Wählen und streiten

22. August 2020 von Manfred Rekowski

Kommunalwahl (Foto: pics_kartub/Pixabay.)
Kommunalwahl (Foto: pics_kartub/Pixabay.)

Am 13. September haben wir die Wahl – Kommunalwahl. Wer soll vor unserer Haustür die politischen Geschicke lenken? In Kommunen und Kreisen streiten Parteien um die besten Wege. Da ist Streitkultur gefragt: Unterschiedliche Meinungen miteinander ins Gespräch zu bringen; auch andere Perspektiven als die eigene zuzulassen. Es gibt nicht nur die eine Sicht auf die Dinge, sondern erst das Zusammenführen unterschiedlicher Sichtweisen bringt voran.

Die Bibel ist von diesem Bewusstsein geprägt, dass Wahrheit oft erst im Widerstreit unterschiedlicher Sichtweisen gefunden wird. Schon über die Schöpfung der Welt erzählt die Bibel zwei sehr unterschiedliche, in Teilen sogar widersprüchliche Geschichten. Und es gibt nicht das eine Evangelium, sondern vier durchaus unterschiedliche Erzählungen über das Leben Jesu. Einheitlichkeit entsteht aber durch das Leitbild der Gerechtigkeit, sowie der Gottes- und der Nächstenliebe.

Streitkultur ist auch für die Tradition der Reformation ein wesentliches Merkmal. Mit der Wahl von Gemeindevertreterinnen und -vertretern in Presbyterien und Synoden wird verhindert, dass einer alleine einsame Entscheidungen trifft. Von Streitkultur lebt auch unsere Demokratie. Parteien und ihre Programme treten in konstruktiven Wettstreit. Die Achtung vor der anderen Meinung, der Respekt gegenüber auch anderen Überzeugungen, sind dabei grundlegend. Gerade weil auch die christliche Tradition in ihrer Geschichte oftmals Intoleranz und Ausgrenzung befeuert hat, stehen wir als Kirchen heute in der Verantwortung, gemeinsam mit anderen für die Errungenschaften von Streitkultur und Demokratie einzutreten. Als Christ und Bürger gehe ich wählen, denn nicht nur die Regierenden haben eine Verantwortung, sondern auch die Regierten.

Von: Manfred Rekowski

4 Antworten auf „Wählen und streiten“

  1. War es nicht Zachäus, der auf einen Baum kletterte, damit er sich besser umsehen konnte, mit dem Wunsch im Herzen, den Erlöser zu finden? Dafür ließ er sein bisheriges Tagwerk ruhen. -Luk.19,1-10-

  2. @ Ulrich Pohl:
    Bei Paulus sehe ich eine ungeheure Weite, zB im 1. Korintherbrief. Auch die, die meinen, es gäbe viele Götter, haben Platz in der Gemeinde. Paulus schmeißt sie nicht hinaus. Und doch gibt es inhaltliche Maßstäbe. Wer seinen Standpunkt absolut setzt, wer dadurch die Gemende spaltet, für den gilt: Den wird Gott zerstören. Und im Galaterbrief sind die, die sich von anderen absondern, die Gemeinschaft verweigern, Feinde des Evangeliums, weil sie einen anderen Maßstab als Christus haben. Auch Jesus hängt Menschen Mühlsteine um den Hals, die auf den Schwachen rumtrampeln. Gegen Ausgrenzende war Jesus extrem ausgrenzend. Und lud sie doch – Luk 15 – ein, mitzufeiern und sich zu freuen. Aber es gibt eben die, die das ausschlagen, denen nur das wehe! und das Heulen und Zähneklappen bleibt. Wann ist Gesetz udn wann Evangelium angesagt? Schon Luther fand, dass sich daran zeigt, wer ein guter Theologe ist. Praktisch umgesetzt: Natürlich gilt es zu reden, solange jemand zum Gespräch bereit ist. Dies ist aber nicht immer der Fall, wie man bei der AFD schmerzlich erleben kann. Diese faktische Verweigerung hat man aufzudecken, wenn sie geschieht. Auch das gehört zur Streitkultur. Hamanns Briefe an Kant zur Kinderphysik sind da das Paradebeispiel aus der Kirchengeschichte.

  3. Es lebe die Streitkultur!
    Eines müssen wir einbringen: die Parteilichkeit Gottes für die Armen und Entrechteten. Dass wir als Kirche in der Demokratie leben und für ihren Erhalt arbeiten müssen. Dazu gehört für mich ein klares Statement für den Respekt vor den Corona-Schutzmaßnahmen, solange sie vernünftig sind. Und eine Analyse der undemokratischen Kräfte, die diese Kritik instrumentalisieren. Abgrenzung gegen faschistische Ideen, Reichsbürgertum und Menschenverachtung, das ist heute dran.

  4. Richtig, der Meinungsstreit in der Kirche braucht dringend wieder Kultur! Es ist höchste Zeit, dass man in der Kirche wieder das offene Wort wagen darf, ohne diffamiert oder ausgegrenzt zu werden. Das betrifft insbesondere Fragen der Willkommenskultur bis hin zu Seawatch 4 sowie die Zugehörigkeit zu allen(!) Parteien, insoweit sie als Organisationen nicht juristisch nachweisbar mit dem Grundgesetz in Konflikt stehen.
    Der Korridor, innerhalb dessen in einer durch Staatskirchenrecht gebundenen Kirche Meinungen geäußert werden dürfen, wird ebenfalls durch das Grundgesetz und seine Folgegesetze abgesteckt – und nicht etwa durch ein selbstverordnetes „Leitbild“, mit Hilfe dessen man andere dann doch wieder moralisch ausgrenzen kann.
    Schließlich keine Sorge! Ihre Einheit (nicht Einheitlichkeit!) muss die Kirche nicht selbst herstellen. Sie bekommt sie von ihrem Herrn geschenkt. Sie muss ihm nur vertrauen

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