„Wenn Du geredet hättest, Noah …“ – Geistliche Gedanken anlässlich der Fluterinnerung

16.7.2022

Thorsten Latzel

Hochwasser Warum, Noah? Warum hast Du nichts gesagt? Damals, bei der ersten, gewaltigen, weltweiten Flut vor aller Zeit, auf die so viele weitere Flutkatastrophen folgen sollten. ...

Warum, Noah? Warum hast Du nichts gesagt? Damals, bei der ersten, gewaltigen, weltweiten Flut vor aller Zeit, auf die so viele weitere Flutkatastrophen folgen sollten. Als Gott Dir den Auftrag gibt, eine Arche zu bauen – für Dich, Deine erweiterte Kleinfamilie, die ausgewählten Tiere. Als Gott das Böse auf Erden sieht und Dir kundtut:

Ich will die Menschen und Tiere, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, […] denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.“

In der ganzen Geschichte sprichst Du nichts. Kein einziges Wort. Hast Du aus Gehorsam geschwiegen, aus Trotz, aus stummer Verzweiflung? Kein gutes Wort für Deine Freunde, Nachbarn, Kollegen? Warst Du wirklich so viel frommer, heiliger als sie alle? Hast Du nicht einmal versucht, Gott von seinem Plan abzuhalten? Vielleicht hättest Du doch eine Chance gehabt.

So wie Abraham, als er mit Gott um das Schicksal Sodoms ringt. Sechsmal. Bis weit über die Grenzen jeder frommen Höflichkeit. „Herr, willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es könnten 50 Gerechte in der Stadt sein.“ Oder vielleicht 45, 40, 30, 20, 10?

So wie Mose, nachdem Israel das goldene Kalb angebetet hat. Da bietet Gott Mose an, Israel zu vernichten und mit ihm ein neues Volk zu gründen. Doch Mose lehnt ab. Er widerspricht Gott: „Das kannst Du nicht tun.“ Erinnert ihn an seine eigenen Verheißungen. „Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk angedroht hatte.“ Und Gott tat es nicht.

Ach, Noah, wenn Du geredet hättest … Wenn Du doch den Altar, den Du nach der Flut gebaut hast, vorher errichtet hättest. Als Gott Dein Opfer riecht, reut ihn die Reue gegenüber seiner Schöpfung. Und Gott verspricht, nie mehr alles Leben zu vernichten. Mit derselben Begründung, die am Anfang der Flut stand. „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“

Später wird von Dir erzählt, dass Du der erste Weinbauer warst. Was für eine Schönfärberei! Deine Söhne bedecken Dich, als Du volltrunken, nackt in Deinem Zelt liegst. Für mich klingt das mehr wie ein posttraumatisches Komasaufen. Vielleicht, weil die Geräusche, die Gerüche der Flut Dich nicht mehr verlassen haben.
Ach, Noah, wenn Du geredet hättest …!

Ein Jahr ist es her. Über 180 Menschen kamen damals bei der Flutkatastrophe ums Leben. Jede, jeder von ihnen einmalig: Mütter, Väter, Kinder, Freunde … Menschen haben von einem Tag auf den anderen alles verloren, was sie besaßen. Autos, Häuser wurden einfach weggespült.
Für Außenstehende, für Menschen mit sauberen Schuhen, ist es nur schwer zu begreifen, was das wirklich bedeutet. Und wie es das Leben seitdem verändert hat. Wenn plötzlich alle Erinnerungsfotos, Lieblingsbücher, Kleider, Möbel im stinkenden Schlamm stecken. Und wenn einem nichts bleibt als das, was man auf dem Leib trägt. Die Hilflosigkeit, wenn das Wasser weiter, immer weiter steigt: erst in den Keller, dann in Garage, Küche, Wohnzimmer, am Ende bis oben ins Schlafzimmer. Das Geräusch, wenn die Tür splittert. Der modrige Geruch. Die Angst um das eigene Leben und um das der Liebsten. Die Feuchtigkeit, die auch Tage, Wochen danach in den Mauern steckt – und in der eigenen Seele.

Aber eben auch die Dankbarkeit, wenn plötzlich Hilfe kommt. Wenn wildfremde Menschen Essen bringen, saubere Kleider. Helferinnen und Helfer, die oft bis zur Erschöpfung arbeiten, um den Schlamm aus dem Haus zu schaffen. Es gab eine immense Spenden- und Hilfsbereitschaft, wie wir sie selten erlebt haben. Eine Frau drückte das so aus:
„Ich habe nicht geweint, als das Wasser kam. Ich habe erst geweint, als die Hilfe kam. Das hat mir den Glauben an Gott und die Menschheit wiedergegeben.“
Zwischen vielen Nachbarn ist seitdem eine tiefe, solidarische Gemeinschaft entstanden, weil sie gemeinsam mitten im Schlamm steckten und nur gemeinsam wieder herausfinden konnten.
Aber es gab auch Enttäuschungen. Weil es oft nur stockend voranging. Weil es Menschen gab, die die Not anderer ausgenutzt haben. Weil es nach der Flut nie wieder so wurde wie davor.
Es ist wichtig, sorgsam zuzuhören. Hinzuhören auf das, was die Menschen Verschiedenes erfahren haben. Weil die Flutkatastrophe an jedem Ort ein anderes Gesicht hatte. Hier in Euskirchen wie in den vielen anderen Städten, die von der Flut betroffen waren: im Ahrtal, in Trier-Ehrang, Sinzig, Erftstadt-Blessem, Hagen, Bad Münstereifel, Inden, Leverkusen-Opladen.

