Warum die Auferstehung unglaublich, aber plausibel ist

8.4.2020

Thorsten Latzel

Es ist Ostern, das Fest der Auferstehung Christi – und mithin das Fest der Hoffnung wider die Macht des Todes. Eine weit verbreitete Meinung zu ...

Es ist Ostern, das Fest der Auferstehung Christi – und mithin das Fest der Hoffnung wider die Macht des Todes. Eine weit verbreitete Meinung zu dem Thema lautet:

„1. Die Auferstehung ist unplausibel. Sie widerspricht der empirischen Wahrnehmung ebenso wie dem gesunden Menschenverstand.

2. Weil die Auferstehung eben nicht plausibel ist, muss man sie glauben. Sie ist mithin eine Frage des Für-Wahrhaltens, eine religiöse Ansichtssache, besonders für Gemüter, die eine entsprechende religiöse Musikalität mitbringen.

3. Als Glaubenssache geht es dabei, wenn überhaupt, um die Seele. Der tote, leblose Körper, der immer weiter erkaltet und zerfällt, spricht hier eindeutig eine andere Sprache.

Kurz: Die Auferstehung ist unplausibel, man muss sie glauben und es geht um die Seele.“

In der Corona-Zeit mit den täglichen Nachrichten von Infizierten, Kranken und Sterbenden erfährt die kritische Infragestellung des Auferstehungsglaubens täglich neue Nahrung. Die Endgültigkeit des Todes ist offensichtlich, der Auferstehungsglaube dagegen paradox (im Sinne von gegen den Augenschein).

Ich halte es jedoch angesichts der aktuellen Herausforderung für wichtig, dass Trost und Hoffnung wider den Tod einen tiefen Halt auch im Denken haben. Im Folgenden werde ich daher allen drei Punkten widersprechen. Meine Gegenthesen lauten:

1. Die Auferstehung ist rational plausibel.

2. Sie ist allerdings – im strengen theologischen Wortsinn – „unglaublich“.

3. Und die Pointe der Auferstehung liegt gerade darin, dass es um den Leib, das Fleisch, noch konkreter die Haut des Menschen geht.

Das Ganze ist dabei ein durchaus heikles Unterfangen: Der erste Teil ist intellektuell knifflig, weil ich mich auf fremdes philosophisches Terrain wage. Beim zweiten Teil muss ich gleichsam „höllisch“ aufpassen, nicht als Ketzer zu enden („Pfarrer Latzel behauptet, dass die Auferstehung unglaublich sei“).

Der dritte Teil schließlich wird zur Nagelprobe, was das konkret heißt. Es geht um die Haut.

Ich zähle vorab auf Ihre Nachsicht. Im schlimmsten Fall geht es mir so wie Ovid über Phaethon sagte: „Und wenn er auch stürzte, so scheiterte er doch bei großem Versuch.“

1. Warum die Auferstehung plausibel ist

Seit der Neuzeit haben wir einen unvergleichlichen Siegeszug der Naturwissenschaften erlebt, der aktuell rasant weitergeht: Gen-Forschung, Neuro-Wissenschaften, Nanotechnologie, Digitalisierung. Das ist ein großer Gewinn. Und es ist umgekehrt weder Kennzeichen eines reifen Glaubens noch einer klugen Theologie, wenn er oder sie versucht, diesen Erkenntnisfortschritt einzugrenzen, madig zu machen oder in einem intellektuellen Rückzugsgefecht nach den bleibenden Erklärungs-Lücken zu suchen, um dort irgendwie doch noch Gott ins Spiel bringen zu können. Dies ist der m.E. theologisch wie intellektuell schwache Ansatz des Kreationismus oder eines „Intelligent Design“.

Umgekehrt ist es nun jedoch eine verbreitete These des sogenannten Naturalismus (oder Positivismus), dass das und nur das wirklich sei, was die Wissenschaft, genauer die Naturwissenschaft lehre oder von ihr irgendwie empirisch dargelegt werden könne.

