Ich brauche weder mir noch anderen etwas vorzumachen

26. Oktober 2019 von Manfred Rekowski

© epd-bild / Norbert Neetz

Wenn etwas schief läuft, sind wir mit Ausreden schnell bei der Hand: Mein Kollege hat mir den Termin nicht weitergegeben; ich wollte ja noch fürs Abendessen einkaufen, aber meine U-Bahn ist ausgefallen. Jeder kennt derartige Ausreden, die Liste ist beliebig erweiterbar. Wer gibt schon gerne eine Schwäche zu oder bekennt, etwas falsch gemacht zu haben. Das Selbstwertgefühl bekommt einen Knacks. Also rechtfertige ich mich lieber mit einer Ausrede. Recht haben wollen und dann selbstverständlich auch Recht bekommen wollen, das sind typisch menschliche Reaktionen.

Spätestens an diesem Punkt eröffnet der christliche Glaube eine andere Perspektive und hält das Karussell des Selbstbetrugs an. Martin Luther nannte das die Rechtfertigung aus Glauben. Gemeint ist: Vor Gott muss sich niemand herausreden. Gott beendet den unguten Rechtfertigungszwang. Deshalb muss ich weder Gott noch den Menschen etwas beweisen.

Martin Luther und der Apostel Paulus – sein Gewährsmann für die Rechtfertigung – nannten das „Befreiung zur Freiheit“, oder auch schlicht: Sündenvergebung. Jahrhunderte musste die Lehre von der Rechtfertigung als ein Grund für die tiefe Spaltung zwischen evangelischer und katholischer Kirche herhalten. Bis vor genau zwanzig Jahren, am Reformationstag 1999, Lutherischer Weltbund und Römisch-Katholische Kirche eine gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichneten. Das ist ein gutes Datum. Denn mit der christlichen Botschaft von der befreienden Kraft des Glaubens lässt sich eine Kirchenspaltung nur schwerlich begründen. Geht es doch um die frohe Kunde, dass der Mensch weder sich noch anderen etwas vormachen muss, um wirklich Mensch zu sein, da Gott ihn in Christus von diesem Zwang befreit hat.

3 Antworten auf „Ich brauche weder mir noch anderen etwas vorzumachen“

  1. Ganz so einfach ist es leider nicht. Ja, in viele Situationen macht uns die Wahrheit frei. Es spielt aber immer auch eine Rolle, ob unser Gesprächspartner die Wahrheit ertragen kann. Andernfalls kann es eine Gnade sein, Wahrheiten in eine Form zu bringen, die auch ertragen werden kann. GRUNDSÄTZLICH stimme ich zu, wenn es gelingt die Wahrheit in eine verträgliche Form zu bringen, dann macht es unbedingten Sinn, sie geradlinig anzusprichen. Und ganz nebenbei, so „hinten rum über Dritte etwas klären wollen“ verursacht in der Regel immer böses Blut!
    Fazit: Es lohnt sich, Wahrheiten face to face to verkünden:-)

  2. Seit ich mich entschlossen habe, auch für meine Fehler und Versäumnisse einzustehen und nicht versuche anderen, äußeren Umständen oder was auch immer die „Schuld“ zu geben, ist mein Leben leichter geworden.
    Die Haltung selbst ist schwer. Aber so geht konsequentes Leben. Keine Ausreden.
    Das heißt aber nicht, dass ich nicht gelegentlich schwach werde…..

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