Als Kirche haben wir Flutseelsorger-/innen entsandt: geschulte Menschen, die zuhören, seelsorglich beraten, diakonisch helfen. Gerade diese Flutseelsorger-/innen berichten, wie unterschiedlich die Gefühle damals waren und heute sind – ein Jahr danach. Der Dank der einen, in einem neuen Haus zu wohnen, noch einmal neu anfangen zu können. Die Wut und Verzweiflung der anderen, die immer noch auf Genehmigungen und Gelder warten. Die Wunden, die alle in der einen oder anderen Weise aus der Zeit mit sich tragen und die sie sehr verschieden verarbeiten.
Viele Menschen berichten, wie die Flut und die Zeit danach sie tief verändert haben. Eine andere Frau erzählte mir: „Als die Flut kam, war von einem Tag auf den anderen alles weg. Wir hatten wirklich nichts als die Kleider auf dem Leib. Das war wie bei meiner Mutter, die nach dem Krieg flüchten musste. Uns ging es natürlich besser. Wir hatten Geld. Konnten später wieder neue Sachen kaufen. Das habe ich vor der Flut auch gerne gemacht – Schuhe, Taschen shoppen. Aber das ist anders, wenn alles weg ist, was einmal zu einem gehört hat. Das lässt sich nicht wiederherstellen. Und neu anfangen, kostet einfach Kraft.“
Es ist wichtig, dass wir uns weiter die Zeit zum Zuhören nehmen. Um hinzuhören auf das, was die Menschen konkret erfahren haben – in der Flut und in dem Jahr danach.

Ich selbst lese nach der Flutkatastrophe des letzten Jahres manche biblische Geschichte anders – auch die von der Sintflut. In ihr wird ein bestimmtes Bild von Gott verabschiedet. Nein, Gott beseitigt nicht mit Fluten oder Naturkatastrophen das Böse in der Welt. Diese „einfache Lösung“ ist allzu einfach. Sie würde die Vernichtung der Welt bedeuten: aller Menschen und der gesamten Schöpfung. Nein, Gott erhält seine Schöpfung. Das ist sein erklärter Wille.
Und er setzt darum allen Chaosmächten eine Grenze. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“
Dieses Versprechen Gottes gilt. Unbedingt. Dafür steht der Regenbogen als Zeichen der Hoffnung.
Damit wird zugleich auch eine bestimmte Form verabschiedet, wie wir, wie ich glaube und lebe. Glauben heißt nicht: „Rette Dich und Deine eigene Kleinfamilie und schau gottergeben dem Untergang der Welt zu.“ Das ist eine ebenso egozentrische wie fatalistische Frömmigkeit. Sie hat mit dem Glauben an Gott als Schöpfer allen Lebens nichts, aber auch gar nichts gemeinsam. Glauben heißt vielmehr: Mit Gott für den Erhalt seiner Schöpfung zu streiten. Und an der Seite aller zu stehen, die von Fluten und Katastrophen betroffen sind. Bei uns und überall auf der Welt.
„Du, Gott, hast uns Dein Wort gegeben. Gib uns auch die Kraft, gegen die Fluten zu kämpfen, füreinander da zu sein und Deine Schöpfung sorgsam zu bewahren.“
Die Flut vor einem Jahr hatte keinen Sinn. Sie hat wahllos Menschen getötet und Leben zerstört. Die Frage ist, wie wir nach der Katastrophe weiterleben, wie wir sinnvoll ein Jahr danach mit ihr umgehen. Wir brauchen Menschen, die für andere da sind, einfach zuhören und sich von der Not anderer bewegen lassen. Wir brauchen als Gesellschaft die Ruhe, um innezuhalten und umzukehren, um wirklich anders zu leben. Wir brauchen eine Gemeinschaft, in der wir einander beistehen – ob in Gummistiefeln, am Gartenzaun oder indem wir anderen die Sorge vor dem kommenden Winter nehmen. Wir brauchen Politiker-/innen und Entscheider, die dafür sorgen, dass die Hilfe wirklich bei den Betroffenen ankommt.

„Noah“ – der Name leitet sich wohl von „Ruhe“ oder „Trost“ ab. Lasst uns auf neue, andere Weise für einander zu einem Noah, einer Noah werden. Lasst uns reden und nicht schweigen, wenn die Not andere trifft. Lasst uns Gott an seine Versprechen erinnern: „Du hast Dein Wort gegeben.“ Lasst uns anpacken und teilen, wo andere Hilfe brauchen. Und lasst uns so für einander zu Trost und Ruhe, zu Noah werden.

 


Theologische Impulse (118) von Präses Dr. Thorsten Latzel

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