Alles andere sei irrational, unwissenschaftlich, unplausibel, gegen den gesunden Menschenverstand.

Eine starke Form des Naturalismus lautet dabei, dass nichts Anderes existiere als das, was sich naturwissenschaftlich beweisen lasse. Wirklich sei nur, was es vorfindlich gebe.

Ein Leben nach dem Tod gebe es demzufolge nicht.

Eine schwächere Form dagegen sagt, dass die Möglichkeit der Existenz von anderen „Dingen“ nicht ausgeschlossen werden müsse, dass sie für uns aber schlicht irrelevant und unverständlich sei. Die Frage also, ob es eine Auferstehung gebe oder nicht, wird demnach einfach verabschiedet. Weil sie sich unserer Erfahrung entziehe, weil wir keinerlei sinnvolle Aussagen dazu machen könnten, die sich empirisch auch nur irgendwie verifizieren oder falsifizieren ließen, bleibe die Antwort im Grund egal.

Nun, dieser Meinung kann man sein. Sie ist allerdings selbst keine naturwissenschaftliche Aussage. Die Aussage, dass nichts existiere, was sich nicht naturwissenschaftlich beweisen lasse, lässt sich eben selbst nicht naturwissenschaftlich beweisen. Sie ist von ihrem Status her „meta-physisch“. Und wie alle metaphysischen Positionen lässt sie sich letztlich weder belegen noch widerlegen. Die Frage ist vielmehr, ob sie plausibel ist, was man mit ihr gewinnt oder was man sich mit ihr einhandelt. Das hat etwa Holm Tetens in seinem lesenswerten Buch „Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie“ (Stuttgart 2015) eindrücklich dargelegt, dem die folgenden Überlegungen viel verdanken.

Der Gewinn des Naturalismus liegt m.E. vor allem darin, dass er die einfachere Theorie ist. Er kommt im Sinne von Occams Rasiermesser mit weniger Annahmen aus: „non sunt multiplicanda entia sine necessitate“ – Wesenheiten dürfen ohne Notwendigkeit nicht vermehrt werden. Gott, Seele, Glaube, Auferstehung – gestrichen. Nicht existent, weil nicht notwendig.

Und aus sehr verschiedenen Perspektiven wird diese metaphysische Sparsamkeit als Gewinn verstanden: Anstatt Eigenschaften der Menschheit auf Gott zu projizieren, werden diese zurückgeholt zum Menschen (Feuerbach). Religion hält als „Opium des Volkes“ und Jenseitsvertröstung die Menschen nicht mehr davon ab, sich mit den harten Wirklichkeiten, den Ketten ihrer ökonomischen Existenz, auseinanderzusetzen (Marx). Es ist die Befreiung des Menschen aus einer kollektiven Zwangsneurose (Freud) bzw. einem Gotteswahn (Dawkins).

Ohne auf diese Positionen einzeln eingehen zu können, nur ein paar kurze Kritikpunkte:

– Das naturwissenschaftliche Weltbild ist keineswegs so geschlossen, wie es etwa Anfang des 19. Jh. ausgesehen hat (Stichwort Quanten-, Relativitäts- oder Stringtheorie).

– Die Religion hat sich, anders als früher angenommen, rein empirisch keineswegs mit fortschreitender Modernität erledigt. Im Gegenteil.

– Und dass eine „gottfreie Gesellschaft“ menschenfreundlicher sei, ist angesichts der bisherigen geschichtlichen Erfahrungen ebenso fraglich wie, dass Atheisten per se die freieren Menschen wären.

Doch unabhängig von diesen Einwänden bleibt die Frage, ob die naturalistische Behauptung: „Wirklich ist das und nur das, was die Naturwissenschaft zeigt“, plausibel ist oder ob sie eine Simplifizierung der komplexen Wirklichkeitserfahrung des Menschen darstellt.

