Gen-Tests in der Schwangerschaft: Hauptsache gesund?

6. Juni 2013 von Petra Bosse-Huber

Ohne große Schlagzeilen ist ein neuer Bluttest auf den Markt gekommen, mit dem frühzeitig in der Schwangerschaft inzwischen gleich vier Chromosomenstörungen ausfindig gemacht werden sollen: die Trisomien 21, 18 und 13 sowie die Monosomie X. Vor einem Jahr war es „nur“ ein Bluttest für Trisomie 21 (das so genannte Down-Syndrom), den ein anderes Unternehmen anbot. Schon damals habe ich mich kritisch zu Wort gemeldet. Was ich befürchtet habe, wird offenbar Zug um Zug Wirklichkeit. Immer mehr Chromosomenstörungen können vergleichsweise einfach und risikolos untersucht werden, denn anders als bei den bislang üblichen Fruchtwasseruntersuchungen, bergen die neuen Bluttests kein Risiko einer Fehlgeburt.

Also: Alles gut? Das sehe ich anders! Durch die neuartigen Tests verändert sich scheinbar nicht viel. Sie werden wie bisher den Frauen angeboten werden, die aufgrund verschiedener Faktoren eine „Risikoschwangerschaft“ haben oder deren Ultraschalluntersuchung so auffällig war, dass weitere Tests angeraten erscheinen. Risikolos ist der Bluttest in Bezug auf die unmittelbaren körperlichen Auswirkungen für Mutter und Kind. Aber er birgt dasselbe Risiko wie alle pränatalen Diagnostikverfahren: dass sich herausstellt, dass „etwas nicht in Ordnung ist mit dem Kind“.

Und dann? Dann geht es für die werdenden Eltern plötzlich um schwerwiegende Fragen: Was bedeuten Trisomie 21 und Monosomie X (auch bekannt als Ullrich-Turner-Syndrom)? Wie stark wird unser Kind davon betroffen sein? Können wir uns das Leben mit einem behinderten Kind vorstellen? Und was, wenn nicht?
Schon beim bisher verwendeten invasiven Testverfahren werden zwischen 85 und 95 Prozent der Feten, bei denen Trisomie 21 festgestellt wurde, abgetrieben.

Ich weiß, dass es sich betroffene Eltern mit ihrer Entscheidung für oder gegen eine Fortsetzung der Schwangerschaft alles andere als leicht machen. Ich weiß, wie sorgsam sie von vielen Ärztinnen und Ärzten oder von den Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen in diesem Entscheidungsprozess begleitet werden. Dass jede Einzelentscheidung mit guten Gründen getroffen wird und ihre Berechtigung hat, stelle ich nicht in Frage. Meine Sorge gilt aber dem gesellschaftlichen Rahmen, in dem Eltern und Mediziner ihre ethischen Entscheidungen treffen. Denn dieser Rahmen bestimmt, ob den Betroffenen ein Leben mit einem Kind mit Behinderung vorstellbar oder als ganz und gar ausgeschlossen erscheint.

Immer häufiger höre ich, dass ein Leben mit Behinderung vermieden werden kann und daher auch vermieden werden soll. Das führt schon jetzt dazu, dass Eltern, die sich für ein Kind mit Down-Syndrom entscheiden oder die ohne Test von der Diagnose überrascht werden, unter Rechtfertigungsdruck kommen. Dieser Druck wird angesichts des neuen Bluttests, der auch andere Chromosomenstörungen in den Blick nimmt, noch stärker. Die neuen Tests zeichnen einen neuen Weg vor: Aus der Ausnahmeuntersuchung könnte bald Routine werden.

Leben mit Behinderung vermeiden? Das widerspricht christlichen Grundüberzeugungen! Unser christliches Menschenbild ist nicht an einem Ideal von Perfektion ausgerichtet. Unser Leben ist nicht perfekt. Es gibt für keinen von uns ein Leben ohne Krankheit und ohne Einschränkungen. Der biblische Gedanke, dass der Mensch nach Gottes Bild geschaffen ist, schließt Menschen mit Behinderungen nicht aus – im Gegenteil! Das hat spannende Konsequenzen für unser Bild von Behinderung und für unser Bild von Gott.

Zum christlichen Menschenbild gehört bei aller Wertschätzung des Individuums ganz zentral die Überzeugung, dass menschliches Leben immer in Gemeinschaft stattfindet. Im „Leib Christi“ gehören alle Glieder zusammen, die starken und die schwachen. Dabei ist kein Glied immer stark oder immer schwach. Für mich ist das ein Maßstab für eine humane Gesellschaft. Hauptsache gesund? Für mich ist das kein Maßstab! Und für Sie?

Eine Antwort auf „Gen-Tests in der Schwangerschaft: Hauptsache gesund?“

  1. Alles gut? Sicherlich nicht, aber auch nicht schlechter!
    Das Problem ist nicht, daß immer mehr Tests aufkommen, um herausfinden zu können, welche Schädigungen die Kinder nun haben oder doch nicht. Das Problem ist, daß Menschen der Meinung sind, sie kämen mit einem behinderen Kind nicht zu Recht. Daß Menschen meinen, sie würden es nicht schaffen, daß sie meinen, diese Kinder wären irgendwie schlechter. Das hängt nicht an der Behinderung, sondern an der Kultur, wie man beispielsweise in China und Indien sehen kann. Dort werden auch Mädchen abgetrieben, weil die Eltern sich ein Leben mit einer Tochter (China, oder noch mehr Töchtern – Indien) nicht vorstellen können, weil es kulturelle Gründe gibt für einen (oder mehrere) Söhn (Söhne). So wie es bei uns Gründe gibt für nichtbehinderte Kinder. Die Inklusion funktioniert nicht, ist in den Köpfen (noch?) nicht angekommen. Die werdenden Eltern haben Angst, nicht mit einem behinderten Kind fertig zu werden ähnlich wie Chinesen Angst vor Töchtern haben.
    Nehmen wir an, die Kultur wäre eine andere: Nehmen wir an, die Menschen wären davon überzeugt, mit einem Down-Syndrom Kind so gut klarzukommen wie mit einem Brillenträger. In solch einer Gesellschaft könnten die Bluttests durchaus positive Wirkung haben. Eltern könnten noch vor der Geburt herausfinden, welche Spezielle Förderung ihr Kind wohl brauchen wird, und könnten sich darauf vorbereiten. Das Problem ist nicht der Test, das Problem ist unsere Kultur.

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