christen anderen Religionen, ist eine zentrale Frage, die in Europa sehr unterschiedlich beantwortet wird. Während einige vom Christlichen Abendland sprechen, das es zu verteidigen gilt, sind andere Kirchen schon lange an das Zusammenleben der Religionen gewöhnt. Angesichts von Gewalttaten, die religiös begründet werden, sind aber viele verunsichert. Nun haben alle Kirchen gemeinsam eine Studie verabschiedet, die ein klares christliches Bekenntnis mit einer großen Offenheit für andere Religionen verbindet. Die Studie passt sehr gut zu dem Beschluss der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland vom Januar 2018, in dem sich unsere Kirche zum Islam geäußert hat. Möglich wurde diese Studie auf der Grundlage der Rechtfertigungslehre, kurz zusammengefasst: Die Gnade Gottes ist so radikal (wörtlich: an die Wurzel gehend), dass sie niemanden ausschließt.

Krieg und seine Folgen

Im November wird an das Ende des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren erinnert, nicht zuletzt an die großen Erschütterungen, die vielen Toten und Verstümmelten. „Das Christentum hat versagt und nicht verhindert, dass ein verheerender Krieg die ganze Welt überzogen hat“, stellte eine Delegierte in der Vollversammlung fest. Doch die Kirchen Europas haben ganz unterschiedliche Erfahrungen: Für Polen und Tschechen z. B. brachte die Neuordnung 1918 nach Jahrhunderten der Unterdrückung politische Freiheit; andere Länder wie z. B. Ungarn verloren große Gebiete. Länder wie Frankreich oder Belgien werden bis heute durch Kriegsgräber und Kampfregionen an die Grausamkeiten des Krieges erinnert. Nach 100 Jahren ist es für die einen ferne Vergangenheit, für andere sind die Folgen bis heute spürbar. Auf dieser Vollversammlung gab es zum ersten Mal ein von allen evangelischen Kirchen gemeinsames Wort zum Frieden, das sich nicht scheut, strittige Fragen wie Schuld, Flucht, Migration und Minderheiten anzusprechen: Ein wichtiger Beitrag zur Versöhnung.

Ganz aktuell äußert sich die Vollversammlung zum Krieg in Syrien. Das Grußwort von Rosangela Jajour aus dem Nahen Osten mit einem Bericht über die Situation der Christen und Christinnen in Syrien erschüttert die Vollversammlung. Mit Solidaritätsbesuchen, Spenden und Gesprächen mit ihren Regierungen verpflichten sich die Kirchen, sich für diese Region besonders einzusetzen.

Einheit in versöhnter Verschiedenheit

Einen wichtigen Schritt sind die Kirchen weiter gekommen: aus dem Streit und der Zerrissenheit der Kirchen zu neuen, zu mutiger Annäherung zu finden, war von Anfang an seit ihrer Gründung 1973 die Aufgabe der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft haben zu einer Kirchengemeinschaft geführt, die die evangelischen Kirchen, so unterschiedlich sie sind, zu einer Kirche macht. Das wird in dem auf der Vollversammlung verabschiedeten „Lehrgespräch“ zur Kirchengemeinschaft (so heißen die ranghöchsten Dokumente der GEKE) jetzt konkretisiert. Bisher hatte die katholische Kirche dieses Einheitsmodell von der Versöhnten Verschiedenheit abgelehnt: „Das ist kein Haus der Einheit, die evangelischen Kirchen sind wie Reihenhäuser, in denen man nebeneinander her leben kann“, war die Kritik. Das hat sich nun radikal geändert: Der Päpstliche Rat für die Förderung der Einheit der Christen hat auf der Vollversammlung großes Interesse an einem Dialog signalisiert, in dem geklärt werden soll, inwieweit das evangelische Modell der Einheit in versöhnter Verschiedenheit für die Ökumene hilfreich sein kann. Feierlich unterschrieben der Präsident der GEKE, Gottfried Locher, und Kurt Kardinal Koch vom Vatikan die Vereinbarung zur offiziellen Aufnahme eines Dialoggespräches in einem Festgottesdienst.

Das Münster in Basel – historischer Ort von Konzil und Vollversammlung

Der Ort der Vollversammlung hat große Symbolik: Hier tagte im 15. Jahrhundert das Konzil, das die Kirche reformieren sollte. Aber wie schon das vorangegangene Konzil in Konstanz war die Bereitschaft zur Veränderung nicht groß genug. Ein halbes Jahrhundert später begann die Reformation, die eine radikale Reformbewegung hervorrief, der sich die evangelischen Kirchen in Europa bis heute verpflichtet wissen Dass dieser Ort während der Vollversammlung zu einem Ort der Annäherung und Versöhnung wurde, nicht nur mit der katholischen Kirche, sondern auch mit neuen Kirchen, die durch die Zuwanderung von Christinnen und Christen aus Afrika und Asien entstanden sind, ist ein starkes Zeichen. So wurden Vertreter der Kirche der Cherubinen und Seraphinen begrüßt, die ursprünglich aus Nigeria kommt und ihren europäischen Hauptsitz in London hat.

Für das Zusammenwachsen Europas hat diese Vollversammlung viel beigetragen. Die Dokumente, die dort verabschiedet wurden, werden  mit den Arbeitsaufträgen für die nächsten Jahre die evangelischen Kirchen in Europa prägen und der protestantischen Stimme Kraft geben.

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