Meine Argumentationsbasis dabei sind im Folgenden Sie. Ihre und meine alltägliche Wirklichkeitserfahrung. Zu Ihrer und meiner Wirklichkeitserfahrung gehört:

– Dass wir gemeinsam über Auferstehung nachdenken. Die Frage nach dem, was „danach“ kommt, ist da und nicht wegzudenken, weil wir uns selbst nicht wegdenken wollen oder können. Es geht um das Wunder, dass wir sind und nicht „nicht sind“ – und die Unbegreiflichkeit, dass wir einmal nicht mehr sein werden.

– Es ist m.E. zwar denkbar, aber subjektiv nicht wirklich plausibel, dass alles, was ich bin, was ich war, was ich erlebt habe, einfach hinfällig und verloren ist – auch dann nicht, wenn niemand mehr an mich denkt. Etwa alle Ihre und meine Sommerurlaube. Auch wenn das letzte Urlaubsfoto vergilbt ist, auch wenn sich in 100, 500, 1.000 Jahren niemand mehr daran erinnert, dass Sie und ich gelebt haben, glaube ich nicht, dass dann alles nichtig, verloren, ohne Bedeutung sein wird.

– Zu meiner, unserer Wirklichkeitserfahrung gehört zudem, dass es Sinn, Werte, Freundschaft, Schönheit gibt – alles Dinge, zu denen ich zwar empirische Begleitphänomene angeben, aber sie naturwissenschaftlich nicht hinreichend beschreiben kann. Zumindest nicht in der Art und Weise, wie Sie und ich sie subjektiv erleben.

– Zu unserer Wirklichkeitswahrnehmung gehört die Hoffnung auf eine ausgleichende Gerechtigkeit. Dass all die vielen Millionen unschuldigen Opfer von Gewalt, Krieg, Folter, Unterdrückung einmal Recht erfahren werden. Und dass die Gewalttäter nicht einfach so davonkommen werden. Eine Hoffnung, die sich innergeschichtlich, empirisch nicht erfüllt, die damit aber keineswegs für unser Tun und Handeln hinfällig wird und ihre Bedeutung verliert.

– Zu meiner Wirklichkeitserfahrung gehört die Liebe zu meiner Frau, meinen Kindern, meinen Eltern, die von mir als mehr und etwas anderes erfahren wird, als es sich mit neuronalen bzw. hormonellen Prozessen oder mit einem evolutionären Mechanismus beschreiben lässt. Diese Beschreibungen halte ich schlicht für unterkomplex.

– Zu meiner, Ihrer Wirklichkeitserfahrung gehört es, dass es tatsächlich von Bedeutung ist und eine Rolle spielt, was wir mit unserem Leben anfangen: ob wir anderen Menschen in der Corona-Krise helfen oder ob wir einander allein lassen, ob es Sie, mich, Frankfurt, die Menschheit überhaupt gibt oder nicht. Das alles spielt eine Rolle – auch wenn es nicht einmal einen Wimpernschlag in der Geschichte des Alls ausmacht.

Ich halte es für höchst kontraintuitiv, dass dies alles als „evolutionärer Zufall irgendwo in den Weiten des Alls“ hinreichend beschrieben ist. Und dass es alles irgendwann einmal nicht mehr von Bedeutung sein soll.

Wohl gemerkt: Ich behaupte nicht, dass es deshalb die Auferstehung geben muss oder dass man sie so beweisen kann. Ich behaupte aber, dass die Vorstellung einer Auferstehung – auch wenn sie sicher paradox (also wider den Augenschein) ist – keineswegs irrational oder gar absurd ist.

Vielmehr bin ich überzeugt, dass sie sogar eine höhere Plausibilität hat im Blick auf die Art und Weise, wie wir leben und uns selbst erleben, als die Behauptung, dass nur das wirklich sei, was es empirisch vorfindlich gibt. Gott, Glaube, Auferstehung auszublenden, ist naturwissenschaftlich notwendig und methodisch äußerst ertragreich im Blick auf einen bestimmten Zugang zur Wirklichkeit. Als einzige Form des Wirklichkeitszugangs halte ich es jedoch für eindimensional, reduktionistisch und wenig plausibel.

