Christen und Juden muten sich schwere Fragen zu – und keine einfachen Antworten

5. Mai 2014 von Barbara Rudolph

Ich bin mitten in der Jerusalemer Altstadt im Tagungszentrum der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land (ELKJHL), der palästinensischen Partnerkirche der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die Situation in Israel und Palästina ist angespannt, während warme Frühsommerluft durch die offenen Fenster dringt und mit ihr der Muezzinruf oder Glockengeläut, ist die Diskussion in unserem Tagungsraum eher hitzig.

Zum zweiten Mal  haben die beiden Kirchen, EKiR und ELKJHL, zusammen einen Workshop organisiert, der in seiner Form und Besetzung einmalig ist. Das Thema: Land und Wasser in Israel und Palästina.

ELCJHL and Evangelische Kirche im Rheinland Host Second Jewish-Christian Dialogue
Teilnehmende aus ELKJHL and EKiR beim Second Jewish-Christian Dialogue

Die 25 Teilnehmenden können unterschiedlicher nicht sein: palästinensische Pfarrer aus der Westbank mit ihrem Bischof Munib Younan, palästinensische Christen und jüdische Rabbis aus Israel, außerdem jüdische Gesprächspartner aus den USA und Europäer, die im christlich-jüdischen Dialog engagiert sind. Sie sind da, um aufeinander zu hören, die unterschiedlichen Perspektiven auszuhalten, Verletzungen und Ängste wahrzunehmen und aktuelle Probleme zu besprechen. Mich beeindruckt ein palästinensischer Baptist, der an dem palästinensischen „Kairos-Papier“ mitgearbeitet hat: „Wir können nur miteinander in diesem Land leben. Darum sind wir verpflichtet, miteinander zu reden und aufeinander zu hören. Wir haben nicht einfache Antworten auf die drängenden Fragen, aber wir haben Verantwortung füreinander.“

Es gibt keine Referate oder Vorträge. Wir studieren zusammen biblische Texte zum Thema „Land und Wasser“. Wem gehört das „Heilige Land“? Was heißt es, dass die Bibel feststellt: Die Erde gehört Gott? Und Land ist dafür da, dass Frieden und Gerechtigkeit sich küssen (Psalm 85). Neben den Text stellen wir den Kontext: Pfarrer Ashraf Tanous aus Beit Sahour berichtet, dass er im Sommer mitunter zwei Wochen kein Wasser in seinem Haus hat. Wir fahren dort hin, nach Beit Sahour in der Westbank. Wir sehen die Arbeit, die die palästinensische Kirche dort macht, wie sie in der Schule Kinder und Jugendliche ausbildet: „Sie lernen mit dem Kopf, aber auch handwerkliche und musische Fächer. Darüber hinaus haben sie besonderen Lernstoff: sie lernen  Mediation und Konfliktlösung. In ein paar Jahren werden sie Verantwortung übernehmen und dann sollen sie Fähigkeiten erworben haben, die Gesellschaft konstruktiv zu gestalten.“ Die kleinen christlichen Gemeinden bieten auch den muslimischen Kindern und Jugendlichen Ausbildungschancen.

Zurück in Jerusalem sehe ich in einer Pause einen jungen Vikar der palästinensischen Kirche im Gespräch mit Deborah Weissman, der Präsidentin des Internationalen Rates der Christen und Juden (ICCJ). Er löchert sie mit  Fragen, erzählt von den brennenden Problemen seiner Gemeinde, sie berichtet ihm von ihrem langen Weg, auf dem sie sich für Gerechtigkeit einsetzt. Und wo sie beide Sackgassen sehen, da erzählt sie ihm einen jüdischen Midrasch. „Ich habe so viel gelernt, wie ich es nie für möglich gehalten habe“, sagt der Vikar in der Auswertungsrunde am Schluss und umarmt Deborah beim Abschied herzlich.

Nachdenklich sagt ein Rabbiner aus Jerusalem: „In den Tiffilin (den kleinen Lederkästchen, die sich Juden beim Gebet um Kopf und Arm binden) befinden sich Bibelverse, am Kopf sind es mehrere, am Arm nur ein Bibelvers. Das heißt: die Gedanken und Ideen im Kopf können viele sein und in verschiedene Richtungen gehen. Am Arm, mit dem wir handeln, ist nur ein Bibelvers, da muss es konkret sein und in eine Richtung gehen.“

So wird es auch auf der Konferenz konkret, der nächste Workshop 2015 wird von Anfang bis Ende in der Westbank stattfinden. Thema ist das „Kairos-Papier“, das in vielen Kirchen weltweit sehr kontrovers diskutiert wird, nicht zuletzt, weil dort ein Aufruf der Palästinenser zum Boykott enthalten ist. Die jüdischen und christlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollen sich gemeinsam den Herausforderungen dieses Textes stellen und – auf Vorschlag des palästinensischen Bischofs – eine gemeinsame Stellungnahme erarbeiten. Das ist eine Entwicklung, die möglich ist, weil die EKiR (und die Kaiserwerther Schwestern) der palästinensischen Kirche seit ihren Anfängen verbunden ist, genauso wie sie sich dem christlich-jüdischem Dialog verpflichtet weiß.

An der Konferenz haben aus der EKiR neben mir Dr. Rainer Stuhlmann (zurzeit Studienleiter in Nes Ammim, Israel), Prof. Dr. Berthold Klappert und Landespfarrer Dr. Volker Haarmann (der die Tagung auch vorbereitet hat) teilgenommen.

Barbara Rudolph, Oberkirchenrätin

2 Antworten auf „Christen und Juden muten sich schwere Fragen zu – und keine einfachen Antworten“

  1. Endlich wird die rheinische Kirche auch hier aktiv. Ich hatte über viele Jahre den Eindruck, dass sie nach der Abgabe von Thalita Kumi an den Jerusalemsverein kein großes Interesse an der ev.-luth. Kirche von Jordanien hatte und vor allem an dem (notwendigen) christlich-jüdischen Dialog interessiert war, aber kaum an den arabischen Christen. Ulrich Hoffmann, Pfr.i.R.

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