Wurzeln, Advent und der Sinn langweiliger Texte

6.12.2020

Thorsten Latzel

Foto: Scottish Guy/pixabay.com Die Bibel durchzulesen, so richtig von vorne bis hinten, ist eine echte Herausforderung. Wer es versucht hat, stößt leicht an Grenzen literarischer Ermüdung. ...

Symbolbild
Foto: Scottish Guy/pixabay.com

Die Bibel durchzulesen, so richtig von vorne bis hinten, ist eine echte Herausforderung. Wer es versucht hat, stößt leicht an Grenzen literarischer Ermüdung. Natürlich: Es gibt die tiefgründigen Erzählungen von den Erzmüttern und -vätern, die Psalmen, wunderschön und tröstend zugleich, die Leidensgeschichte Hiobs, den Kampf für Gerechtigkeit und gegen falsche Religion bei den Prophet/innen, das erotische Hohelied der Liebe. Aber dazwischen kommen Texte, die man schlicht als langweilig oder anstrengend empfindet. Wenn es kapitelweise nur um kultische Reinheitsvorschriften, Volkszählungen oder Ahnenreihen geht. Literarisch ungefähr so sexy wie der Börsenteil der FAZ.

Ein adventliches Beispiel dafür findet sich direkt am Anfang des Neuen Testaments: der sogenannte „Stammbaum Jesu“ (Mt 1,1-17). Eine kurze Kostprobe: „Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Samon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David.“ Und wir sind erst bei Vers 6. Zwei Drittel der Ahnenreihe folgen noch.

Dieser langweilige Text steckt zugleich voller Theologie. Sonst hätte Matthäus mit ihm wohl nicht sein Evangelium begonnen. Im Folgenden möchte ich versuchen, etwas von dem geistlichen Funken zwischen den Zeilen sichtbar zu machen.
Solche Genealogien oder Geschlechterreihen waren für Menschen früher von hoher Bedeutung. Sie überbrücken die Zeiträume zwischen Ereignissen, stiften Zusammenhänge, leiten Macht bzw. Ansehen per Abstammung her. Und vor allem erklären sie, wer jemand ist, indem sie erzählen, woher er stammt. Etwas von dieser „Herkunftslogik“ kenne ich noch von früher, wenn mich bei uns auf dem Land jemanden fragte: „Wem bist denn du?“ Was so viel hieß wie: Aus welchem Haus stammst du? Wie kann ich dich zuordnen, um zu verstehen, wer du bist?
In antiken Zeiten gab es dabei den „heros eponymos“, den namengebenden Ahnherrn. Im Stammbaum Jesu sind dies Abraham, der Stammvater Israels, und David, der König Israels. Wenn Jesus als Abrahams- und Davidsohns von diesen beiden abstammt, geht es um nicht weniger als darum, dass sich in ihm die großen, alten Verheißungen Gottes für Israel erfüllen: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (1. Mose 12,3) und „des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids“ (Jes 9,6). Friedens- und Segensbringer für alle Zeiten.

In der Anlage des Stammbaums Jesu wird das theologisch noch durch eine Zahlenmystik unterstrichen: „Alle Geschlechter von Abraham bis zu David sind vierzehn Geschlechter. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Geschlechter. Von der babylonischen Gefangenschaft bis Christus sind vierzehn Geschlechter.“ (Mt 1,17) Die ganze Geschichte Israels, so die Intention, läuft gezielt auf diesen Jesus zu. Bei Lukas findet sich ein anderer Stammbaum Jesu, der sich vielfach von diesem unterscheidet: in der Anzahl der Geschlechter, den Namen der Personen, der Richtung – und vor allem wird er dort bis zu Adam zurückgeführt (Lk 3,23ff.).