2. Warum die Auferstehung unglaublich ist

Wenn also die Auferstehung rational gesehen keineswegs unplausibel ist, so ist sie doch – im theologischen qualifizierten Wort-Sinn – „unglaublich“. Wir können Sie zwar intellektuell für wahr oder wahrscheinlich halten, wir können darauf innerlichst hoffen, wir können sie im Glaubensbekenntnis bezeugen – aber der eigentliche Zugang zu der Wirklichkeit der Auferstehung bleibt uns als Menschen versperrt.

Oder in Abwandlung eines Zitats Martin Luthers gesprochen (- nur um den Vorwurf der Ketzerei zu vermeiden): „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, unseren Herrn, glauben oder zu ihm gelangen kann“ – und auch nicht an die Auferstehung.

Das ist eine der zentralen Pointen aller Geschichten von der Auferstehung Christi im neuen Testament: Die Auferstehung ist unglaublich.

Nun ist ja das Schöne, dass wir nicht nur ein, sondern gleich vier Evangelien haben. Das ist kein redaktionelles Missgeschick des Heiligen Geistes, sondern Ausdruck einer genuinen Pluralität aus Glauben. Die Wirklichkeit des Glaubens lässt sich nicht objektiv, abstrakt wiedergeben, sondern bezieht uns als Glaubende und Zweifelnde immer mit ein. Es gibt sie nur so, dass sie sich einem konkreten Menschen erschließt. Die Schilderungen der vier Evangelisten sind dabei in verschiedener Hinsicht markant unterschiedlich, etwa im Blick auf das, was Jesus als letzte Worte am Kreuz gesagt hat. Oder auch in Bezug darauf, welche Ostergeschichten sie erzählen. Hinsichtlich der Unglaublichkeit der Auferstehung sind sie sich jedoch alle einig.

Nehmen wir zunächst Markus, den ältesten und archaischsten unter den Evangelisten. Ursprünglich – darauf deuten alte Handschriften hin – endete sein Evangelium wohl so: Die drei Frauen Maria von Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und Salome, machen sich am Ostermorgen auf den Weg zum Grab. Der Engel sagt ihnen die frohe Botschaft, dass Christus erstanden ist und sie nach Galiläa gehen sollen, dort würden sie ihn sehen. Dies sollen sie den Jüngern sagen. Und dann heißt es: „Sie gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich sehr.“ (Mk 16,8)

Das ist, sagen wir mal, kein ganz einfacher Schluss für ein Evangelium, das Glauben wecken will. Hat eher etwas von einem Cliffhanger in einer Netflix-Serie. Deshalb haben spätere Kommentatoren auch eine Zusammenfassung, eine Art „Best of“, aus den anderen Ostergeschichten drangehängt. Die eigentliche Pointe war aber, dass man auch als Leser die Ostergeschichte nur versteht, wenn man nach „Galiläa“, also an den Anfang des Markus-Evangeliums, zurückblättert und von dort die Geschichte Jesu noch einmal aus österlicher Sicht anfängt zu lesen.

Die Auferstehung erschließt sich nur, wenn man dem Lebensweg Jesu von Galiläa aus nachfolgt. Und der Lebensweg Jesu, wenn man ihn von seiner Auferstehung her versteht. Das geniale Konzept einer „Zirkel-Lektüre“.

Matthäus mildert die Unglaublichkeit etwas ab. Aber auch bei ihm heißt es am Ende, als der auferstandene Christus seinen Jüngern in seiner ganzen Herrlichkeit und lichten Klarheit auf einem Berg in Galiläa erscheint: „[…] einige aber zweifelten“ (Mt 28,17).

Lukas führt diese Unglaublichkeit der Auferstehung in der Geschichte der „Emmausjünger“ noch viel ausführlicher aus. In ihr gehen zwei Jünger neben Jesus her, diskutieren stundenlang mit ihm, sehen ihn und erkennen ihn doch nicht. Erst als er ihnen das Brot bricht, werden ihnen die Augen geöffnet – und prompt ist er ihrem Blick entzogen. (Lk 24,13-35)

Bei Johannes schließlich scheitern alle Protagonisten in der Begegnung mit dem Auferstandenen. Erst macht Petrus mit Johannes einen Wettlauf zum leeren Grab, sieht es und versteht nichts. Dann begegnet Maria von Magdala Jesus selbst – und hält ihn für einen Gärtner. Und schließlich gewinnt der Unglaube eine Gestalt: Thomas, der sprichwörtlich gewordene Zweifler, der nicht glauben kann, wenn er nicht die Finger in Jesu Wunden und die Hand in seine Seite gelegt hat. Doch Thomas ist nicht die Ausnahme, sondern er ist die Regel. (Joh 20,1-31)

Die Unglaublichkeit der Auferstehung hängt ja nicht daran, dass die ersten Christen als fromme Juden sich eine Auferstehung nicht hätten vorstellen können – anders als etwa bei der Areopagrede des Paulus, wo seine griechisch-gelehrten Zuhörer allein beim Gedanken einer Auferstehung innerlich abwinken: „Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ (Apg 17,32) Prinzipiell, theoretisch, rational war das für sie kein Problem. Aber auch als Menschen, denen die Vorstellung der Auferstehung geläufig ist, können sie den Auferstandenen von sich aus nicht erkennen. Es geht in der Auferstehung um eine Wirklichkeit Gottes, die sich nur von Gott selbst her erschließt. Sie ist gleichsam eine Tür, die sich uns nur von der anderen Seite öffnet. „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann“ – auch nicht zu der Auferstehung der Toten. Es ist, wieder mit Luther gesprochen, der Heilige Geist, der mich „durch das Evangelium berufen hat, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben heiligt und erhält“ – und so auch erst einen Zugang zur Auferstehung schafft. Oder mit der paradoxen Jahres-Losung formuliert: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ (Markus 9,24) Die Auferstehung ist letztlich wie die Liebe eine Wirklichkeit Gottes: nichts, was ich habe, begreife, verstehe, sondern was an mir, mit mir, durch mich geschieht. Womit wir beim dritten und letzten Punkt sind.

3. Was es mit der Auferstehung des Fleisches, genauer der Haut auf sich hat

Im apostolischen Glaubensbekenntnis sprechen wir ja im dritten Artikel: „Ich glaube an den Heiligen, … die Auferstehung der Toten“. Wie ich in einem früheren Impuls schon einmal entfaltet habe, halte ich das für theologische „Weicheierei“. Im lateinischen Text des apostolischen Glaubensbekenntnisses heißt es ja genauer „carnis resurrectionem“ – also Auferstehung des Fleisches. Das ist wichtig, gerade im Unterschied zu einem dualistischen Denken, etwa in der Tradition Platons. Dort gilt der Leib als der ‚Sarg der Seele‘ und im Tod scheidet sich die unsterbliche Seele von dieser vergänglichen Hülle. Damit geht eine Abwertung des Leibes einher, wie eine Geringschätzung der Schöpfung insgesamt. Kern der christlichen Auferstehungshoffnung ist dagegen, dass es um eine Erlösung der Schöpfung, nicht von der Schöpfung geht.

Dem biblischen Zeugnis entspricht daher meines Erachtens eher eine Ganztod-Vorstellung: Der ganze Mensch als Leib und Seele stirbt. Ein radikaler Bruch, ohne einen unsterblichen Teil in mir. Die Kontinuität ruht allein in Gott, in dessen Liebe wir aufgehoben, erinnert, bewahrt sind. Und der ganze Mensch als Leib und Seele ersteht neu.