Interessant in der Version bei Matthäus sind die Frauen, die in Jesu Stammbaum genannt werden. Von seiner Anlage her ist diese Ahnenreihe „patrilinear“, sie folgt der Reihe der Väter. Doch fünf wichtige Frauen unterbrechen die feste Reihung: Tamar, Rahab, Rut, Batseba („die des Uria“) und Maria. Ihnen allen haftet nach damaligen Wertvorstellungen etwas Besonderes, ein vermeintlicher „Makel“ an – weil sie Ausländerinnen, Prostituierte oder die Frau eines anderen sind. Dass Jesus von ihnen abstammt, steht dafür, dass er schon als Person quersteht zu den Moralvorstellungen der Frommen und allzu Frommen. Jesus hat – auch als Abrahams- und Davidsohn – zugleich „einen bedenklichen Zug nach unten“. Gott kümmert sich nicht um menschliche Gerüchte. Das zeigt sich am unmittelbarsten an Josef. Der ganze Stammbaum läuft eigentlich auf ihn zu – und dann kommt es am Ende zu einer feinen Zäsur: „Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.“ Die ganze genealogische, patrilineare Herleitung hängt am Ende an Maria, der Josef zugeordnet ist.

Welche tiefe Bedeutung in solch einer Ahnenreihe ruht, wurde mir in der vielfach preisgekrönten Fernsehserie „Roots“ (1977) nach dem Roman von Alex Haley deutlich. Haley beschreibt in ihr die Geschichte seiner afroamerikanischen Vorfahren, ihrer grausamen Unterdrückung und ihrer Befreiung aus der Sklaverei: von Kunta Kinte, der als 17-jähriger aus Gambia verschleppt und in die Sklaverei in Amerika, Virginia, gezwungen wird, jetzt mit dem Sklavennamen Toby; von seiner Frau Kinte Bell und ihrer Tochter Kizzy, von „Chicken George“, der die Freiheit erlangt, bis hin zu Alex Haley selbst. Haley kämpft als Soldat im zweiten Weltkrieg, wird Journalist, interviewt amerikanische Neonazis ebenso wie Malcom X. Ganz am Ende, in der bewegenden Schlussszene der zweiten Staffel (abrufbar auf Youtube) schließlich macht er sich selbst auf in das Dorf Juffure in Gambia. Nach anstrengender Anreise sitzt er, der amerikanische Journalist, in dem westafrikanischen Dorf und lauscht sichtlich erschöpft den Ahnenreihen, die der Stammesältester litaneiartig aufzählt und ein Dolmetscher übersetzt. Haley droht fast wegzunicken, als der alte Erzähler die entscheidenden Sätze spricht: „At that time the ealdest son, Kunta, left the village to cut a tree to make himself a drum and that was the last time he was seen.“ Haley durchfährt es. Immer wieder lässt er sich die gleichen Sätze wiederholen („Again, again, again!“) – und man merkt, wie wichtig ihre „langweilige“, stereotype Form ist, um sie sich in einer mündlichen Überlieferungstradition gut merken zu können. Es sind genau die Worte, die ihm in seiner Familie von seinem Ur-Ahn Kunta Kinte überliefert worden sind. Haley hat den Anschluss für das lose Ende seiner Ahnenreihe gefunden – ausgedrückt in seinem Jubelschrei: „You’re all Africans!“ Aus der Geschichte der Sklaverei, in der seine Vorfahren nicht nur ihrer Freiheit, sondern auch ihrer Namen, ihrer Herkunft, ihrer Identität beraubt wurden, hat er wieder eine Geschichte der Freiheit gemacht. Seiner eigenen Freiheit. „I found you. Kunta Kinte. I found you. I found you. I found you.“ In Kunta Kinte hat er sich selbst gefunden.

Darum geht es auch in den langweiligen Ahnentafeln der Bibel: dass wir aus der Geschichte der Knechtschaft, unserer eigenen inneren wie äußeren „babylonischen Gefangenschaft“, zu einer Geschichte der Freiheit finden. Dass wir den Segen und Frieden erfahren, die der ganzen Schöpfung verheißen sind. Und dass wir uns dabei von Gott über alle Grenzen von Moral oder Nation leiten lassen. „Ohne Herkunft keine Zukunft“ (Odo Marquard). Advent ist eine Zeit, in der wir uns der Wurzeln unserer eigenen inneren Freiheit erinnern sollten. „I found you. I found you. I found you.“

Theologische Impulse 79, von Dr. Thorsten Latzel