Hier ist nun die Unterscheidung des biblischen Leib-(soma)-Verständnisses von einer landläufigen, neuzeitlichen Körpervorstellung wichtig. „Körper“ in einem verbreiteten, allgemeinen Sinn meint – vereinfach gesagt – die spezifische Ansammlung und Konstellation dieser verschiedenen chemischen Stoffe und Atome, die sich immer wieder erneuern. Bei Leib (soma) im biblischen Sinn geht es dagegen um mich selbst als ganze Person – in meiner körperlichen Verfasstheit. Um mich als Geschöpf.

Ich habe nicht einen Leib, sondern ich bin Leib als ein Wesen, das nicht ohne seine je verschiedene körperliche Verfasstheit zu denken ist. Also: Nicht die ‚unsterbliche Seele‘ oder die ‚Idee‘ von Jesus Christus wird auferweckt und es findet auch keine Rekonstruktion seiner damaligen Atome und Moleküle statt, sondern der wirkliche Mensch Jesus mit all seinen Lebenserfahrungen, inklusive seiner Wunden vom Kreuz ersteht zu einem neuen Leben.

Und hier kommt jetzt die Sache mit der Haut ins Spiel. Denn auch die Rede von der Auferstehung des Fleisches kommt so in der Bibel eigentlich nicht vor. Die Stelle, auf die sich das Glaubensbekenntnis bezieht, ist Hiob 19,26 – und dort ist (in der griechischen Fassung, der Septuaginta) von der „Auferstehung der Haut“ die Rede. Es geht bei „Haut“ um die Kontaktfläche zwischen mir und der Welt. Das, was in Gott von mir bewahrt, aufgehoben, erinnert ist, ist nicht irgendeine Idee von mir. Sondern alle Liebe, die ich als körperlich verfasstes Wesen von anderen erfahre oder anderen tue – wie auch alles Leiden, das ich von anderen erfahre oder ihnen zufüge. Beides ist eingezeichnet auf meiner Haut als der kommunikativen Kontaktstelle zwischen der Welt und mir. Heute würde man hier von einem „embodiment“, einer Inkorporation sprechen: Die Küsse und Lügen auf meinen Lippen, das Streicheln und die Schläge auf meinen Rücken, die Lachfalten und die Griesgrämigkeit um meine Augen. Das alles ist eingegangen in meinen Körper.

Bei der Auferstehung des Fleisches geht es um eine Art Lebensstenogramm auf unserer Haut.

Genauso, wie auch der auferstandene Christus noch die Wundmale des Kreuzes bleibend an sich trägt. Wenn meine Haut aufersteht, so bekommt alles, was ich tue und was mir getan wird, eine ewige Bedeutung. Ich bin nicht denkbar ohne die eingezeichneten Erfahrungen auf meiner Haut.

Es ist nicht egal, was meine Hände tun oder mit ihnen getan wird, was meine Augen sehen, was meine Lippen sagen.

Das alles geht als Teil meiner körperlichen Erfahrung mit ein – verwandelt, erlöst, befreit – in die ewige Liebeswirklichkeit Gottes. Darum geht es meines Erachtens bei der unglaublichen, aber plausiblen Vorstellung von der Auferstehung des Leibes, des Fleisches, der Haut.

Zum guten Schluss: In einer Studie zum Glauben der Kirchenmitglieder habe ich vor längerer Zeit einmal eine schöne, prägnante Zusammenfassung dieser Vorstellung gefunden.

Dort antwortete eine Frau auf die Frage danach, wie sie sich ein Leben nach dem Tod vorstellt:

„Ich glaube, wir werden uns alle noch wundern. Da steckt für mich eigentlich alles drin. Zum ersten wird es ganz anders sein, als wir es uns vorstellen. Wir werden uns wundern.
Zum zweiten werden wir selbst aber auch da sein, damit wir uns überhaupt wundern können.
Und zum dritten wird es wunderbar sein.“

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Osterfest –
und eine trotzige Hoffnung wider die tägliche Präsenz des Todes.

Queres aus der Quarantäne 8, von Dr. Thorsten Latzel

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